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20.11.2009 | Von:
Nasrin Alavi

Kinder der Revolution - Die iranische Blogosphäre

Während der Proteste nach der Präsidentschaftswahl in Iran im Sommer 2009 wurden Posts bei Twitter und in Blogs zu unverzichtbaren Informationsquellen des Widerstands. Die iranische Blogosphäre gibt ein unverfälschtes Bild der Gespräche und Unterhaltungen der aufstrebenden, gebildeten Jugend.

Einleitung

Während der Proteste nach der Präsidentschaftswahl in Iran im Sommer 2009 wurden Posts bei Twitter und in Blogs zu unverzichtbaren Informationsquellen des Widerstands. Die iranische Blogosphäre gibt ein unverfälschtes Bild der Gespräche und Unterhaltungen der aufstrebenden, gebildeten Jugend.






Wir beobachten hier ein Phänomen ähnlich der jungen Islamisten, die in den frühen 1970er Jahren an der Teheraner Universität ihren eigenen uniformistischen Stil erfanden, woraus sich der revolutionäre Hedschab entwickelte, der sich seitdem von Kairo bis London ausgebreitet hat: Dieses neue Auftreten der jungen revolutionären Studentinnen in ihren schlichten farbigen Mänteln, Laufschuhen, mit praktischen und einfachen Kopftüchern, die die Stirn bedecken und im Genick verknotet werden, war erfrischend jugendlich. Sie waren so anders, als die Frauen in ihren traditionellen schwerfälligen schwarzen Tschadors, aber eben auch anders als die Frauen in ihren ebenso schwerfälligen Plateauschuhen und ihren Miniröcken. Ihr Erscheinungsbild war etwas völlig neues und wurde bald von jungen muslimischen Frauen in der ganzen Welt übernommen.

Die junge iranische Generation hat ihre eigene Subkultur, ihr eigenes schwer einzuordnendes Weltbild, das sich in ihrer Musik und ihren Slangs ausdrückt. So manche iranischen Eltern versuchen, nicht allzu beunruhigt und altmodisch zu wirken, wenn sie hören, wie die eigenen Söhne ihre Freunde "Haddschi" rufen. Denn für ihre Generation bedeutet der Begriff "Haddschi" oder "Haddsch" die islamische Ehrenbezeichnung für eine Person fortgeschrittenen Alters, die die Pilgerfahrt nach Mekka unternommen hat. Und es ist für sie unvorstellbar, diesen Begriff beispielsweise mit einem Mann zu assoziieren, der Piercings und lange Haare trägt.

Für Untergrund-Rapper wie die Hichkas scheint nichts tabu zu sein, weder extreme Sozialunterschiede, Liebe, Partnersuche, Sex oder Drogen. Es gibt kein Thema, das nicht angesprochen werden darf, um den aus der Mitte der Gesellschaft kommenden Protest dieser Generation in Worte zu fassen. In einem ihrer beliebtesten Hits "Bunch of Soldiers"[1] singen sie von ihrer Dankbarkeit für die "Opferbereitschaft der Shahids" (Märtyrer) des Iran-Irak Krieges (1980 bis 1988), die dafür starben, eine Invasion zu verhindern. Gleichzeitig wird aber deutlich, dass sie nun "genug durch das Feuer gegangen sind" und Frieden suchen.

Der Konflikt zwischen Globalisierung und Tradition hat in Persien einen Schmelztiegel ganz eigenständiger Art entstehen lassen. Denn die Hichkas fühlen sich gleichermaßen im Rap wie im schiitischen Glauben Irans zu Hause und haben keine Probleme, beides zu kombinieren. Diese junge Generation hat lange Zeit versucht, der anhaltenden Flut der Popsongs aus der iranischen Diaspora von Los Angeles zu entkommen, und orientiert sich eher an Untergrund-Musikern, die einen Bezug zu ihrer eigenen, sich ständig wandelnden Realität haben. Untergrund-Sänger wie Benyamin, der "Reformhymnen" über schiitische Ikonen im Trance-Techno-Stil produziert, werden von vielen der älteren säkularen Gebildeten Irans, wie auch von den konservativen Geistlichen, verabscheut. Ebenso Stars wie Amir Tataloo[2], der vom "Blut der Märtyrer" sang, um damit den Präsidentschaftskandidaten Mir Hossein Mussawi zu unterstützen, den Mann, den Millionen Iraner für den eigentlichen Gewinner der im Juni 2009 abgehaltenen Wahl halten. Das herrschende System zögerte nicht, diese Musiker als "vom Westen inspirierte Clowns" und die auf die umstrittenen Wahlen folgenden Massenproteste als "vom Westen gelenkt" zu bezeichnen.

Mussawi beschrieb die junge Generation Irans als ein "Wunder der Islamischen Revolution", die sich selbst durch die "Grüne Bewegung" - Grün ist die Symbolfarbe seiner Wahlkampagne -, ins Rampenlicht gerückt habe. Voraussetzung hierfür ist jedoch die Bereitschaft, diese Generation wahrzunehmen - was keine Schwierigkeit sein sollte, sind doch zwei von drei Bürgern jünger als 30 Jahre. Sie war es, die während der Sommermonate mit ihren Beiträgen bei Twitter und ihren Blogs weltweit als Stimme des Widerstands einer Nation auf sich aufmerksam machte. Der hashtag iranelection dominierte den Mikroblogging-Dienst Twitter und löste eine weltweite Solidaritätskampagne aus.

Fußnoten

1.
Übersetzung aus dem Englischen: Gritta Leveques, Luxemburg. Aus Sicherheitsgründen werden die Namen einiger im Artikel genannter Blogger anonymisiert wiedergegeben.

Vgl. www.youtube.com/watch?v=QU1NNAH6b_g&feature=related (11.11. 2009).
2.
Vgl. www.youtube.com/watch?v=7msXv8Mu79Q &feature=related (11.11. 2009).

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