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16.10.2009 | Von:
Herbert Brücker

Arbeitsmarktwirkungen der Migration

Die Befürchtung, dass der Lohnwettbewerb von Migranten die Arbeitsplätze von deutschen Arbeitnehmern gefährdet, ist unbegründet. Tatsächlich profitieren deutsche Arbeitnehmer in der Regel von der Zuwanderung.

Einleitung

"Der Staat ist verpflichtet, seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen, er ist verpflichtet zu verhindern, dass Familienväter und Frauen arbeitslos werden, weil Fremdarbeiter zu niedrigen Löhnen ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen."
Oskar Lafontaine, 4. Juli 2005 in Chemnitz






Das Zitat von Oskar Lafontaine spiegelt Befürchtungen wider, die in der Bevölkerung weit verbreitet sind, aber auch von vielen Ökonomen geteilt werden. Sie fußen auf zwei Hypothesen: erstens, dass eine Ausweitung des Arbeitsangebotes zu fallenden Löhnen führt, und zweitens, dass - wenn die Löhne nicht flexibel reagieren - die Arbeitslosigkeit steigt. In der Literatur über die Arbeitsmarktwirkungen der Zuwanderung sind diese Annahmen jedoch umstritten: Viele Studien finden keine oder nur geringe Effekte der Zuwanderung auf Löhne und Arbeitslosigkeitsrisiken der einheimischen Bevölkerung. Vor dem Hintergrund jüngerer theoretischer und empirischer Erkenntnisse soll hier der Frage nachgegangen werden, worauf diese Diskrepanz zwischen den Befürchtungen und empirischen Befunden zurückgeführt werden kann.

In der Forschung ist unbestritten, dass die Migration aus globaler Perspektive zu einem produktiveren Einsatz des Faktors Arbeit und damit zu einem Anstieg des globalen Sozialprodukts führt. Arbeitskräfte wandern in der Regel aus Ländern mit niedrigen Löhnen und häufig hoher Arbeitslosigkeit in Länder mit höheren Löhnen und geringer Arbeitslosigkeit. So beträgt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in den Herkunftsländern der Einwanderer nach Deutschland etwa ein Drittel des deutschen Niveaus.[1] Angesichts dieses Gefälles führt die Arbeitsmigration zu einem erheblichen Anstieg des weltweiten Pro-Kopf-Einkommens. Simulationsmodelle zeigen, dass die potenziellen Einkommensgewinne durch eine Öffnung der Arbeitsmärkte sehr viel höher sind als durch eine weitere Liberalisierung von Handel und Kapitalverkehr.[2]

Allerdings sind die Gewinne und die Kosten der Migration nicht gleich über die Ein- und Auswanderungsländer und die verschiedenen Personengruppen verteilt. Die Effekte hängen aus theoretischer Perspektive davon ab, welche Annahmen über die Anpassung der Kapital- und Gütermärkte getroffen werden. Im Folgenden werden die verschiedenen Annahmen und ihre Auswirkungen auf die potenziellen Arbeitsmarktwirkungen der Migration diskutiert.

Theoretische Szenarien

Im einfachsten Fall - bei Migration zwischen Volkswirtschaften mit konstanter Kapitalausstattung und flexiblen Arbeitsmärkten ohne gegenseitige Handelsbeziehungen - führt die Migration zu Wohlfahrtsgewinnen in den Einwanderungsländern.[3] Angenommen, die Volkswirtschaft des Einwanderungslandes stellt ein Gut mit Kapital, qualifizierter und unqualifizierter Arbeit her. Kapital und beide Arten von Arbeit ergänzen sich (sind also Komplemente), während qualifizierte und unqualifizierte Arbeit sich im Produktionsprozess ersetzen (sind also Substitute). Die Migranten erhöhen das Arbeitsangebot, bringen aber kein Kapital mit. Unter diesen Annahmen wird die Zuwanderung von gering qualifizierten Arbeitskräften in dem Einwanderungsland zu einer erhöhten Produktion, steigenden Kapitaleinkünften und sinkenden Löhnen für gering qualifizierte Arbeit führen. Die Effekte für qualifizierte Arbeit sind zwiespältig: Einerseits erhöht die Ausweitung der Produktion die Nachfrage nach qualifizierter Arbeit (Skaleneffekt), andererseits gibt es durch das zusätzliche Angebot unqualifizierter Arbeit einen Substitutionseffekt, der die Nachfrage nach qualifizierter Arbeit senkt. Die Nettoeffekte für Löhne oder Beschäftigung können positiv wie auch negativ sein. Insgesamt ergibt sich in den Einwanderungsländern ein Einkommensanstieg für die einheimische Bevölkerung.

