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Gefühlte (Un)Gerechtigkeit

6.11.2009

Kollektive Ungerechtigkeit



Fragen der kollektiven Gerechtigkeit beziehen sich auf das Gerechtigkeitsniveau einer Gruppe bzw. Gesellschaft, also vor allem darauf, ob viel oder wenig Ungerechtigkeit in einer Bevölkerung wahrgenommen wird und wie sie sich entwickelt. Dies kann mit "objektiven" Indikatoren gemessen werden oder mit "subjektiven" Indikatoren. Ob das Individuum, das die Beurteilung vornimmt, selbst zu den Betroffenen gehört, ist dabei nebensächlich: So kann es sich in Umfragen ergeben, dass individuelle Betroffenheit von Ungerechtigkeit und die Bewertung der kollektiven Gerechtigkeitslage ganz verschieden ausfallen.[16]

In einem objektiven Ranking sozialer Gerechtigkeit schneiden die skandinavischen Wohlfahrtsstaaten am besten ab, gefolgt von den kontinentalen und angelsächsischen. Danach folgen die ostmitteleuropäischen und die südeuropäischen Wohlfahrtsstaaten. Deutschland befindet sich - der gefühlten Gerechtigkeit zufolge - am Rande des oberen Drittels zwischen Frankreich und der Tschechischen Republik.[17] Fast die Hälfte der Bundesbürger nimmt demnach an, dass in Deutschland eher mehr Gerechtigkeit herrscht als im übrigen Europa.[18]

Gefragt nach der Wahrnehmung der Entwicklung der sozialen Gerechtigkeit in Deutschland, gibt eine Dreiviertelmehrheit der Befragten an, dass es in den Jahren 2005 bis 2008 eine Abnahmetendenz der sozialen Gerechtigkeit gab (anhand der drei Antwortkategorien "hat zugenommen", "hat abgenommen" und "ist gleich geblieben"; Abbildung 4). Vor zwanzig Jahren gab es die Beurteilung einer abnehmenden Gerechtigkeit weit weniger häufig: Noch 1987 standen sich positive und negative Beurteilungen gleich häufig gegenüber. Eine Zunahme der sozialen Gerechtigkeit ist immer nur von Minderheiten beobachtet worden, eher noch wurde von "gleich geblieben" gesprochen. Die Unterschiedlichkeit der "Gerechtigkeitsurteile" bzw. der Wahrnehmungen von Gerechtigkeit weist erneut darauf hin, wie schwierig es ist, Gerechtigkeit und ihre Entwicklung zu beurteilen.


Fußnoten

16.
In der Regel ist die Kenntnis, dass es Ungerechtigkeiten irgendwo gibt, weiter verbreitet als die Häufigkeit von persönlichen Erfahrungen mit Ungerechtigkeit.
17.
Vgl. Wolfgang Merkel, Soziale Gerechtigkeit im OECD-Vergleich, in: S. Empter/R. B. Vehrkamp (Anm. 2), S. 233ff.
18.
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann/Renate Köcher, Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1998-2002, München 2002, S. 615.

 
Ungleichheit - UngerechtigkeitAus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 37/2005)

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