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Gefühlte (Un)Gerechtigkeit

6.11.2009

Persönliche Verteilungsgerechtigkeit



Soziale (Un)Gerechtigkeit kann prinzipiell aus zwei Perspektiven beurteilt werden: Die eine Frage ist, ob sich ein Individuum von Ungerechtigkeit betroffen fühlt. Die andere ist, ob es die Wohlfahrtsverteilung insgesamt als (un)gerecht wahrnimmt. Im Regelfall kommt es zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen, die klar auseinandergehalten werden sollten. In der Umfrageforschung liegen für beide Problemstellungen Indikatoren vor, die zusammengenommen Umrisse der Einstellungen zur Gerechtigkeit vermitteln.[10] Das Konzept, das eindeutig auf die persönlich empfundene Gerechtigkeit zugeschnitten ist, wird "persönliche Verteilungsgerechtigkeit" genannt. Diese bezieht sich auf die in vielen Umfragen verwendete Frage: "Im Vergleich dazu, wie andere hier in Deutschland leben: Glauben Sie, dass Sie Ihren gerechten Anteil erhalten, mehr als ihren gerechten Anteil, etwas weniger oder viel weniger?"

Von einer gefühlten Ungerechtigkeit wird gesprochen, wenn jemand "etwas weniger" oder "viel weniger" antwortet. Der Anteil derjenigen, die sich ungerecht behandelt fühlen, ist in der "alten Bundesrepublik" seit 1980 leicht gestiegen. Im ökonomischen Krisenjahr 2008 hat der Anteil gefühlter Ungerechtigkeit im Westen erstmals die 40 Prozent überschritten. In Ostdeutschland ist dieses Gefühl weit stärker ausgeprägt: Hier glauben um 1990 über 80 Prozent, nicht den ihnen zustehenden Anteil erhalten zu haben; heute liegt er immerhin noch bei 57 Prozent (Abbildung 1 der PDF-Version).

Diejenigen, die bessere Positionen in der Gesellschaft einnehmen, geben häufiger an, ihren Anteil als gerecht zu betrachten. So wurde bereits in ähnlichen Untersuchungen festgestellt: "Wie zu erwarten, korreliert die Beurteilung der (subjektiven) Verteilungsgerechtigkeit mit verschiedenen Merkmalen des sozio-ökonomischen Status in der Weise, dass der Prozentsatz derjenigen, die glauben, weniger als den gerechten Anteil zu erhalten, mit höherem Status abnimmt."[11] Die Unterschiede sind besonders groß, wenn die unterste Einkommensschicht der höchsten gegenübergestellt wird.[12] Noch deutlicher wird die diesbezügliche Fragmentierung der deutschen Gesellschaft, wenn das Gerechtigkeitsempfinden nach der wahrgenommenen Lebenslage aufgezeigt wird (Abbildung 2 der PDF-Version).

Betrachtet man die subjektiv wahrgenommene Lebenslage in Verbindung mit der persönlichen empfundenen Verteilungsgerechtigkeit, dann zeigen sich starke Zusammenhänge. Knapp die Hälfte der Bevölkerung befindet sich nach eigener Wahrnehmung in positiven Lebensverhältnissen, acht Prozent sehen sich sogar im Spitzenbereich. Unter dem großen Anteil derjenigen, die ihre Lage "teils, teils" einschätzen, folgen die Bevölkerungsgruppen, die man als arm und extrem arm bezeichnen kann.

Je tiefer die Lebenslage, desto höher ist der Anteil der gefühlten Ungerechtigkeit und desto geringer ist die Lebenszufriedenheit. Gemessen an den drei Kriterien - wahrgenommene Lebenslage, gefühlte Ungerechtigkeit und Unzufriedenheit mit dem Leben - ist die deutsche Gesellschaft klar geschichtet. Oben, das heißt in den günstig bewerteten Lebenslagen, befinden sich wenige, die mit dem Leben unzufrieden sind und wenige, die glauben, nicht den gerechten Anteil im Leben zu erhalten. Vorteilhafte Aspekte konzentrieren sich im oberen Bereich, die nachteiligen sind im unteren Bereich gebündelt. Zwar vermitteln die Daten den Eindruck, dass die Bessergestellten, die ihre Lebenslage als "gut" und "sehr gut" definieren, in der Überzahl sind. Aber die Mehrfach-Defizite am unteren Ende der subjektiven Schichtung deuten auf ein riskantes Spannungspotential hin.


Fußnoten

10.
Die in diesem Zusammenhang relevanten Umfragen sind insbesondere: die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften, vgl. Rüdiger Schmitt-Beck u.a. (Hrsg.), Sozialer und politischer Wandel in Deutschland - Analysen mit ALLBUS-Daten aus zwei Jahrzehnten, Wiesbaden 2004; die Allensbacher Umfragen, vgl. E. Noelle-Neumann/R. Köcher (Anm. 4); die Wohlfahrtssurveys, vgl. Wolfgang Zapf, Die Wohlfahrtssurveys 1978-1998 und danach, in: Irene Becker u.a. (Hrsg.), Soziale Sicherung in einer dynamischen Gesellschaft, Frankfurt/M. 2001, S. 301-321; sowie der Sozialstaatssurvey, vgl. Oliver Nüchter/Roland Bieräugel/Wolfgang Glatzer/Alfons Schmidt (Hrsg.), Der Sozialstaat im Urteil der Bevölkerung, Opladen 2009. Interessant sind auch das International Social Survey Programme und das Sozio-oekonomische Panel.
11.
Heinz-Herbert Noll/Bernhard Christoph, Akzeptanz und Legitimität sozialer Ungleichheit. Zum Wandel von Einstellungen in West- und Ostdeutschland, in: R. Schmitt-Beck u.a. (Anm. 10).
12.
Vgl. Wolfgang Glatzer u.a., Reichtum im Urteil der Bevölkerung, Opladen 2009.

 
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