In den Herkunftsländern ist das Gegenteil der Fall: Die gesamtwirtschaftliche Produktion geht zurück, die Kapitaleinkünfte fallen, und der Lohn für gering qualifizierte Arbeit steigt, während die Effekte für qualifizierte Arbeitskräfte auch hier ambivalent sind. Der Gesamteffekt jedoch ist negativ, solange wir die Rückübertragung von Einkommen an die in der Heimat verbliebenen Familien der Migranten nicht berücksichtigen.

Neben den Einheimischen in den Zielländern und den Zurückbleibenden in den Herkunftsländern gibt es eine dritte Gruppe, deren Einkommen von der Migration betroffen ist: die Migrantinnen und Migranten selbst. Annahmegemäß sind die Einkommenseffekte für die Migranten positiv - sonst würden sie nicht wandern. Insgesamt bewirkt die Migration, ähnlich wie Handel und Kapitalverkehr, einen Einkommensanstieg in der Einwanderungsregion.

Diese Ergebnisse beruhen jedoch auf der Annahme vollkommen flexibler Arbeitsmärkte. Im Falle von starren Löhnen und Arbeitslosigkeit stellt sich die Lage anders dar: Nehmen wir an, dass durch Migration das Arbeitsangebot in einem Arbeitsmarktsegment steigt, in dem die Löhne unflexibel sind; hier würde die Beschäftigung nur geringfügig zunehmen, der Lohn nur geringfügig fallen und die Arbeitslosigkeit von Einheimischen und Ausländern deutlich steigen. Ergänzende (komplementäre) Arbeitskräfte und die Kapitaleigner würden in diesem Fall deutlich geringer als bei flexiblen Arbeitsmärkten profitieren. Dies könnte der Fall sein, den Oskar Lafontaine 2005 in Chemnitz vor Augen hatte.

Allerdings kann Migration auch zu sinkender Arbeitslosigkeit führen: Wenn durch Zuwanderung das Arbeitskräfteangebot in Arbeitsmarktsegmenten mit relativ flexiblen Löhnen ausgeweitet wird, dann steigt dort die Beschäftigung, und die Löhne fallen. Die Arbeitsnachfrage nach komplementären Arbeitskräften steigt. In der Regel profitieren die Einwanderungsländer davon, wenn Migranten ein höheres Qualifikationsniveau als der Durchschnitt der einheimischen Bevölkerung aufweisen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Lohnflexibilität für höher qualifizierte Arbeitskräfte in der Regel höher und das Arbeitslosigkeitsrisiko geringer als für andere Arbeitskräfte ist.

In beiden Fällen, in Volkswirtschaften mit flexiblen Arbeitsmärkten und in Ländern mit starren Löhnen und Arbeitslosigkeit, würden die Arbeitnehmer in den Einwanderungsländern - sofern sie Nettosubstitute für die zugewanderte Arbeit sind - also Verlierer sein. Dies gilt jedoch nur, wenn sich die Kapitalausstattung nicht an das gestiegene Arbeitsangebot anpasst. Tatsächlich spricht jedoch viel dafür, dass sich der Kapitalstock schnell an ein gestiegenes Arbeitsangebot anpasst: Es gehört zu den wenigen gesicherten Fakten der empirischen Wirtschaftsforschung, dass in entwickelten Volkswirtschaften das Verhältnis von Kapital zur Ausgangsleistung (output) konstant bleibt.

Wenn sich aber der Kapitalstock an das gestiegene Arbeitsangebot anpasst, dann ergibt sich auch keine Veränderung der Entlohnung des Faktors Arbeit wie auch des Faktors Kapital auf der gesamtwirtschaftlichen Ebene. Allerdings kann die Zuwanderung eine Veränderung der Beschäftigungsstrukturen bewirken und damit zu einer Veränderung der relativen Löhne und der Beschäftigungsrisiken für einzelne Gruppen im Arbeitsmarkt führen. So können die Löhne für bestimmte Gruppen steigen und für andere fallen, obwohl die Entlohnung des Faktors Arbeit insgesamt konstant bleibt. Es kommt folglich bei der Bewertung der Arbeitsmarktwirkungen der Migration auf eine genaue Betrachtung der Zusammensetzung der Migrationsbevölkerung an.

