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Sozialer Zusammenhalt und kulturelle Bildung

6.11.2009

Wie politisch ist Kunst?



Gerade in Deutschland führt die in der Überschrift genannte Frage immer wieder zu heftigen Debatten. Sehr schnell wird von der "Autonomie der Kunst" gesprochen. Das Problem hierbei ist, dass es vermutlich kaum einen anderen Topos in der deutschen Sprache gibt, der in ähnlicher Weise ideologisch so aufgeladen ist wie jener von der Kunstautonomie. Dass ästhetische Prozesse wesentlicher Teil der Menschwerdung sind und hierbei - auch als Motoren der Entwicklung - eine wichtige Rolle gespielt haben, ist unstrittig.[14] Die Rede von einer "autonomen Kunst" ergibt daher für den überwiegenden Teil der Weltgeschichte und auch heute noch in dem größten Teil der Welt keinen Sinn. Entwickelt hat ihn Immanuel Kant in seiner "Kritik der Urteilskraft" (1790). Viele heute noch verwendete Redewendungen wie "Zweckmäßigkeit ohne Zweck" oder das "Gefallen ohne Interesse" gehen auf ihn zurück, haben sich aber inzwischen diskursiv verselbstständigt.

Schiller übernahm diese Grundidee von Kant, wendete sie jedoch gleich ins Politische: Künste seien in der Tat ein Feld, in dem der Mensch Freiheit in der Gestaltung erleben könne. Sie seien quasi eine Oase, in der man entlastet sei von den Anforderungen des Alltags. Diesen Genuss an Freiheit - zunächst nur in dem abgegrenzten Bereich der Künste - erwecke im Menschen den Wunsch, Freiheit auch in anderen Gesellschaftsfeldern durchzusetzen. Die Dialektik Schillers besteht also darin, dass gerade eine zweckfreie "autonome" Kunst für einen politischen Zweck nützlich ist.

Der weitere Verlauf im 19. Jahrhundert war allerdings frustrierend. Alle Hoffnungen auf eine ähnliche politische Entwicklung wie in anderen Ländern scheiterten spätestens mit der misslungenen Revolution von 1848. Daher suchte sich das (Bildungs-)Bürgertum ein anderes Feld der Identitätsentwicklung. So entstand eine reichhaltige Theaterlandschaft, wurden Museen, Konzert- und Opernhäuser gebaut.[15] All dies, was uns heute im Hinblick auf die Finanzierung und Erhaltung in der Kulturpolitik umtreibt, kann also nur vor dem Hintergrund der spezifischen politischen Entwicklungsgeschichte Deutschlands verstanden werden. Die "autonomen Künste" waren also sowohl bei Schiller, dann aber auch in der Realgeschichte alles andere als unpolitisch, wobei sie das eine Mal emanzipatorisch, das zweite Mal in konservativer und sogar reaktionärer Weise genutzt wurden.


Fußnoten

14.
Vgl. ders., Mensch und Kultur, Wiesbaden 1998.
15.
Vgl. Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte, München 1998.

 
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