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Transnationale soziale Ungleichheit in den Medien

6.11.2009

Fazit: Konflikthafte vs. integrierte Wahrnehmung



In den untersuchten Grenzregionen gibt es, dies lässt sich als erstes festhalten, durchaus eine grenzüberschreitende Wahrnehmung der Einkommenssituation in den Nachbarländern.[16] Das Thema spielt in den untersuchten Medien oft eine Rolle und die Wahrnehmung der anderen Seite wird so gut wie immer auf die deutsche Situation übertragen. Es ist also zu konstatieren, dass die sozialen Situations- und Problemdefinitionen zumindest in den untersuchten Grenzregionen nicht mehr rein nationalstaatlich geprägt sind - und es wäre interessant, durch weitere Studien zu erfahren, inwieweit dies auch für grenzfernere Regionen oder für andere Aspekte des sozialen Lebens neben dem Einkommen gilt.

Über den grundsätzlichen Befund einer grenzüberschreitenden bzw. transnationalen Wahrnehmung sozialer Ungleichheit hinaus konnten wir aber auch zeigen, dass sich diese Wahrnehmung in sehr unterschiedlicher Weise ausgestaltet. In der bayerischen Region wird das niedrige tschechische Einkommensniveau als "Niedriglohnkonkurrenz" dargestellt, was in Deutschland zu Arbeitsplatzverlusten und Druck auf das Lohnniveau führe. Offene Grenzen werden vorwiegend als eine Gefahr für deutsche Arbeitnehmer und Unternehmen dargestellt, die den Lebensstandard auf der deutschen Seite gefährden. Der grenzüberschreitende Austausch wird daher sehr kritisch gesehen. Diese Argumentationslinie - die sich auch in der untersuchten Region Sachsens und Brandenburgs findet - lässt sich als konflikthafte Wahrnehmung der jeweiligen Nachbarregionen beschreiben.

Schon an der sächsischen Grenze zu Polen und in noch stärkerem Maße an der deutschen Westgrenze findet sich aber eine andere Argumentationslinie, die nicht auf die Probleme des Austauschs verweist, sondern mögliche positive Folgen, Gemeinsamkeiten und grenzüberschreitende Kooperationsmöglichkeiten betont. Die Koexistenz beider Seiten der Grenze wird dabei nicht als Konkurrenz oder Nullsummenspiel konzipiert, sondern es werden implizit, teils gar explizit, beide Seiten als gemeinsame Region verstanden, mit der man sich grenzüberschreitend identifizieren könne. Dieser Blick auf die andere Seite der Grenze lässt sich als integrierte Wahrnehmung etikettieren.

Über die Ursachen dieser Wahrnehmungen können wir nur spekulieren. Wir haben die von uns analysierten Grenzregionen nach den vorliegenden "objektiven" Einkommensunterschieden und der Offenheit der jeweiligen Grenzregime ausgewählt. Da diese Faktoren teilweise miteinander korrelieren, weitere Einflussfaktoren denkbar sind und wir nur drei Regionen miteinander verglichen haben, ist es schwierig, unsere Ergebnisse klar auf einen dieser beiden Faktoren zurückzuführen.

Die Ursachen zu finden, wäre aber höchst bedeutsam, nicht zuletzt aufgrund ihrer politischen Brisanz: Sollte beispielsweise die Dauer der Öffnung einer Grenze bzw. des intensiven Austauschs der zentrale Faktor für die Erklärung der Wahrnehmung grenzüberschreitender Ungleichheit sein, dann dürfte sich im Zeitverlauf an allen Grenzen, an denen sich ein ausgeprägter Grenzverkehr findet, auch eine Transnationalisierung der Wahrnehmungen finden. Die EU könnte dann - wie es sich an der deutschen Westgrenze bereits zeigt - zunehmend unter sozialpolitischen Handlungs- und Regulierungsdruck geraten.


Fußnoten

16.
Auch wenn wir mit Zeitungsberichten letztlich nur Wahrnehmungsangebote untersucht haben, kann man doch davon ausgehen, dass sich in der vergleichsweise basisnahen Regionalberichterstattung die Wahrnehmungen vieler Bürgerinnen und Bürger widerspiegeln.

 
Ungleichheit - UngerechtigkeitAus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 37/2005)

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