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Transnationale soziale Ungleichheit in den Medien

6.11.2009

Ostdeutsch-polnische Grenze: Beginnende Integration?



Die Berichterstattung der "Lausitzer Rundschau" an der Grenze von Sachsen zu Polen fällt ähnlich aus, weist aber auch instruktive Abweichungen auf. Auch hier ist das starke Gefälle im Erwerbseinkommen beider Länder mit seinen Folgen das zentrale Thema. So wird zwischen den besserverdienenden Deutschen und ihren polnischen Nachbarn eine "abgrundtiefe Gehaltskluft"[14] ausgemacht und über polnische Ärzte berichtet, die in Görlitzer Kliniken "mehr als das zehnfache ihrer bisherigen polnischen Gehälter" verdienten. Und auch in dieser Region wird darauf verwiesen, dass dies negative Folgen für die deutsche Region habe. So wird zum Beispiel beschrieben, dass die "deutsche Fleischwirtschaft (...) seit der EU-Osterweiterung im Mai vergangenen Jahres rund 26 000 Beschäftigte an die preiswertere Konkurrenz aus Osteuropa verloren" habe (2005).

Allerdings kommen hier - im Gegensatz zur bayerisch-tschechischen Grenze - auch andere Stimmen zu Wort. Zum einen wird wiederholt erwähnt, dass sich die Einkommen beider Länder mit der Zeit ohnehin "schrittweise angleichen werden" und inzwischen "längst nicht mehr so gravierende Lohnkostenvorteile in Polen" bestünden wie noch vor einigen Jahren. Zum anderen werden teilweise sogar spezifische Vorteile der Situation beschrieben: So habe sich eine in Konkurs gegangene Hutfirma dadurch retten können, dass sie eine "sinnvolle Kooperation" mit polnischen Unternehmen eingegangen sei und nun preisgünstiger "im polnischen Gubin zugeschnitten und genäht" werde. Auch an anderer Stelle wird beschrieben, dass "Betriebsstätten in Osteuropa nicht nur keine deutschen Arbeitsplätze kosten, sondern im Gegenteil dabei helfen (könnten), Arbeit in der Lausitz zu erhalten".

Folgerichtig finden sich auch, wenn man die in der "Lausitzer Rundschau" auffindbaren Forderungen analysiert, Ähnlichkeiten und Unterschiede zur Berichterstattung an der bayerisch-tschechischen Grenze. Ähnlich ist, dass auch hier oft Einschränkungen des grenzüberschreitenden Austauschs gefordert werden, zum Beispiel ein "Schutz vor Billigarbeitskräften", der durch festgelegte "Kontingente (...) für polnische Arbeiter" erreicht werden könne. Auffallend häufig finden sich aber auch Verweise darauf, dass angesichts ähnlicher Problemlagen auf beiden Seiten der Grenze ("Am Ostufer der Neiße gibt's auch keine Arbeit") gemeinsame politische und zivilgesellschaftliche Partnerschaften sinnvoll seien, bei denen beide ihre "Stärken in die Waagschale" werfen sollten. So werden die deutschen und polnischen Städte Forst, Zielona Góra und Zagan gemeinsam als "Kultur- und Wirtschaftsraum der Zukunft" bezeichnet, und es wird betont, dass es "uns hier in der Lausitz nur dann gut gehen (werde), wenn es auch den Nachbarn jenseits der Grenze gut geht". Der Grundtenor der hier verlautbarten Forderungen ist also im Vergleich zur "Passauer Neuen Presse" weniger abgrenzend. Die Beschreibungen grenzüberschreitender zivilgesellschaftlicher Initiativen lassen eher den Eindruck entstehen, Probleme seien lösbar - und würden innerhalb der Region selbst gelöst. Folgerichtig spielt hier die EU als Adressat von Forderungen keine starke Rolle, auch an die deutsche Regional- oder Bundespolitik werden nur wenige Forderungen gerichtet.


Fußnoten

14.
Alle Zitate in diesem Abschnitt: "Lausitzer Rundschau", 1998-2006.

 
Ungleichheit - UngerechtigkeitAus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 37/2005)

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