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16.10.2009 | Von:
Arnd-Michael Nohl
Anja Weiß

Jenseits der Greencard: Ungesteuerte Migration Hochqualifizierter

Beim Versuch, ihre Qualifikationen auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu verwerten, treffen Migranten auf viele Hindernisse. Häufig wird der Zugang zu berufsspezifischen Arbeitsmärkten durch das Ausländerrecht verhindert.

Einleitung

Als Bahri Nazar eine Hamburgerin mit türkischen Wurzeln ehelicht, hat er eigentlich nicht vor, nach Deutschland zu ziehen. Doch seine Frau kann sich an die neue Lebenssituation in der Türkei nicht gewöhnen, und auch seine Arbeit als Arzt im öffentlichen Dienst ist hart. So entschließt sich das Paar 1992, sein Glück in Hamburg zu versuchen. Zunächst durch seine Frau, eine Erzieherin, versorgt, besucht Dr. Nazar Deutschkurse und engagiert sich im Verein türkischer Mediziner. Noch bevor er fließend Deutsch sprechen kann, wird ihm die Leitung der vereinseigenen AIDS-Beratungsstelle angeboten. Wenig später, im November 1994, offeriert ihm ein Vereinsmitglied eine Assistenzstelle in einer allgemeinmedizinischen Praxis, in der hauptsächlich Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund, meist aus der Türkei, behandelt werden. Da seine Frau sich kurz zuvor einbürgern ließ, kann er die notwendige Berufserlaubnis beantragen, die ihm - aufgrund seines fünfjährigen Studiums in der Türkei und seiner langjährigen Berufserfahrung - auch gegeben wird. 1999 muss sein Chef die Praxis aus Altersgründen abgeben; Dr. Nazar, der sich mittlerweile als Ehepartner einer Deutschen einbürgern ließ und dann die Vollapprobation als Arzt erwerben konnte, übernimmt die Praxis. Der einstige Heiratsmigrant ist heute niedergelassener Arzt, seine zwei Kinder zieht er gemeinsam mit seiner Frau in einem eigenen Haus auf.







Wie stark kontrastiert das Geschick des deutsch verheirateten Einwanderers doch mit dem Los von Frau Damerc. In ihrem Herkunftsland Irak führt sie eine Praxis als Gynäkologin und ist Oberärztin im Krankenhaus. Als eine befreundete Ärztin in den Wirren nach dem zweiten Golfkrieg ermordet wird, flieht sie 1996 mit Mann und Kindern nach Deutschland. Dort wird keine politische Verfolgung festgestellt; sie erhält nur einen Abschiebeschutz, ein "kleines Asyl", das mit einer auf zwei Jahre befristeten Aufenthaltsbefugnis versehen ist. Ihre Qualifikation als Ärztin, wenngleich nicht ihr Facharzttitel, wird anerkannt. Doch mit der Aufenthaltsbefugnis ist ihr Arbeitsmarktzugang auf solche abhängigen Beschäftigungsverhältnisse beschränkt, für die keine Deutschen oder anderen bevorrechtigten Arbeitskräfte zu gewinnen sind.




Als sie im Gesundheitsamt eine Berufserlaubnis als Ärztin beantragen will, wird ihr empfohlen, lieber gleich eine Stelle als Putzfrau zu suchen. Erst als eine deutsche Bekannte dort anruft, erhält sie den Ratschlag, potenzielle Arbeitgeber zur Ausschreibung einer Stelle zu bewegen, für die bestimmte Sprachkenntnisse nötig sind. So gelingt es ihr, eine Stelle in einer Praxis mit vielen irakischen Patienten zu finden. Die für eine neuerliche Facharztausbildung nötigen Beschäftigungsverhältnisse findet Aynur Damerc, indem sie persönlich bei Arbeitgebern vorspricht: "Dann habe ich eine Liste gemacht, ich bin in einem Monat zu fünfzig Ärzten gegangen." Allerdings muss sie einen Teil der Weiterbildung in einem Krankenhaus absolvieren, und Krankenhäuser können keine Stelle mit speziellen Sprachkenntnissen ausschreiben. Dass sie, falls sie ihre Facharztausbildung nicht fortsetzen kann, dann deren Kosten zurückzahlen müsste, schwebt wie ein Damoklesschwert über der Familie. Nach neun Jahren in Deutschland leben fünf Personen von 2200 Euro netto, die Frau Damerc während der Facharztausbildung verdient. Wie es weitergeht, ist ungewiss.

Obgleich die deutschen Gesundheitsbehörden die beruflichen Qualifikationen von Herrn Nazar und Frau Damerc nie angezweifelt haben, werden ihnen auf dem Weg in den Arbeitsmarkt ganz unterschiedliche und vor allem ungleich hohe Hürden gestellt. Beide sind jenseits staatlicher Steuerung nach Deutschland eingewandert; gleichwohl stehen sie exemplarisch für den Kontrast, der sich zwischen rechtlich gegenüber Deutschen gleichrangigen und solchen Migrantinnen und Migranten auftun kann, die nur über einen rechtlich sehr eingeschränkten Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt verfügen.

Vor dem Hintergrund einer breit angelegten Untersuchung über die diversen Wege, auf denen hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten in den Arbeitsmarkt finden,[1] gehen wir im Folgenden zunächst auf die Situation von Einwanderern ein, deren Arbeitserlaubnis nicht oder wenig eingeschränkt ist, so dass eine Verwertung ihres im Ausland erworbenen spezifischen Wissens und Könnens möglich bleibt. Im zweiten Abschnitt widmen wir uns dann dem Leben und Arbeiten unter den Bedingungen eines rechtlich deprivilegierten Arbeitsmarktzugangs (etwa bei Flüchtlingen, "Illegalisierten" und Studierenden). Ungeachtet dieser Unterschiede ist den von uns hier untersuchten Migranten gemeinsam, dass sie außerhalb staatlicher Einwanderungsprogramme, das heißt jenseits der Greencard eingewandert sind, und ihre zentralen akademischen Qualifikationen auf einer Universität außerhalb Deutschlands erworben haben, also sogenannte Bildungsausländer sind.

Fußnoten

1.
Die von der Volkswagen-Stiftung finanzierte Studiengruppe "Kulturelles Kapital in der Migration" hat von 2005 bis 2009 mit zumeist hochqualifizierten Migrantinnen und Migranten in Deutschland, Kanada, Großbritannien und der Türkei 206 narrative Interviews geführt, mit der dokumentarischen Methode (vgl. Ralf Bohnsack, Rekonstruktive Sozialforschung, Opladen 2008; Arnd-Michael Nohl, Interview und dokumentarische Methode, Wiesbaden 2009) vergleichend ausgewertet und - auch unter Berücksichtigung statistischer Daten und der institutionellen Rahmenbedingungen der einzelnen Länder - typische Muster der Arbeitsmarktinklusion herausgearbeitet. Vgl. Arnd-Michael Nohl/Karin Schittenhelm/Oliver Schmidtke/Anja Weiß (Hrsg.), Kulturelles Kapital in der Migration. Hochqualifizierte Einwanderer und Einwanderinnen auf dem Arbeitsmarkt, Wiesbaden 2010.