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8.10.2009 | Von:
Joachim Güntner

Der Buchmarkt im Strudel des Digitalen

Direktvertrieb, Open Access und der zweite Anlauf des E-Books

In jenem ersten Zusammentreffen des Buchmarktes mit der Online-Welt veränderte sich eines nicht: Die Bücher blieben Bücher und wurden als physische Objekte gehandelt. Das werden sie noch immer, aber nicht mehr ausschließlich. Die Digitalisierung des Buchmarktes hat nach den Bestellkanälen die Werke selbst erfasst, zunächst als Editionen auf CD-ROM, mittlerweile aber eben auch in der gleichsam fluiden Form als Online-Ausgabe. Der Furcht des Buchhandels, mittels Direktgeschäft umgangen zu werden, hat dies neuen Auftrieb gegeben. Den Anfang machte der Wissenschaftsbereich. Verlage gingen dazu über, nicht nur digitalisierte Zeitschriftenaufsätze, sondern ganze Bücher abrufbereit ins Netz zu stellen und den Service direkt mit dem Leser abzurechnen. Was für die Belletristik lange Zeit ein triftiges Argument schien: dass niemand Lust hat, einen Roman am Bildschirm zu lesen, entfällt in der wissenschaftlichen Literatur. Hier ist die elektronische Volltextrecherche ein willkommenes Hilfsmittel. Außerdem verkürzt die Online-Publikation die Zeit, die es braucht, um neue Erkenntnisse in der Scientific Community zu verbreiten. Gerade im STM-Sektor ("Science, Technology & Medicine") ist der Drang groß, die Nase vorn zu haben.

Im Wissenschaftsbereich machte der digitale Direktvertrieb seinen nächsten, diesmal nicht bloß für den Handel, sondern für die Verlage bedrohlichen Schritt. Das Stichwort lautet "Open Access"; es bedeutet, dass Autoren ihre Texte im Internet frei zugänglich anbieten. In diesem Modell sind die Verlage ihrer Position als Mittler beraubt und spielen für das Publizieren keine Rolle mehr. Ursprünglich handelte es sich dabei um einen Akt der Notwehr der publizierenden Forscher. Sie reagierten auf die Preispolitik von Verlagen für naturwissenschaftliche Zeitschriften, die ihre oligopolartige Stellung ausnutzten und den Bibliotheken schamlos überteuerte Abonnements verkauften, letztlich zum Schaden für die wissenschaftliche Kommunikation. Heute sind es die Universitäten und die wissenschaftsfördernden Institutionen, welche die Wissenschaftler dazu anhalten, ihre Werke über institutseigene Server gemeinfrei im Netz zu publizieren - zum Ärger nicht nur der brotlos werdenden Verleger, sondern auch mancher Autoren selbst, die sich in ihrem Recht auf freie Wahl des Publikationsortes eingeschränkt sehen.[7]

Taugt digitales Publizieren nur für Texte, die schnell durchzulesen sind oder die man fakultativ konsultiert, also etwa bloß für wissenschaftliche Aufsätze und für Nachschlagewerke? Als sich im Februar 2001 Bibliothekare, Wissenschaftler, Verleger und Politiker in Berlin zu einem Symposium über "Wissenschaftspublikation im digitalen Zeitalter" trafen, markierte der Buchhistoriker Stephan Füssel noch einmal den Nutzungsunterschied von Buch und Bildschirm: "Das schnelle Finden einer einzelnen Stelle, die gute Recherchemöglichkeit, das sind die Vorzüge des Bildschirms; die ruhige, sachliche Hintergrundinformation, die vollständige, die andauernde, die genussvolle Lektüre bleibt beim Buch!"[8] Füssel sagte das zu einem Zeitpunkt, als die Universität Köln gerade die erste ausschließlich online veröffentlichte Habilitationsschrift akzeptiert hatte, als es schon Usus geworden war, Forschungsberichte in Datenbanken einzustellen, als Tagungsakten auf CD-ROM ediert wurden und Internet-Literaturarchive die Werke der Klassiker für Interessenten parat hielten. Große Textmassen also, die sich aber, folgte man Füssel, nicht für eine "ausdauernde" Rezeption eigneten. Dem widersprach auch niemand. Es war, als habe der Mainzer Buchhistoriker und Gutenberg-Biograf eine anthropologische Grundtatsache formuliert, an der nicht zu rütteln sei: Ein intensives Lesevergnügen entsteht nur dort, wo sich jemand über eine Buchseite beugt. Genuss und Nachdenklichkeit hängen ab von der Sinnlichkeit von Papier und Einband, von der augenfreundlichen Kontur und Tiefe einer gedruckten Schrift.

