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Gefühlte (Un)Gerechtigkeit

6.11.2009

Gerechtigkeitskonzepte und gefühlte Ungerechtigkeit



Gerechtigkeit ist allgemein gesehen ein moralisch hochstehendes, anspruchsvolles Wertekonzept, ein hochwertiger Beurteilungsmaßstab, dem es allerdings meist an Prägnanz und Konsistenz fehlt. Gerechtigkeit stellt oft die letzte Begründung dar, auf die man sich berufen kann, ohne unbedingt weitere Argumente liefern zu müssen. In den Augen der Bevölkerung gehört sie zwar zu den hohen Werten, aber in unserer Kultur nicht zu denen, die bedingungslos zu verteidigen sind. Beispielsweise rechnen nur wenige Bundesbürger (etwa 1 Prozent) Gerechtigkeit zu den Zielen, für die es sich lohnen würde, das eigene Leben einzusetzen.[4] Sie wird zwar von vielen gewünscht und gefordert, aber es handelt sich auch um eine Wertvorstellung, die schwer zu definieren ist. Nur wenige haben ein elaboriertes Gerechtigkeitskonzept. Die Vorstellungen der Bevölkerung über Gerechtigkeit sind uneinheitlich und es gibt einen allgemeinen Meinungskampf um das angemessene Konzept und die vorherrschenden Gerechtigkeitsempfindungen.

Vor allem in der Philosophie gibt es herausragende Bemühungen, Gerechtigkeit verbindlich zu definieren. Betrachtet man anerkannte philosophische Gerechtigkeitskonzepte - beispielsweise das libertäre von Friedrich August von Hayek, das sozialliberale von John Rawls, das kommunitaristische von Michael Walzer oder das aktivitätsorientierte von Amartya Sen -, dann ist Gerechtigkeit stark durch Rationalität gekennzeichnet.[5] Nicht zuletzt wird die Bedeutung von " Chancengleichheit" oder "Verwirklichungschancen" in den Vordergrund gestellt: Nicht soziale Gleichheit ist das gesellschaftliche Anliegen in der Moderne, sondern als sozial gerecht wird angesehen, wenn die Menschen gleiche Startchancen haben und ihr Potenzial ausschöpfen können.

Eine Vielfalt von Gerechtigkeitszielen bildet die normative Grundlage des deutschen Sozialstaats.[6] Beim Versuch die Gerechtigkeitsdebatte zu strukturieren, wird ein "magisches Viereck" der Gerechtigkeit aufgezeigt, das die Bezugspunkte Chancen-, Bedarfs-, Leistungs- und Generationengerechtigkeit enthält.[7] Von anderen Experten werden ebenfalls vier Paradigmen der sozialen Gerechtigkeit genannt: Bedarfs- und Leistungsgerechtigkeit einerseits, produktivistische Gerechtigkeit und Teilhabegerechtigkeit andererseits.[8] Diese Bezugspunkte stehen in wechselseitiger Abhängigkeit; teils verhalten sie sich gegensätzlich, wie etwa Bedarfs- und Leistungsgerechtigkeit, teils unterstützen sie sich, wie zum Beispiel Bedarfs- und Generationengerechtigkeit.

Die Ausarbeitung dieser Gerechtigkeitskonzeptionen ist eine herausragende philosophische Leistung, die bis tief in die Wissenschaften und politischen Parteien hinein zu Übernahmen geführt hat. Aber diese akademischen Gerechtigkeitskonzepte sind den meisten Menschen allenfalls bruchstückhaft bekannt. Demgegenüber steht, dass es überall irgendeine Form von Gerechtigkeitsvorstellung gibt[9] und Gerechtigkeitsgefühle, -empfindungen und -urteile bestehen. Auch wenn eine Person keine Gerechtigkeitsgefühle ausgebildet hat, entwickeln sich zumindest Gefühle der Ungerechtigkeit. Während unterschiedliche Gerechtigkeitseinstellungen die Bevölkerung trennen, wirken übereinstimmende Einstellungen verbindend.


Fußnoten

4.
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann/Renate Köcher (Hrsg.), Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1993-1997, München 1997, S. 66.
5.
Vgl. Wolfgang Merkel/Mirko Krück, Soziale Gerechtigkeit und Demokratie: auf der Suche nach dem Zusammenhang, Bonn 2003.
6.
Vgl. Frank Nullmeier, Gerechtigkeitsziele des bundesdeutschen Sozialstaats, in: Leo Montada (Hrsg.), Beschäftigungsziele zwischen Effizienz und Gerechtigkeit, Frankfurt/M. 1997.
7.
Vgl. Irene Becker/Richard Hauser, Soziale Gerechtigkeit - ein magisches Viereck, Berlin 2009.
8.
Vgl. Lutz Leisering, Paradigmen sozialer Gerechtigkeit, in: Stefan Liebig/Holger Lengfeld/Steffen Mau (Hrsg.), Verteilungsprobleme und Gerechtigkeit in modernen Gesellschaften, Frankfurt/M. 2004, S. 29-68.
9.
Vgl. Friedrich Heer (Hrsg.), Für eine gerechte Welt. Große Dokumente der Menschheit, Darmstadt 2004.

 
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