Bislang haben wir uns auf die Betrachtung einer geschlossenen Volkswirtschaft beschränkt. Hier tragen die Arbeitsmärkte und Kapitalmärkte die gesamte Anpassungslast an eine Ausweitung des Arbeitsangebots. Im Fall einer offenen Volkswirtschaft wirkt sich die Zuwanderung jedoch nicht notwendigerweise auf Löhne und Kapitaleinkommen aus. Die Hypothesen, dass Migration zu sinkenden Löhnen und steigender Arbeitslosigkeit führt, gelten nur unter den vereinfachenden Annahmen einer geschlossenen Volkswirtschaft mit konstanter Kapitalausstattung. Beides ist jedoch nicht realistisch: Erstens haben wir starke empirische Evidenz, dass sich die Kapitalausstattung an die Ausweitung des Arbeitsangebots anpasst, und zweitens wissen wir, dass die Vorstellung einer geschlossenen Volkswirtschaft angesichts der Einbindung Deutschlands in die globale Arbeitsteilung überholt ist. Wir müssen uns also mit den empirischen Befunden im Detail auseinandersetzen, um die Arbeitsmarktwirkungen der Migration zu bestimmen.

Herausforderung der traditionellen Forschung

Mehrere hundert Studien in den USA, Deutschland und anderen europäischen Ländern haben die Lohn- und Beschäftigungseffekte der Migration seit den 1980er Jahren empirisch untersucht. Insgesamt kommt der Großteil von ihnen zu der Schlussfolgerung, dass die Zuwanderung für den Arbeitsmarkt entweder neutral ist oder nur sehr geringe Lohn- und Beschäftigungseffekte nach sich zieht.[4] Allerdings ist zu berücksichtigen, dass sich die Migrantinnen und Migranten überwiegend in Regionen mit überdurchschnittlich hohen Löhnen und unterdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit niederlassen, was Fehlinterpretationen Raum gibt. Auch kann die Abwanderung von Einheimischen zu einer Unterschätzung der Migrationseffekte führen.[5]

Die meisten Studien versuchen, dieses "Endogenitätsproblem" entweder statistisch zu kontrollieren, oder es dadurch zu umgehen, dass sie sich auf "natürliche Experimente" stützen. Beispiele für natürliche Experimente sind die Massenemigration aus Kuba nach Florida zwischen April und Oktober 1980 (bekannt geworden als "Mariel Boatlift"),[6] die Rückkehrmigration von Franzosen nach dem Ende des Algerienkriegs (1954-1962)[7] oder die Rückwanderungen von Portugiesen nach Aufgabe der Kolonien in Angola und Mozambique nach der "Nelkenrevolution" 1974.[8]

In all diesen Fällen wurde die Migration nicht durch ökonomische Variablen in den Zielregionen oder -ländern, sondern durch exogene politische Ereignisse bewirkt. In diesem Fall können die Migrationseffekte ohne Verzerrungen identifiziert werden. Statistisch kann das Endogenitätsproblem kontrolliert werden, indem für den Ausländeranteil eine sogenannte Instrumentvariable gefunden wird, die nicht mit Löhnen oder Beschäftigungsvariablen in den Zielregionen, aber stark mit dem Ausländeranteil korreliert.[9] Allerdings ist es schwierig, geeignete Instrumente zu finden, die dieses Kriterium erfüllen.

Aufgrund des Endogenitätsproblems ist die traditionelle empirische Literatur durch einige jüngere Studien in den USA, aber auch in Deutschland herausgefordert worden. So hat George Borjas von der Harvard Universität vorgeschlagen, anstelle der regionalen Varianz des Ausländeranteils die Varianz des Ausländeranteils über die Qualifikations- und Berufserfahrungsgruppen zu nutzen, um die Lohneffekte der Migration zu identifizieren. Tatsächlich ermittelte er auf diesem Weg deutlich höhere Lohneffekte für die Migration, als bisher festgestellt werden konnten: So sinkt der Lohn der einheimischen Arbeitskräfte bei einer Zuwanderung von einem Prozent um 0,4 Prozent in den USA;[10] ähnliche Größenordnungen wurden von ihm in Kanada und Mexiko gefunden.[11]

