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16.10.2009 | Von:
Herbert Brücker

Arbeitsmarktwirkungen der Migration

Herausforderung der traditionellen Forschung

Mehrere hundert Studien in den USA, Deutschland und anderen europäischen Ländern haben die Lohn- und Beschäftigungseffekte der Migration seit den 1980er Jahren empirisch untersucht. Insgesamt kommt der Großteil von ihnen zu der Schlussfolgerung, dass die Zuwanderung für den Arbeitsmarkt entweder neutral ist oder nur sehr geringe Lohn- und Beschäftigungseffekte nach sich zieht.[4] Allerdings ist zu berücksichtigen, dass sich die Migrantinnen und Migranten überwiegend in Regionen mit überdurchschnittlich hohen Löhnen und unterdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit niederlassen, was Fehlinterpretationen Raum gibt. Auch kann die Abwanderung von Einheimischen zu einer Unterschätzung der Migrationseffekte führen.[5]

Die meisten Studien versuchen, dieses "Endogenitätsproblem" entweder statistisch zu kontrollieren, oder es dadurch zu umgehen, dass sie sich auf "natürliche Experimente" stützen. Beispiele für natürliche Experimente sind die Massenemigration aus Kuba nach Florida zwischen April und Oktober 1980 (bekannt geworden als "Mariel Boatlift"),[6] die Rückkehrmigration von Franzosen nach dem Ende des Algerienkriegs (1954-1962)[7] oder die Rückwanderungen von Portugiesen nach Aufgabe der Kolonien in Angola und Mozambique nach der "Nelkenrevolution" 1974.[8]

In all diesen Fällen wurde die Migration nicht durch ökonomische Variablen in den Zielregionen oder -ländern, sondern durch exogene politische Ereignisse bewirkt. In diesem Fall können die Migrationseffekte ohne Verzerrungen identifiziert werden. Statistisch kann das Endogenitätsproblem kontrolliert werden, indem für den Ausländeranteil eine sogenannte Instrumentvariable gefunden wird, die nicht mit Löhnen oder Beschäftigungsvariablen in den Zielregionen, aber stark mit dem Ausländeranteil korreliert.[9] Allerdings ist es schwierig, geeignete Instrumente zu finden, die dieses Kriterium erfüllen.

Aufgrund des Endogenitätsproblems ist die traditionelle empirische Literatur durch einige jüngere Studien in den USA, aber auch in Deutschland herausgefordert worden. So hat George Borjas von der Harvard Universität vorgeschlagen, anstelle der regionalen Varianz des Ausländeranteils die Varianz des Ausländeranteils über die Qualifikations- und Berufserfahrungsgruppen zu nutzen, um die Lohneffekte der Migration zu identifizieren. Tatsächlich ermittelte er auf diesem Weg deutlich höhere Lohneffekte für die Migration, als bisher festgestellt werden konnten: So sinkt der Lohn der einheimischen Arbeitskräfte bei einer Zuwanderung von einem Prozent um 0,4 Prozent in den USA;[10] ähnliche Größenordnungen wurden von ihm in Kanada und Mexiko gefunden.[11]

Gegen das Vorgehen von Borjas sind jedoch zwei Einwände vorgebracht worden:[12] Erstens wird in seinen Studien angenommen, dass die Kapitalausstattung konstant ist, obwohl empirisch von einer Anpassung des Kapitalstocks auszugehen ist. Zweitens beruht das Modell von Borjas auf der Annahme, dass Inländer und Ausländer perfekte Substitute im Arbeitsmarkt sind, sofern sie über die gleiche formelle Qualifikation und Berufserfahrung verfügen - das heißt, es wird angenommen, Inländer ließen sich eins zu eins von Zuwanderern ersetzen und andersherum. Wenn diese beiden Annahmen aufgegeben werden, ergibt sich ein völlig anderes Bild: Erstens sind nach den Ergebnissen von Gianmarco Ottaviano und Giovanni Peri die langfristigen Wirkungen der Migration aufgrund der Anpassung des Kapitalstocks viel geringer als nach den Schätzergebnissen von Borjas. Zudem passt sich der Kapitalstock nach den Schätzergebnissen in wenigen Jahren an. Zweitens steigen die Löhne der einheimischen Bevölkerung, während die Löhne der ausländischen Bevölkerung deutlich sinken. Dies ist darauf zurückzuführen, dass einheimische und zugewanderte Arbeitskräfte nach den Ergebnissen von Ottaviano und Peri eben keine perfekten Substitute im Arbeitsmarkt sind.

