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Moderieren ist alles: Frauen im Polittalk - Essay


27.11.2009
Früher dominierten knorrige alte Herren die politischen Talkshows im deutschen Fernsehen. Heute leiten Frauen die wichtigsten Polit-Sendungen, während viele ihrer männlichen Kollegen für Unterhaltung zuständig sind.

Einleitung



Früher, in den 1950er und 1960er Jahren, war es noch ganz einfach. Am Sonntagmorgen ging man in die Kirche, zum Fußball oder spazieren, während zu Hause der eingelegte Sauerbraten schon darauf wartete, in die Röhre geschoben zu werden. Kurz vor zwölf stellte Vater den Fernsehapparat an, während Mutter in der Küche mit den Töpfen klapperte. Und da es sowieso nur zwei Programme gab, war auch für die Kinder klar: Jetzt kam der "Internationale Frühschoppen" - mit Werner Höfer und "sechs Journalisten aus fünf Ländern". Zahlreiche Funkhäuser waren "angeschlossen", und so war die Fernseh-Diskussionsrunde nahezu von Beginn an eine Institution der frühen Bundesrepublik. Sie hielt sich eine kleine Ewigkeit: von August 1953 bis Ende 1987, über 34 Jahre lang. Höfer fehlte an keinem einzigen Sonntag. Er machte nie länger als eine Woche Urlaub. Nur ein einziges Mal musste er sich wegen einer Sturmflut, die ihn am Übersetzen aufs Festland hinderte, telefonisch aus Sylt zuschalten lassen. Erst als unangenehme Einzelheiten aus Höfers Vergangenheit in der Nazi-Zeit publik wurden, musste er aufgeben.






Er war ein aktiver Mitläufer (und NSDAP-Mitglied seit 1933) gewesen wie so viele, aber seine journalistische Arbeit nach 1945 bleibt bis heute legendär. Seine politische Sachkenntnis war so beeindruckend wie sein Arbeitspensum, darunter die regelmäßige Lektüre von zwei Dutzend Tageszeitungen. In grammatikalisch oft kompliziert konstruierten, gleichwohl präzise formulierten Fragen, die auch den ein oder anderen ironisch-sarkastischen Einschub vertrugen, versuchte er, die jeweils aktuelle Weltlage zu entziffern, besser: seinen Gesprächspartnern deren möglichst plausible Interpretation zu entlocken.

Trotz aller nüchternen Lakonie und ausgleichender Fairness war ein Glutkern politischer Leidenschaft deutlich spürbar, eine Art geschichtsphilosophischer Emphase. Mit seiner eigenen Meinung hielt er in der Regel nicht hinter dem Berge. Selbstverständlich waren fast immer ein sowjetischer und ein amerikanischer Kollege mit von der Partie, und zuweilen wehte ein Eishauch des Kalten Krieges durchs Kölner Studio, etwa, wenn der sowjetische Kollege mit rollendem R und finsterer Miene den "unverrückbaren Friedensstandpunkt" des Kreml beteuerte.

Natürlich saßen, von ganz seltenen Ausnahmen wie Marion Gräfin Dönhoff und Julia Dingwort-Nusseck abgesehen, nur Herren in der illustren Runde, und es durfte selbstverständlich geraucht werden - auch Zigarillos. Die einzige Frau im Raum huschte immer wieder mit gestreifter Schürze kurz durchs Bild, wenn sie den "Maikämmerer Heiligenberg Riesling Spätlese" nachschenkte. Denn selbstverständlich durfte während des Debattierens auch getrunken werden. Alles andere, etwa ein Glas Selterswasser, hätten sich die Herren auch strengstens verbeten. Schon diese kleine Reminiszenz offenbart die dramatischen Veränderungen in den vergangenen Jahrzehnten.



 
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