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16.10.2009 | Von:
Herbert Brücker

Arbeitsmarktwirkungen der Migration

Theoretische Szenarien

Im einfachsten Fall - bei Migration zwischen Volkswirtschaften mit konstanter Kapitalausstattung und flexiblen Arbeitsmärkten ohne gegenseitige Handelsbeziehungen - führt die Migration zu Wohlfahrtsgewinnen in den Einwanderungsländern.[3] Angenommen, die Volkswirtschaft des Einwanderungslandes stellt ein Gut mit Kapital, qualifizierter und unqualifizierter Arbeit her. Kapital und beide Arten von Arbeit ergänzen sich (sind also Komplemente), während qualifizierte und unqualifizierte Arbeit sich im Produktionsprozess ersetzen (sind also Substitute). Die Migranten erhöhen das Arbeitsangebot, bringen aber kein Kapital mit. Unter diesen Annahmen wird die Zuwanderung von gering qualifizierten Arbeitskräften in dem Einwanderungsland zu einer erhöhten Produktion, steigenden Kapitaleinkünften und sinkenden Löhnen für gering qualifizierte Arbeit führen. Die Effekte für qualifizierte Arbeit sind zwiespältig: Einerseits erhöht die Ausweitung der Produktion die Nachfrage nach qualifizierter Arbeit (Skaleneffekt), andererseits gibt es durch das zusätzliche Angebot unqualifizierter Arbeit einen Substitutionseffekt, der die Nachfrage nach qualifizierter Arbeit senkt. Die Nettoeffekte für Löhne oder Beschäftigung können positiv wie auch negativ sein. Insgesamt ergibt sich in den Einwanderungsländern ein Einkommensanstieg für die einheimische Bevölkerung.

In den Herkunftsländern ist das Gegenteil der Fall: Die gesamtwirtschaftliche Produktion geht zurück, die Kapitaleinkünfte fallen, und der Lohn für gering qualifizierte Arbeit steigt, während die Effekte für qualifizierte Arbeitskräfte auch hier ambivalent sind. Der Gesamteffekt jedoch ist negativ, solange wir die Rückübertragung von Einkommen an die in der Heimat verbliebenen Familien der Migranten nicht berücksichtigen.

Neben den Einheimischen in den Zielländern und den Zurückbleibenden in den Herkunftsländern gibt es eine dritte Gruppe, deren Einkommen von der Migration betroffen ist: die Migrantinnen und Migranten selbst. Annahmegemäß sind die Einkommenseffekte für die Migranten positiv - sonst würden sie nicht wandern. Insgesamt bewirkt die Migration, ähnlich wie Handel und Kapitalverkehr, einen Einkommensanstieg in der Einwanderungsregion.

Diese Ergebnisse beruhen jedoch auf der Annahme vollkommen flexibler Arbeitsmärkte. Im Falle von starren Löhnen und Arbeitslosigkeit stellt sich die Lage anders dar: Nehmen wir an, dass durch Migration das Arbeitsangebot in einem Arbeitsmarktsegment steigt, in dem die Löhne unflexibel sind; hier würde die Beschäftigung nur geringfügig zunehmen, der Lohn nur geringfügig fallen und die Arbeitslosigkeit von Einheimischen und Ausländern deutlich steigen. Ergänzende (komplementäre) Arbeitskräfte und die Kapitaleigner würden in diesem Fall deutlich geringer als bei flexiblen Arbeitsmärkten profitieren. Dies könnte der Fall sein, den Oskar Lafontaine 2005 in Chemnitz vor Augen hatte.

Allerdings kann Migration auch zu sinkender Arbeitslosigkeit führen: Wenn durch Zuwanderung das Arbeitskräfteangebot in Arbeitsmarktsegmenten mit relativ flexiblen Löhnen ausgeweitet wird, dann steigt dort die Beschäftigung, und die Löhne fallen. Die Arbeitsnachfrage nach komplementären Arbeitskräften steigt. In der Regel profitieren die Einwanderungsländer davon, wenn Migranten ein höheres Qualifikationsniveau als der Durchschnitt der einheimischen Bevölkerung aufweisen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Lohnflexibilität für höher qualifizierte Arbeitskräfte in der Regel höher und das Arbeitslosigkeitsrisiko geringer als für andere Arbeitskräfte ist.

In beiden Fällen, in Volkswirtschaften mit flexiblen Arbeitsmärkten und in Ländern mit starren Löhnen und Arbeitslosigkeit, würden die Arbeitnehmer in den Einwanderungsländern - sofern sie Nettosubstitute für die zugewanderte Arbeit sind - also Verlierer sein. Dies gilt jedoch nur, wenn sich die Kapitalausstattung nicht an das gestiegene Arbeitsangebot anpasst. Tatsächlich spricht jedoch viel dafür, dass sich der Kapitalstock schnell an ein gestiegenes Arbeitsangebot anpasst: Es gehört zu den wenigen gesicherten Fakten der empirischen Wirtschaftsforschung, dass in entwickelten Volkswirtschaften das Verhältnis von Kapital zur Ausgangsleistung (output) konstant bleibt.

Wenn sich aber der Kapitalstock an das gestiegene Arbeitsangebot anpasst, dann ergibt sich auch keine Veränderung der Entlohnung des Faktors Arbeit wie auch des Faktors Kapital auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene. Allerdings kann die Zuwanderung eine Veränderung der Beschäftigungsstrukturen bewirken und damit zu einer Veränderung der relativen Löhne und der Beschäftigungsrisiken für einzelne Gruppen im Arbeitsmarkt führen. So können die Löhne für bestimmte Gruppen steigen und für andere fallen, obwohl die Entlohnung des Faktors Arbeit insgesamt konstant bleibt. Es kommt folglich bei der Bewertung der Arbeitsmarktwirkungen der Migration auf eine genaue Betrachtung der Zusammensetzung der Migrationsbevölkerung an.

Bislang haben wir uns auf die Betrachtung einer geschlossenen Volkswirtschaft beschränkt. Hier tragen die Arbeitsmärkte und Kapitalmärkte die gesamte Anpassungslast an eine Ausweitung des Arbeitsangebots. Im Fall einer offenen Volkswirtschaft wirkt sich die Zuwanderung jedoch nicht notwendigerweise auf Löhne und Kapitaleinkommen aus. Die Hypothesen, dass Migration zu sinkenden Löhnen und steigender Arbeitslosigkeit führt, gelten nur unter den vereinfachenden Annahmen einer geschlossenen Volkswirtschaft mit konstanter Kapitalausstattung. Beides ist jedoch nicht realistisch: Erstens haben wir starke empirische Evidenz, dass sich die Kapitalausstattung an die Ausweitung des Arbeitsangebots anpasst, und zweitens wissen wir, dass die Vorstellung einer geschlossenen Volkswirtschaft angesichts der Einbindung Deutschlands in die globale Arbeitsteilung überholt ist. Wir müssen uns also mit den empirischen Befunden im Detail auseinandersetzen, um die Arbeitsmarktwirkungen der Migration zu bestimmen.

Fußnoten

3.
Vgl. zum Beispiel Kar-yiu Wong, International Trade in Goods and Factor Mobility, Cambridge, MA 1995.