Die Frage, ob sich Inländer und Ausländer bei gleicher Ausbildung und Berufserfahrung tatsächlich gegenseitig perfekt ersetzen können oder nicht, wird in der US-amerikanischen Literatur auf Grundlage unterschiedlicher Schätzansätze bis heute kontrovers diskutiert.[13] Politisch ist diese Frage natürlich von hoher Relevanz, weil sie darüber entscheidet, ob die einheimische Bevölkerung durch Zuwanderung im Arbeitsmarkt profitiert oder nicht. Allerdings erscheint es aufgrund von Unterschieden in Sprache, Kultur und anderer Faktoren wenig plausibel, dass Ausländer und Inländer im Arbeitsmarkt perfekte Substitute sein sollen.

Fußnoten

4.
Vgl. zum Beispiel Rachel Friedberg/Jennifer Hunt, The Impact of Immigrants on Host Country Wages, in: Journal of Economic Perspectives, 9 (1995) 2, S. 23 - 44; David Card, Immigrant Inflows, Native Outflows, and the Local Labor Market Impacts of Higher Immigration, in: Journal of Labor Economics, 19 (2001) 1, S. 22 - 64; George Borjas/Richard Freeman/Lawrence Katz, How Much Do Immigration and Trade Affect Labor Market Outcomes?, in: Brookings Papers on Economic Activity, (1997) 1, S. 1 - 90; Simonetta Longhi/Peter Nijkamp/Jaques Poot, A Meta-Analytic Assessment of the Effects of Immigration on Wages, in: Journal of Economic Surveys, 19 (2005) 3, S. 451 - 477; dies., The Impact of Immigration on the Employment of Natives in Regional Labour Markets, IZA Discussion Paper 2044, Bonn 2006.
5.
Dieses Phänomen ist jedoch zumindest in den USA statistisch nicht signifikant. Vgl. David Card/John di Nardo, Do Immigrant Inflows Lead to Native Outflows?, in: American Economic Review, 90 (2000) 2, S. 360 - 367.
6.
Vgl. David Card, The Impact of the Mariel Boatlift on the Miami Labor Market, in: ILR Review, 43 (1990) 2, S. 245 - 257.
7.
Vgl. Jennifer Hunt, The Impact of the 1962 Repatriates from Algeria on the French Labor Market, in: ILR Review, 45 (1992) 3, S. 556 - 572.
8.
Vgl. William Carrington/Pedro de Lima, The Impact of the 1970s Repatriates from Africa on the Portuguese Labour Market, in: ILR Review, 49 (1996) 2, S. 330 - 347.
9.
Vgl. Martin Mühleisen/Klaus Zimmermann, A Panel Analysis of Job Changes and Unemployment, in: European Economic Review, 38 (1994) 3 - 4, S. 793 - 801; Jörn-Steffen Pischke/Johannes Velling, Employment Effects of Immigration to Germany, in: Review of Economics and Statistics, 79 (1997) 4, S. 594 - 604; Andrea Gavosto/Alessandra Venturini/Claudia Villosio, Do Immigrants Compete with Natives?, in: Labour, 13 (1999) 3, S. 603 - 621.
10.
Vgl. George Borjas, The Labour Demand Curve is Downward-Sloping, in: Quarterly Journal of Economics, 118 (2003) 4, S. 1335 - 1374.
11.
Vgl. Abdurrahman Aydemir/George Borjas, Cross-Country Variation in the Impact of International Migration: Canada, Mexico and the United States, in: Journal of European Economic Association, 5 (2007) 4, S. 663 - 708.
12.
Vgl. Gianmarco Ottaviano/Giovanni Peri, Rethinking the Effects of Immigration on Wages, NBER Working Paper 12497, Cambridge/MA 2006; dies., Immigration and National Wages, NBER Working Paper 14188, Cambridge/MA 2008.
13.
Vgl. ebd.; George Borjas/Jeffrey Grogger/Gordon Hanson, Imperfect Substitution between Immigrants and Natives: A Reappraisal, NBER Working Paper 13887, Cambridge/MA 2008.