APUZ Dossier Bild

20.11.2009 | Von:
Parinas Parhisi

Frauenrechte in Iran

Inneriranische Debatten und Frauenrechte

Die Kritik der "religiösen Aufklärer" wird in Iran seit gut zwei Jahrzehnten geäußert. Sie basiert auf religiösen Argumenten und fordert letztlich die Akzeptanz der globalen Menschenrechte, sogar auch entgegen offenkundiger Vorgaben und Inhalte des islamischen Rechts. Zahlreiche religiöse Denker argumentieren im Hinblick auf die Notwendigkeit zur Anpassung islamischer Rechte an die Herausforderungen von Zeit und Raum mit der Dynamik der Scharia. Das Bemühen der Denker[20] zielt darauf, die Normen und Gesetze des Islam, den sie als einen wesentlichen Identitätsfaktor betrachten, mit der Moderne zu versöhnen. Auch Frauenrechte werden in diesem Kontext debattiert und nach Reformmöglichkeiten gefragt.

"Religiöse Aufklärer"

Besonders hervorzuheben ist der hermeneutische Ansatz von Mohammad Modschtahed Schabestari.[21] Er tritt für ein ideologiekritisches Verständnis der Religion ein und versteht Menschenrechte und Demokratie als Produkte der menschlichen Vernunft. Nach Schabestaris Auffassung steht das moderne Menschenrechtsverständnis nicht im Widerspruch zu der dem Koran immanenten göttlichen Wahrheit. Das Wissen von Gott und seinen Geboten ist für Schabestari immer menschliches Wissen und als solches niemals absolut und veränderlich. Dieser Ansatz kann für neue Lösungen im Bereich der Frauenrechte fruchtbar gemacht werden.

Spannend für die Frauenfrage ist weiterhin Mohsen Kadivar, der sich im Kreis der Diskursakteure als einziger explizit und ausführlich mit Frauenrechten im Islam befasst und dafür die Menschenrechte als Maßstab heranzieht. Im Zentrum seiner Betrachtungen steht die Frage, ob das islamische Recht, genauer gesagt, ob die traditionelle Lesart des Islam mit der Demokratie und den Menschenrechten vereinbar ist. Die Historisierung des islamischen Rechts ist nach Kadivar der Schlüssel zu Demokratie, Menschen- und Frauenrechten.[22] Demnach sind die islamischen Lehren im Kontext der Geschichte und damit als wandelbar zu betrachten. Kadivar rät dazu, sich mit der sinngemäßen Bedeutung religiöser Fakten differenziert auseinanderzusetzen und diese nicht unreflektiert für vermeintlich richtige traditionelle Auslegungen dienstbar zu machen.

Frauen im Diskurs

Zwar können die Frauen - wie einst im früheren Europa - keine eigene Theorienschöpfung vorweisen. Mit zunehmender Bildung haben sich Frauen aber intensiv der Aufgabe gestellt, die im inneriranischen Diskurs gewonnenen Erkenntnisse hinsichtlich der Neuinterpretation religiöser Normen in zivilgesellschaftlichen Foren, insbesondere in Frauenzeitschriften, zu rezipieren.[23] Die Magazine sind signifikant für die Arbeit der Frauen - fungieren diese doch ungeachtet ihrer religiösen oder säkularen Ausrichtung als Herausgeberinnen, verfassen Fachartikel oder veranstalten Diskussionsforen. So versuchen Männer wie Frauen in der Zeitschrift Zanan, eine neue Definition des Islam und des Feminismus zu entwickeln, um die Möglichkeit eines genuin islamischen Feminismus auszuloten.[24] Frauenrechtlerinnen greifen auf die hermeneutischen Lösungsvorschläge zurück und machen diese für Frauenrechte dienstbar. Sie sind ein wichtiger "Motor" für die sich in der Entwicklung befindende feministische Rechtswissenschaft, die nur über ein substanzielles Überdenken der Rechtswissenschaft insgesamt ermöglicht wird.[25] Es geht bei der kritischen Betrachtung der Normen um die Frage Gerechtigkeit, die gerade im schiitischen Islam eines der fünf Glaubensprinzipien darstellt.

Fußnoten

20.
Vgl. Katajun Amirpur, Unterwegs zu einem anderen Islam, Freiburg 2009.
21.
Vgl. Mohammad Mojtahed Schabestari, Hermeneutische Überlegungen zur islamischen Theologie und Rechtswissenschaft, in: Österreichisches Archiv für Recht und Religion, 47 (2000) 2, S. 227 - 237.
22.
Vgl. Mohsen Kadivar, Vom historischen Islam zum spirituellen Islam (az eslam-e tarikhi be eslam-e manawi), in: Abdolkarim Soroush/Mohammad Modjtahed Shabestari/Mostafa Malekian/Ders. (Hrsg.), Tradition und Säkularismus (sonnat wa sekularism), Teheran 2002, S. 405 - 431.
23.
Lesenswert: Liselotte J. Abid, Journalistinnen und Gesellschaftspolitik im Iran - drei Beispiele aus einem breiten Spektrum, in: Barbara Pusch (Hrsg.), Die neue muslimische Frau, Würzburg 2001, S. 233 - 249.
24.
Vgl. Ziba Mir-Hosseini, Islam and Gender, The Religious Debate in Contemporary Iran, New Jersey 1999, S. 276.
25.
Vgl. Luise Halper, Law and Women's Agency in Post-Revolutionary Iran, in: Harvard Journal of Law & Gender, 28 (2005), S. 133ff.

Dossier

Iran

Iran ist ein sehr junges Land: Rund zwei Drittel der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre, und sie sind unzufrieden über die wirtschaftliche Situation. Trotz staatlicher Zensur und Repressionen hat sich in Iran eine vielfältige Zivilgesellschaft entwickelt.

Mehr lesen