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Gefühlte (Un)Gerechtigkeit

6.11.2009

Gesellschaftliche Konsequenzen gefühlter Ungerechtigkeit



Gerechtigkeit gehört zu den wichtigsten Dimensionen einer modernen Gesellschaft. Sie ist etwas, was jede Gesellschaft in ausreichendem Maß benötigt, wenn sie dauerhaft einen Wirkungszusammenhang bilden will. "Nur eine mehrheitlich als sozial gerecht empfundene Gesellschaft wird auf Dauer das notwendige Potenzial zur Konfliktregelung und gewaltlosen Streitschlichtung zur Verfügung stellen können."[19] Dabei ist davon auszugehen, dass die Reaktionen auf gefühlte Ungerechtigkeit uneinheitlich erfolgen. "Erfahrene Ungerechtigkeiten haben also durchaus das Potenzial eines sozialen Sprengsatzes, allerdings in Ost- und Westdeutschland nicht in derselben Weise":[20] Während in Westdeutschland eher Protest und sozialer Wandel ausgelöst werden, ist in Ostdeutschland eher Verweigerung die Folge.

Unter den sozialwissenschaftlichen Diagnosen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in Deutschland ist die These von einem wachsenden "Gerechtigkeitsdefizit" bzw. einer zunehmenden "Gerechtigkeitslücke", die insbesondere von einer steigenden sozialen Ungleichheit hervorgerufen wird, besonders brisant. Diese These findet in den bisher vorliegenden Daten nicht unbedingt dramatische Unterstützung, es gibt aber deutliche Anzeichen in diese Richtung.[21] Sowohl die persönliche als auch die kollektive (wahrgenommene) Gerechtigkeit weisen auf unterschiedlichen Niveaus negative Entwicklungstendenzen auf.

Insbesondere die wirtschaftlichen Verhältnisse werden von vielen Menschen als ungerecht betrachtet. Dennoch wird kaum ein Protest oder Widerstand gegen die Ungerechtigkeit der Wohlstandsverteilung zum Ausdruck gebracht. Es ist in der Tat erstaunlich, dass die massive Gerechtigkeitskritik in der Vergangenheit keine größeren gesellschaftlichen Folgen gehabt hat - aber dies ist keine Garantie dafür, dass es auch in der Zukunft so bleibt. Noch ist der Sozialstaat eine Instanz, die in besonderen Maße für soziale Gerechtigkeit sorgt, zum Beispiel, indem die Armut, die unter Marktbedingungen entstehen würde, deutlich verringert wird. Trotz mancher umstrittenen wohlfahrtsstaatlichen Reform ist er immer noch in der Lage, zur Reduzierung der Armut in einem bedeutsamen Umfang beizutragen.[22]

Die Vorstellung, dass ein tiefgreifender Abbau sozialstaatlicher Einrichtungen vorgenommen werden könnte, würde mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Steigerung der Gefühle sozialer Ungerechtigkeit führen. Die Brisanz der aktuellen Entwicklung besteht darin, dass sich das Ungerechtigkeitsempfinden, das gegenwärtig immer noch die Einstellungen einer (großen) Minderheit kennzeichnet, zu einer mehrheitlichen Einstellung vergrößern könnte. Dies brächte vermutlich bedrohliche Desintegrationserscheinungen für den gesellschaftlichen Zusammenhang.

Es gibt ein breites Potential von Reaktionen, die auf gefühlte Ungerechtigkeit erfolgen können. Sie reichen von Rückzug, Resignation und Verweigerung bis hin zu Empörung, Protest und Widerstand. Es kann sich um legale und illegale Verhaltensweisen handeln. Neue Formen der Wohlstandskriminalität werden in Einzelfällen sichtbar. Klassische Mechanismen auf dem Weg zum Wohlstand werden entwertet. Dass Einkommensunterschiede einen Leistungsanreiz darstellen sollen, verkehrt sich auch nach der Auffassung renommierter Wirtschaftswissenschaftler ins Gegenteil, wenn die hohen Einkommen extrem hoch und für die meisten unerreichbar sind. Der Bevölkerung und insbesondere den nachwachsenden Generationen zu vermitteln, dass wir eine gerechte Gesellschaft haben, wird zunehmend schwieriger.

Aus Untersuchungen zur Konfliktwahrnehmung in Deutschland weiß man, dass der Konflikt zwischen Arm und Reich die größte Bedeutung unter den wahrgenommenen Konflikten in Deutschland hat.[23] Die Bundesrepublik Deutschland ist dem Strukturtyp nach eine Wohlstandsgesellschaft mit einem bedeutsamen resistenten Armutspotential. Gefühlte Ungerechtigkeit herrscht bei schlechten Lebenslagen vor, gefühlte Gerechtigkeit steht bei guten Lebenslagen im Vordergrund. Gleichzeitig sind die meisten Einwohner relativ zufrieden, womit erneut auf die Ambivalenz der wahrgenommenen Lebensverhältnisse verwiesen wird.

In der griechischen Philosophie hat Platon festgeschrieben, dass die Grenze des Reichtums nach oben durch den Faktor 4 markiert wird und darüber hinaus ist der Überschuss an den Staat abzugeben.[24] Dafür plädiert heute wohl zu Recht niemand, aber darf man das Problem ignorieren? Dürfen die Unterschiede zwischen den Menschen beliebig groß werden? Müsste nicht begründet werden, warum Einkommensrelationen von 1:10 000 und Vermögensrelationen von 1: 1 000 000 angemessen sein sollen? Die Antwort auf die Frage, wann sich die Menschen mit der gefühlten Ungerechtigkeit abfinden und wann sie mit Protestverhalten reagieren, bleibt weiterhin offen.


Fußnoten

19.
Erwin Carigiet u.a. (Hrsg.), Wohlstand durch Gerechtigkeit, Zürich 2006, S. 396.
20.
Stefan Liebig/Bernd Wegener, Protest und Verweigerung. Die Folgen sozialer Ungerechtigkeit in Deutschland, in: Manfred Schmitt/Leo Montada (Hrsg.), Gerechtigkeitserleben im wiedervereinigten Deutschland, Opladen 1999, S. 288.
21.
"Die Untersuchung der Frage, welche gesellschaftlichen Konsequenzen die Erfahrung von Ungerechtigkeit hat, steckt immer noch in den Anfängen." Alfredo Märker, Die politische Relevanz von Gerechtigkeitsvorstellungen und Ungerechtigkeitserfahrungen, in: Stefan Liebig/Holger Lengfeld (Hrsg.), Interdisziplinäre Gerechtigkeitsforschung, Frankfurt/M. 2002, S. 284.
22.
Vgl. OECD-Factbook 2009, S. 287.
23.
Vgl. O. Nüchter u.a. (Anm. 10), S. 25.
24.
Platon (427-347 v. Chr.) wird so zitiert: "Die Grenze des Reichtums für die oberste Klasse, welche nicht überschritten werden darf, soll der vierfache Wert des Landanteils eines Bürgers sein." Zit. nach Holger Stein, Anatomie der Vermögensverteilung, Berlin 2004, S. 13.

 
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