Gegen das Vorgehen von Borjas sind jedoch zwei Einwände vorgebracht worden:[12] Erstens wird in seinen Studien angenommen, dass die Kapitalausstattung konstant ist, obwohl empirisch von einer Anpassung des Kapitalstocks auszugehen ist. Zweitens beruht das Modell von Borjas auf der Annahme, dass Inländer und Ausländer perfekte Substitute im Arbeitsmarkt sind, sofern sie über die gleiche formelle Qualifikation und Berufserfahrung verfügen - das heißt, es wird angenommen, Inländer ließen sich eins zu eins von Zuwanderern ersetzen und andersherum. Wenn diese beiden Annahmen aufgegeben werden, ergibt sich ein völlig anderes Bild: Erstens sind nach den Ergebnissen von Gianmarco Ottaviano und Giovanni Peri die langfristigen Wirkungen der Migration aufgrund der Anpassung des Kapitalstocks viel geringer als nach den Schätzergebnissen von Borjas. Zudem passt sich der Kapitalstock nach den Schätzergebnissen in wenigen Jahren an. Zweitens steigen die Löhne der einheimischen Bevölkerung, während die Löhne der ausländischen Bevölkerung deutlich sinken. Dies ist darauf zurückzuführen, dass einheimische und zugewanderte Arbeitskräfte nach den Ergebnissen von Ottaviano und Peri eben keine perfekten Substitute im Arbeitsmarkt sind.

Die Frage, ob sich Inländer und Ausländer bei gleicher Ausbildung und Berufserfahrung tatsächlich gegenseitig perfekt ersetzen können oder nicht, wird in der US-amerikanischen Literatur auf Grundlage unterschiedlicher Schätzansätze bis heute kontrovers diskutiert.[13] Politisch ist diese Frage natürlich von hoher Relevanz, weil sie darüber entscheidet, ob die einheimische Bevölkerung durch Zuwanderung im Arbeitsmarkt profitiert oder nicht. Allerdings erscheint es aufgrund von Unterschieden in Sprache, Kultur und anderer Faktoren wenig plausibel, dass Ausländer und Inländer im Arbeitsmarkt perfekte Substitute sein sollen.

Neue Erkenntnisse für Deutschland

Die Studien von Borjas und Ottaviano und Peri unterstellen flexible Arbeitsmärkte und berücksichtigen folglich nicht die Wirkungen der Migration auf die Arbeitslosigkeit. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der US-amerikanische Arbeitsmarkt vor der Finanzkrise von den meisten Akteuren und Wissenschaftlern als weitgehend flexibel betrachtet und Arbeitslosigkeit folglich nicht als strukturelles Problem wahrgenommen wurde. Demgegenüber können im europäischen und deutschen Kontext die Arbeitsmarktwirkungen der Migration schwerlich ohne Berücksichtigung ihrer gemeinsamen Wirkungen für Beschäftigung und Löhne untersucht werden. Vor dem Hintergrund der jüngeren Entwicklung ist die Ausblendung der Beschäftigungswirkungen der Migration auch im nordamerikanischen Kontext fragwürdig.

Europäische Arbeitslosigkeit wird häufig durch den Zusammenhang von Lohn- und Preissetzung in unflexiblen Märkten erklärt.[14] In einer jüngeren Studie habe ich gemeinsam mit Elke Jahn dieses Erklärungsmodell genutzt, um die Arbeitsmarktwirkungen der Migration in Deutschland zu untersuchen.[15] Der Kern dieses Modells beruht auf der Annahme, dass die Löhne bei steigender Arbeitslosigkeit fallen. Dies kann theoretisch mit Verhandlungsmodellen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern, aber auch mit dem Entlohnungsverhalten von Unternehmen im Rahmen von Effizienzlohntheorien oder Fairnesserwägungen begründet werden. Zudem wird davon ausgegangen, dass der Lohn fällt, wenn sich die alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten durch Arbeitslosigkeit verringern. Im Ergebnis passt sich der Lohn an eine Ausweitung des Arbeitsangebots durch Migration an, aber nicht unbedingt vollkommen. Folglich kann Migration zu Arbeitslosigkeit führen. Schließlich wird angenommen, dass die Lohnflexibilität sich nach Arbeitsmarktsegmenten unterscheidet. Ähnlich wie in den jüngeren Arbeiten aus den Vereinigten Staaten werden die Migrationswirkungen auf nationaler Ebene identifiziert und die Arbeitsmarktsegmente nach Ausbildungs- und Berufserfahrungsgruppen sowie nach In- und Ausländern unterschieden.

