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Sozialer Zusammenhalt und kulturelle Bildung

6.11.2009

Kulturelle Bildung und sozialer Zusammenhalt heute



Heute muss man davon ausgehen, dass es in dem Arbeitsfeld "kulturelle Bildung" eine ganze Reihe von Bezeichnungen gibt, die nebeneinander verwendet werden, abhängig von den Traditionen der Anbieter: musische und musisch-kulturelle Bildung, Soziokultur, ästhetische und künstlerische Bildung, (Jugend-) Kulturarbeit etc. Gelegentlich werden dabei durchaus vergleichbare Angebote mit unterschiedlichen Begriffen, gelegentlich aber auch sehr verschiedene Praxen mit dem gleichen Begriff bezeichnet. Insgesamt dürfte die ideologiekritische Phase der späten 1960er Jahre an keiner Einrichtung wirkungslos vorübergegangen sein, so dass eine soziale und oft genug auch eine politische Dimension von Kulturarbeit mitgedacht wurde. Kulturelle Bildungsarbeit findet - im Hinblick auf Kinder und Jugendliche - in zumindest drei Politikbereichen statt: in der Jugend-, der Schul- und Bildungs- und in der Kulturpolitik.

In der Jugendpolitik bilden das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG), die entsprechenden Ausführungsgesetze auf Länderebene und die sich hierauf stützenden Förderprogramme die maßgebliche Grundlage. Die Berücksichtigung der sozialen Dimension und insbesondere des sozialen Zusammenhalts ist eine klare Leitlinie in diesem Feld, die bereits im ersten Paragraphen des KJHG zum Ausdruck kommt: Dort geht es nicht um den isolierten Einzelnen und seine Fähigkeiten, sondern um eine "gemeinschaftsfähige Persönlichkeit". In der Praxis ist dies in allen Kulturprojekten im Kontext der Jugendförderung auch zu spüren. Dieses Selbstverständnis drückt sich etwa in dem "Kompetenznachweis Kultur" der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung aus. Dieser ist ein Bildungspass für nicht-formelle Bildung, der unter anderem soziale Kompetenzen, die in Kulturprojekten erworben wurden, erfassen und dann auch bestätigen soll. Grundlage ist ein Konzept von Schlüsselkompetenzen, wie es ähnlich auch in dem Projekt "DeSeCo" (Definition and Selection of Key-Competencies) der OECD (Organisation für Economic Cooperation and Development; verantwortlich etwa für PISA) erarbeitet wurde und bei dem soziale Kompetenzen eine wichtige Rolle spielen.[16] Die klassische Denkfigur, dass das soziale und politische Gefüge der Gesellschaft aufs Engste mit einem sozial kompetenten Einzelnen korrespondiert und eine Stärkung des Einzelnen auch eine entsprechende Wohlordnung der Gesellschaft zur Folge hat, tritt in diesen Ansätzen deutlich zutage.

Auch eine ökonomische Sichtweise geht in diese Richtung. So hatte die OECD etliche Jahre die "soziale Kohäsion" in der Gesellschaft auf der Tagesordnung, weil man davon ausging, dass wirtschaftliches Wachstum (das zentrale Ziel der OECD) nur in einer Gesellschaft ohne größere Spannungen gelingen kann. In der Bildungs- und Schulpolitik liegt der Fall ähnlich wie in der Jugendpolitik. Man möge nur einmal die Präambeln bzw. Zielparagraphen der Schul- oder Weiterbildungsgesetze der Länder lesen, die sich von den Bildungs- und Erziehungszielen nicht sonderlich vom KJHG unterscheiden. Auch in der Schulpädagogik wird Schule als spezifischer sozialer Ort verstanden, oft genug auch in Anschluss an den amerikanischen Philosophen und Demokratietheoretiker John Dewey als embrionic society, wo viel Energie in die Einübung von Regeln eines gedeihlichen Miteinanders gelegt wird. Das Problem ist natürlich, dass dies in der Praxis nicht immer gelingt.

In der Kulturpolitik ist es im Grundsatz ähnlich. Doch muss man davon ausgehen, dass die seinerzeit von Albrecht Göschel nachgewiesene Abfolge unterschiedlicher Verständnisweisen von Kultur (im Zehnjahresabstand erfolgt ein Wechsel) auch die Beziehung zum Sozialen betrifft.[17] Eine Neue Kulturpolitik ist in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren als offensives Kontrastprogramm zu einer Kulturpolitik der Traditionspflege entstanden. Bei dieser spielte die Frage des sozialen Zusammenhalts eine wichtige Rolle. In Großbritannien bekam eine sozial sensible Kulturpolitik in den 1990er Jahren durch New Labour einen besonderen Schub. Es wurde nicht nur "Kultur" als Motor der gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung entdeckt: social cohesion wurde sogar zu einem Leitbegriff der Kulturpolitik. Künste und Künstler, die in die Stadtteile gingen, um die Kommunikation mit anderen Menschen zu suchen, wurden gezielt gefördert. Auch Programme wie "Künstler in Schulen" erlebten aufgrund dieser gesellschaftspolitischen Zielstellung einen Aufschwung (z.B. das Programm "creative partnerships", bis vor kurzem Teil des Arts Council England).

Natürlich polarisierte ein solcher Ansatz. Denn es gab und gibt genügend Kulturschaffende und -einrichtungen, die sich lieber an der "Autonomie der Kunst" orientieren wollen und die in dem social-coherence-Programm eine unzulässige Instrumentalisierung von Kunst verstanden. Zudem gab es heftige Zweifel am Erfolg dieses Ansatzes. In dieser Situation spielten ambitionierte Evaluationsprojekte unter der Leitung von Francois Matarasso eine Rolle.[18] Matarasso überprüfte in verschiedenen Orten und Kontexten mit einem breiten Arsenal von Untersuchungsmethoden die Wirksamkeit der sozial orientierten Förderstrategie und bestätigte im Ergebnis 50 Wirkungsbehauptungen, die alle mit sozialer Kohäsion zu tun haben.[19] Nach dem Ende der Ära Tony Blair (britischer Premierminister 1997 bis 2007) gerät nun auch seine Kulturpolitik unter Druck, so dass heute viele Experten mit einer Wende zurück zu einer stärker kunstbezogenen Förderung rechnen.


Fußnoten

16.
Vgl. Dominique Rychen, Definition und Auswahl von Schlüsselkompetenzen, in: Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (Hrsg.), Der Kompetenznachweis Kultur, Remscheid 2004, S. 17-22, sowie die Hompage der Vereinigung (www.bkj.de).
17.
Vgl. Albrecht Göschel, Die Ungleichzeitigkeit in der Kultur, Stuttgart 1991.
18.
Vgl. Francois Matarasso, Use or Ornament. The Social Impact of Participation, Stroud 1997.
19.
Die Liste findet sich auch in: Max Fuchs, Kulturpolitik, Wiesbaden 2007, S. 66f.

 
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