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Dimensionen sozialer Gerechtigkeit

6.11.2009

Die Grundidee



Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit zielen immer auf die Frage, wie Rechte, Positionen, materielle und immaterielle Güter in einer Gesellschaft verteilt werden sollen. Ausgangspunkt sind Konflikte darüber, wer was und wie viel erhalten soll. Da in einer Gesellschaft nicht nur Güter, sondern auch Lasten verteilt werden müssen, gibt es immer auch Konflikte darum, wer in welchem Ausmaß Einschränkungen in Kauf nehmen muss. Die formale Forderung der Gerechtigkeit zielt darauf ab, diese Konflikte durch eine unparteiische Anwendung allgemeiner Regeln zu lösen, so dass niemand benachteiligt wird. Dies gilt insbesondere in einem demokratisch verfassten Gemeinwesen, das allen Bürgerinnen und Bürgern die gleichen Rechte zubilligt. Der Staat trifft über die Gesetzgebung und über die Gestaltung gesellschaftlicher Institutionen Verteilungsentscheidungen und übt so Herrschaft aus. Diese Herrschaftsausübung muss in ihren einzelnen Entscheidungen begründet und in Einklang mit den individuellen Freiheitsrechten sein. Empirisch zeigt sich, dass Ungleichheiten erst dann als ungerecht wahrgenommen und benannt werden, wenn die Verteilung durch ein absichtsvolles Handeln oder Unterlassen herbeigeführt wurde und die verantwortlichen Akteure keine ausreichende Rechtfertigung für die Verletzung legitim angesehener Anrechte vorlegen können.[2]

Wenn mit der sozialen Gerechtigkeit normative Erwartungen an die gesellschaftliche Verteilung von Gütern und Lasten formuliert werden, so ist dies historisch gesehen ein vergleichsweise junges Phänomen. Denn erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird soziale Gerechtigkeit zu einer in den politischen Auseinandersetzungen gebrauchten programmatischen Forderung. Dies ist unmittelbar verknüpft mit dem Ausbau der europäischen Wohlfahrtsstaaten nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Wohlfahrtsstaat übernimmt fürsorgende Aufgaben, die vorher der Familie zufielen (z.B. Versorgung im Krankheitsfall oder im Alter) und es wird von ihm erwartet, bei einem Versagen der Märkte - insbesondere des Arbeitsmarktes - kompensierend einzugreifen. Er übernimmt für seine Mitglieder eine "Ausfallbürgschaft", das heißt, er gewährt bei unverschuldeten Notlagen wie Krankheit oder Erwerbsunfähigkeit eine Absicherung. Zugleich wird die Gesellschaft als ein Kooperationszusammenhang verstanden und ihren Mitgliedern ein Anrecht auf die Früchte dieser Zusammenarbeit zugestanden, was zugleich an die Erwartung gekoppelt ist, entsprechende Beiträge zur allgemeinen Wohlfahrt zu leisten.

Eine zentrale Funktion kommt dabei der Idee der sozialen Gerechtigkeit zu. Sie besagt, dass es bei der Verteilung von Gütern und Lasten zu keiner systematischen Bevorzugung oder Benachteiligung einzelner Gruppen kommen soll (Unparteilichkeit), die bestehenden Verteilungsregeln für alle gleich angewandt werden sollen (Gleichheitsgrundsatz) und der Einzelne als legitim angesehene Anrechte geltend machen kann. Während in den 1960er und 1970er Jahren soziale Gerechtigkeit primär mit der (Um-)Verteilung von Einkommen und Vermögen gleichgesetzt wurde, wird das ihr zugrunde liegende Verteilungsproblem mittlerweile breiter verortet. Es geht nun um eine gerechte Verteilung von Chancen, also den Möglichkeiten, seine eigenen Lebenspläne zu verwirklichen. Dies umfasst nicht nur die materielle Absicherung oder einen Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand, sondern vor allem auch den Zugang zu Bildung, Kultur und die Ermöglichung politischer Teilnahme.


Fußnoten

2.
Vgl. Gerold Mikula, Gerecht und ungerecht: Eine Skizze der sozialpsychologischen Gerechtigkeitsforschung, in: Martin Held/Gisela Kubon-Gilke/Richard Sturm (Hrsg.), Normative und institutionelle Grundfragen der Ökonomik. Jahrbuch 1, Marburg 2002, S. 257-278.

 
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