Schließlich sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass die Lohnflexibilität insbesondere bei Arbeitnehmern mit geringer Berufserfahrung sehr hoch ist. Das ist für die Migrationswirkungen deswegen relevant, weil die meisten Zuwanderer nur über geringe Berufserfahrungen verfügen. Zudem zeigt sich, dass die Arbeitsmarktflexibilität in den Arbeitssegmenten mit abgeschlossener Hochschulbildung, aber auch für ungelernte Arbeitskräfte höher ist als in Arbeitsmarktsegmenten mit Facharbeiterqualifikationen. Die Lohnflexibilität ist also in denjenigen Arbeitsmärkten, in denen die Gewerkschaften einen hohen Organisationsgrad und eine hohe Verhandlungsmacht haben, geringer als in anderen Arbeitsmarktsegmenten. Zudem bestätigt unsere Studie zwei Befunde aus der nordamerikanischen Literatur: Der Kapitalstock passt sich auch in Deutschland sehr schnell an eine Ausweitung des Arbeitsangebots durch Migration an. Und schließlich erweisen sich In- und Ausländer auch bei gleicher Ausbildung und Berufserfahrung nur als unvollkommene Substitute im Arbeitsmarkt.

Die quantitativen Ergebnisse unserer Studie bestätigen weitgehend die Befunde der alten Literatur: So bewirkt eine Nettozuwanderung von einem Prozent der Bevölkerung - das entspricht in Deutschland rund 820 000 Personen oder rund 400 000 Erwerbspersonen - bei der gegebenen Qualifikationsstruktur der ausländischen Bevölkerung, dass die Löhne kurzfristig insgesamt um 0,1 Prozent sinken und die Arbeitslosigkeit kurzfristig um 0,07 Prozentpunkte steigt. Langfristig, das heißt, wenn sich der Kapitalstock angepasst hat, ergibt sich keine Veränderung der Löhne, und die Arbeitslosigkeit bleibt mit 0,01 Prozentpunkten nahezu unverändert.

Allerdings hat die Migration zum Teil erhebliche Auswirkungen auf einzelne Gruppen im Arbeitsmarkt: Die Löhne der ausländischen Bevölkerung sinken kurzfristig um 0,71 und langfristig um 0,64 Prozent, während ihre Arbeitslosenrate kurzfristig um 0,42 und langfristig um 0,11 Prozentpunkte steigt. Demgegenüber steigen die Löhne der einheimischen Bevölkerung langfristig um 0,07 Prozent, und ihre Arbeitslosenrate sinkt um 0,01 Prozentpunkte. Unter den einheimischen Arbeitnehmern ergeben sich nur für die vergleichsweise kleine Gruppe ohne abgeschlossene Berufsausbildung Nachteile, alle anderen Gruppen profitieren. Unter den ausländischen Arbeitnehmern verlieren alle Gruppen, insbesondere aber die Gruppe ohne abgeschlossene Berufsausbildung.

Wie hat sich der Migrationsboom in den 1980er und 1990er Jahren ausgewirkt?

Gegenwärtig ist die Nettozuwanderung nach Deutschland auf nahezu Null gefallen. Von nennenswerten Arbeitsmarktwirkungen der Zuwanderung kann derzeit folglich kaum gesprochen werden. Allerdings verzeichnete Deutschland seit Mitte der 1980er Jahre hohe Zuwanderungszahlen, die mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch des Ostblocks zu Beginn der 1990er Jahre noch einmal deutlich angestiegen sind. Insgesamt ist die Zahl der Erwerbspersonen zwischen Mitte der 1980er und Mitte der 1990er Jahre in Westdeutschland durch internationale Migration um rund fünf Prozent gestiegen.

Eine Simulation dieses "Wanderungsschocks" zeigt, dass die Zuwanderung kurzfristig zu einem Rückgang der Löhne um 0,5 Prozent und einem Anstieg der Arbeitslosenrate um 0,4 Prozentpunkte geführt haben könnte, langfristig, mit der Anpassung des Kapitalstocks, das Lohnniveau jedoch unverändert geblieben und die Arbeitslosenrate um rund 0,14 Prozent gestiegen sein dürfte. Mit anderen Worten: Schon wenige Jahre nach der deutschen Vereinigung dürften diese Effekte auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr oder kaum noch sichtbar gewesen sein, zumal dieser Schock nicht in einem Jahr, sondern über eine Dekade verteilt aufgetreten ist.

