APUZ Dossier Bild

16.10.2009 | Von:
Herbert Brücker

Arbeitsmarktwirkungen der Migration

Neue Erkenntnisse für Deutschland

Die Studien von Borjas und Ottaviano und Peri unterstellen flexible Arbeitsmärkte und berücksichtigen folglich nicht die Wirkungen der Migration auf die Arbeitslosigkeit. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der US-amerikanische Arbeitsmarkt vor der Finanzkrise von den meisten Akteuren und Wissenschaftlern als weitgehend flexibel betrachtet und Arbeitslosigkeit folglich nicht als strukturelles Problem wahrgenommen wurde. Demgegenüber können im europäischen und deutschen Kontext die Arbeitsmarktwirkungen der Migration schwerlich ohne Berücksichtigung ihrer gemeinsamen Wirkungen für Beschäftigung und Löhne untersucht werden. Vor dem Hintergrund der jüngeren Entwicklung ist die Ausblendung der Beschäftigungswirkungen der Migration auch im nordamerikanischen Kontext fragwürdig.

Europäische Arbeitslosigkeit wird häufig durch den Zusammenhang von Lohn- und Preissetzung in unflexiblen Märkten erklärt.[14] In einer jüngeren Studie habe ich gemeinsam mit Elke Jahn dieses Erklärungsmodell genutzt, um die Arbeitsmarktwirkungen der Migration in Deutschland zu untersuchen.[15] Der Kern dieses Modells beruht auf der Annahme, dass die Löhne bei steigender Arbeitslosigkeit fallen. Dies kann theoretisch mit Verhandlungsmodellen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern, aber auch mit dem Entlohnungsverhalten von Unternehmen im Rahmen von Effizienzlohntheorien oder Fairnesserwägungen begründet werden. Zudem wird davon ausgegangen, dass der Lohn fällt, wenn sich die alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten durch Arbeitslosigkeit verringern. Im Ergebnis passt sich der Lohn an eine Ausweitung des Arbeitsangebots durch Migration an, aber nicht unbedingt vollkommen. Folglich kann Migration zu Arbeitslosigkeit führen. Schließlich wird angenommen, dass die Lohnflexibilität sich nach Arbeitsmarktsegmenten unterscheidet. Ähnlich wie in den jüngeren Arbeiten aus den Vereinigten Staaten werden die Migrationswirkungen auf nationaler Ebene identifiziert und die Arbeitsmarktsegmente nach Ausbildungs- und Berufserfahrungsgruppen sowie nach In- und Ausländern unterschieden.

Schließlich sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass die Lohnflexibilität insbesondere bei Arbeitnehmern mit geringer Berufserfahrung sehr hoch ist. Das ist für die Migrationswirkungen deswegen relevant, weil die meisten Zuwanderer nur über geringe Berufserfahrungen verfügen. Zudem zeigt sich, dass die Arbeitsmarktflexibilität in den Arbeitssegmenten mit abgeschlossener Hochschulbildung, aber auch für ungelernte Arbeitskräfte höher ist als in Arbeitsmarktsegmenten mit Facharbeiterqualifikationen. Die Lohnflexibilität ist also in denjenigen Arbeitsmärkten, in denen die Gewerkschaften einen hohen Organisationsgrad und eine hohe Verhandlungsmacht haben, geringer als in anderen Arbeitsmarktsegmenten. Zudem bestätigt unsere Studie zwei Befunde aus der nordamerikanischen Literatur: Der Kapitalstock passt sich auch in Deutschland sehr schnell an eine Ausweitung des Arbeitsangebots durch Migration an. Und schließlich erweisen sich In- und Ausländer auch bei gleicher Ausbildung und Berufserfahrung nur als unvollkommene Substitute im Arbeitsmarkt.

Die quantitativen Ergebnisse unserer Studie bestätigen weitgehend die Befunde der alten Literatur: So bewirkt eine Nettozuwanderung von einem Prozent der Bevölkerung - das entspricht in Deutschland rund 820 000 Personen oder rund 400 000 Erwerbspersonen - bei der gegebenen Qualifikationsstruktur der ausländischen Bevölkerung, dass die Löhne kurzfristig insgesamt um 0,1 Prozent sinken und die Arbeitslosigkeit kurzfristig um 0,07 Prozentpunkte steigt. Langfristig, das heißt, wenn sich der Kapitalstock angepasst hat, ergibt sich keine Veränderung der Löhne, und die Arbeitslosigkeit bleibt mit 0,01 Prozentpunkten nahezu unverändert.

Allerdings hat die Migration zum Teil erhebliche Auswirkungen auf einzelne Gruppen im Arbeitsmarkt: Die Löhne der ausländischen Bevölkerung sinken kurzfristig um 0,71 und langfristig um 0,64 Prozent, während ihre Arbeitslosenrate kurzfristig um 0,42 und langfristig um 0,11 Prozentpunkte steigt. Demgegenüber steigen die Löhne der einheimischen Bevölkerung langfristig um 0,07 Prozent, und ihre Arbeitslosenrate sinkt um 0,01 Prozentpunkte. Unter den einheimischen Arbeitnehmern ergeben sich nur für die vergleichsweise kleine Gruppe ohne abgeschlossene Berufsausbildung Nachteile, alle anderen Gruppen profitieren. Unter den ausländischen Arbeitnehmern verlieren alle Gruppen, insbesondere aber die Gruppe ohne abgeschlossene Berufsausbildung.

Fußnoten

14.
Vgl. zum Beispiel Richard Layard/Stephen Nickell/Richard Jackman, Unemployment. Macroeconomic Performance and the Labour Market, Oxford 20052.
15.
Vgl. Herbert Brücker/Elke Jahn, Migration and the Wage Setting Curve, Aarhus School of Business Working Paper 08 - 4, Aarhus 2008.