Interessant sind jedoch wiederum die Verteilungseffekte zwischen den einzelnen Gruppen im Arbeitsmarkt: Während die Löhne der einheimischen Bevölkerung langfristig um 0,3 Prozent gestiegen und ihre Arbeitslosenrate langfristig um rund 0,13 Prozent gesunken sein dürfte, gehören die ausländischen Arbeitnehmer zu den Verlierern der Zuwanderung: Ihre Löhne sind nach den Simulationsergebnissen langfristig um 3,45 Prozent und ihre Arbeitslosenrate langfristig um 1,42 Prozentpunkte gestiegen.[16] Damit kann mehr als ein Drittel des Anstiegs der Arbeitslosigkeit ausländischer Arbeitnehmer in diesem Zeitraum durch Zuwanderung erklärt werden. Die hohe Diskrepanz zwischen den Arbeitsmarktwirkungen der Migration für Inländer und Ausländer ist nicht allein darauf zurückzuführen, dass Ausländer und Inländer unvollkommene Substitute im Arbeitsmarkt sind. Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass die bereits im Lande lebenden Ausländer über eine relativ ähnliche Ausbildung und Berufserfahrung wie die Zuwanderer verfügen, so dass Immigranten stärker mit anderen Ausländern als mit einheimischen Arbeitskräften konkurrieren.

Schlussfolgerungen

Die Befürchtung von Oskar Lafontaine, dass der Lohnwettbewerb von Migranten die Arbeitsplätze von deutschen Arbeitnehmern gefährdet, wird durch die empirischen Befunde nicht bestätigt. Im Gegenteil, deutsche Arbeitnehmer gehören in der Regel zu den Gewinnern der Zuwanderung. Sie profitieren durch steigende Löhne und, allerdings nur in geringem Umfang, durch fallende Arbeitslosigkeitsrisiken. Die Verlierer sind dagegen in der ausländischen Bevölkerung zu suchen, weil sie stärker als die Inländer mit den Zuwanderern in den gleichen Arbeitsmarktsegmenten konkurrieren. Zudem sind Inländer und Ausländer nur unvollkommene Substitute im Arbeitsmarkt, das heißt, auch bei gleicher Berufsausbildung und Berufserfahrung unterscheiden sie sich im Arbeitsmarkt. Dies kann auf vielfältige Faktoren wie Sprache, Kultur aber auch möglicherweise Arbeitsmarktdiskriminierung zurückgeführt werden.

Zu den interessantesten Ergebnissen der älteren wie auch der jüngeren Migrationsforschung gehört, dass die Arbeitsmarktwirkungen der Migration insgesamt sehr gering oder möglicherweise sogar neutral sind. Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass sich nicht allein der Arbeitsmarkt an die Zuwanderung anpasst. In offenen Volkswirtschaften passen sich auch die Kapital- und die Gütermärkte an. Im Ergebnis ist die Ausweitung des Arbeitsangebotes durch Migration auf gesamtwirtschaftlicher Ebene neutral für die Entlohnung des Faktors Arbeit wie auch des Faktors Kapital. In einer international stark integrierten Volkswirtschaft wie der deutschen dürften sich diese Anpassungsprozesse eher rasch vollziehen.

Insofern hat Migration weniger Einfluss auf die Verteilung von Einkommen zwischen Kapital und Arbeit, sondern mehr auf die Verteilung von Löhnen und Beschäftigungschancen zwischen den einzelnen Arbeitnehmergruppen. Grundsätzlich gilt, dass die Arbeitsmarkt- und Verteilungswirkungen der Migration umso positiver ausfallen, je höher die Qualifikation der Migranten ist. Zum einen ergeben sich aufgrund geringerer Beschäftigungsrisiken dieser Gruppen und einer höheren Arbeitsmarktflexibilität positive Arbeitsmarkteffekte, zum anderen konkurrieren sie weniger mit den potenziell benachteiligten Gruppen im Arbeitsmarkt. Eine Steuerung der Zuwanderung nach Qualifikation bzw. Bildung wird deshalb auch durch die Erkenntnisse der jüngeren Migrationsforschung unterstützt.
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Fußnoten

1.
Nach eigenen Berechnungen auf Grundlage von Angaben der Weltbank, World Development Indicators, CD-Rom, Washington, DC 2007.
2.
Vgl. Bob Hamilton/John Whalley, Efficiency and Distributional Implications of the Global Restrictions on Labour Mobility, in: Journal of Development Economics, 14 (1984) 1, S. 61 - 75; Dani Rodrik, Final Remarks, in: Riccardo Faini/Jaime de Melo/Klaus Zimmermann (eds.), Migration. The Controversies and the Evidence, Cambridge 2002, S. 314 - 317.
3.
Vgl. zum Beispiel Kar-yiu Wong, International Trade in Goods and Factor Mobility, Cambridge, MA 1995.
4.
Vgl. zum Beispiel Rachel Friedberg/Jennifer Hunt, The Impact of Immigrants on Host Country Wages, in: Journal of Economic Perspectives, 9 (1995) 2, S. 23 - 44; David Card, Immigrant Inflows, Native Outflows, and the Local Labor Market Impacts of Higher Immigration, in: Journal of Labor Economics, 19 (2001) 1, S. 22 - 64; George Borjas/Richard Freeman/Lawrence Katz, How Much Do Immigration and Trade Affect Labor Market Outcomes?, in: Brookings Papers on Economic Activity, (1997) 1, S. 1 - 90; Simonetta Longhi/Peter Nijkamp/Jaques Poot, A Meta-Analytic Assessment of the Effects of Immigration on Wages, in: Journal of Economic Surveys, 19 (2005) 3, S. 451 - 477; dies., The Impact of Immigration on the Employment of Natives in Regional Labour Markets, IZA Discussion Paper 2044, Bonn 2006.
5.
Dieses Phänomen ist jedoch zumindest in den USA statistisch nicht signifikant. Vgl. David Card/John di Nardo, Do Immigrant Inflows Lead to Native Outflows?, in: American Economic Review, 90 (2000) 2, S. 360 - 367.
6.
Vgl. David Card, The Impact of the Mariel Boatlift on the Miami Labor Market, in: ILR Review, 43 (1990) 2, S. 245 - 257.
7.
Vgl. Jennifer Hunt, The Impact of the 1962 Repatriates from Algeria on the French Labor Market, in: ILR Review, 45 (1992) 3, S. 556 - 572.
8.
Vgl. William Carrington/Pedro de Lima, The Impact of the 1970s Repatriates from Africa on the Portuguese Labour Market, in: ILR Review, 49 (1996) 2, S. 330 - 347.
9.
Vgl. Martin Mühleisen/Klaus Zimmermann, A Panel Analysis of Job Changes and Unemployment, in: European Economic Review, 38 (1994) 3 - 4, S. 793 - 801; Jörn-Steffen Pischke/Johannes Velling, Employment Effects of Immigration to Germany, in: Review of Economics and Statistics, 79 (1997) 4, S. 594 - 604; Andrea Gavosto/Alessandra Venturini/Claudia Villosio, Do Immigrants Compete with Natives?, in: Labour, 13 (1999) 3, S. 603 - 621.
10.
Vgl. George Borjas, The Labour Demand Curve is Downward-Sloping, in: Quarterly Journal of Economics, 118 (2003) 4, S. 1335 - 1374.
11.
Vgl. Abdurrahman Aydemir/George Borjas, Cross-Country Variation in the Impact of International Migration: Canada, Mexico and the United States, in: Journal of European Economic Association, 5 (2007) 4, S. 663 - 708.
12.
Vgl. Gianmarco Ottaviano/Giovanni Peri, Rethinking the Effects of Immigration on Wages, NBER Working Paper 12497, Cambridge/MA 2006; dies., Immigration and National Wages, NBER Working Paper 14188, Cambridge/MA 2008.
13.
Vgl. ebd.; George Borjas/Jeffrey Grogger/Gordon Hanson, Imperfect Substitution between Immigrants and Natives: A Reappraisal, NBER Working Paper 13887, Cambridge/MA 2008.
14.
Vgl. zum Beispiel Richard Layard/Stephen Nickell/Richard Jackman, Unemployment. Macroeconomic Performance and the Labour Market, Oxford 20052.
15.
Vgl. Herbert Brücker/Elke Jahn, Migration and the Wage Setting Curve, Aarhus School of Business Working Paper 08 - 4, Aarhus 2008.
16.
Vgl. ebd.