Schöne Behauptungen. Sie leuchteten unmittelbar ein und schienen in ihrer Wahrheit dadurch bestärkt, dass keine Leser bekannt waren, die Lust gehabt hätten, Philosophie oder schöne Literatur im digitalen Format zu lesen. Denker und Dichter auf der Suche nach einem hübschen Zitat zu durchforsten, das ginge wohl - aber Belletristik am Bildschirm "schmökern"? Nie und nimmer. Dazu passte, dass sich die erste Generation elektronischer Lesegeräte beim Publikum nicht durchzusetzen vermochte. Einer dieser Minicomputer war unter dem Namen Rocket-E-Book zunächst in den USA vermarktet worden, wagte 1998 den Sprung über den Großen Teich, präsentierte sich mit viel Tamtam auf der Frankfurter Buchmesse - und wurde von der Firma Gemstar nach rundum enttäuschenden Geschäften 2003 vom deutschen Markt zurückgezogen. Die ersten E-Reader hatten mehrere Geburtsfehler: Sie waren mit einem Gewicht zwischen einem halben und einem Kilogramm eindeutig zu schwer; ihr Anschaffungspreis war zu hoch; ihre auf die Buchpräsentation beschränkte Funktion hielt dem Vergleich mit anderen, multifunktionalen Kleincomputern nicht stand. Und was Verlage und Autoren als Kopierschutz begrüßten, fanden die Nutzer wenig einladend: Die Inhalte für das Rocket-E-Book konnten nicht weitergegeben oder verliehen werden, sie waren immer nur auf dem individuellen Gerät lesbar, für das ein Anwender sie gekauft hatte.

Seit gut drei Jahren, beginnend in Japan und den USA, starten Firmen nun einen zweiten Anlauf, und diesmal lässt sich das Unternehmen erfolgversprechend an. Eine neue Generation von Lesegeräten, unter denen der Sony Reader und der Kindle von Amazon nur die bekanntesten sind, lassen die Schwächen der Vorgänger vergessen. Es gibt keine lahmen Arme und keine geblendeten Augen mehr, denn diese Leichtgewichte mit ihren Bildschirmen, fünf oder sechs Zoll groß, sind handlich wie Taschenbücher, und ihre mit elektronischer Tinte (e-ink) arbeitenden Displays produzieren keine störenden Reflexe. Selbst bei direktem Sonnenlicht oder aus einem schrägen Blickwinkel lässt sich die Schrift gut lesen. Der Akku hält lange, denn Strom verbraucht das elektronische Papier nur beim Blättern, also beim Aufbau der Seite, nicht aber für einen stehenden Text. Erkennbar ist die Zielsetzung, dem Auge den möglichst gleichen Komfort zu bieten wie beim Lesen bedruckten Papiers. Daran knüpft sich die Frage, ob die von Stephan Füssel als grundlegend gesetzte kategorische Unterscheidung zwischen Buch- und Bildschirmlektüre wirklich auf ewig Bestand hat.

Ohne über die Qualität des Lesevorgangs zu urteilen, lässt sich eines schon jetzt konstatieren: Die Annahme, das Lesen digitaler Formate sei nichts, was literarische Formen wie den Essay oder den Roman jemals erfassen könnte, war voreilig. Mit den neuen Lesegeräten ist die Belletristik e-book-fähig geworden. Der Rubikon ist überschritten. Digitale Publikation ist nicht mehr bloß etwas für Fachverlage. Auf breiter Front bieten die Publikumsverlage Romane, Erzählungen, Lyrik und Titel aus dem Sachbuchprogramm für E-Reader an. Ein erstes eindrucksvolles Indiz für den Sinneswandel war in den Lektoraten zu finden. Dass Autoren ihr Manuskript als E-Mail schicken, hatte sich schon eingebürgert. Dennoch reagierten Lektoren jahrelang auf das digitale Angebot nicht mit einer digitalen Lektüre: Sie druckten die Texte aus und lasen die Angebote auf Papier. Das ist dank der neuen Technologie nun nicht mehr obligatorisch. Ob in den Lektoraten der Verlagsgruppen von Random House oder von Holtzbrinck oder Carl Hanser, ob bei Luchterhand, Kiepenheuer & Witsch oder S. Fischer, überall kommen E-Reader zum Einsatz. Vor allem für die Sondierung, bei der es noch nicht um die Korrektur, sondern nur um die Frage geht, ob man das von einem Autor offerierte Werk überhaupt annehmen möchte, erweisen sich die Lesegeräte als hilfreich. Wie oft gingen Lektoren mit zehn oder mehr Manuskripten auf Reisen, nahmen sie auf Dienstfahrten mit oder auch in die Ferien. Nun endlich winkt Gepäckerleichterung. Statt kiloschwerer Taschen transportieren Lektoren jetzt nur noch 250 Gramm und können dennoch weit mehr Text mit sich führen als je zuvor. Dieser Vorzug findet allgemeinen Beifall. Die Aussicht indessen, dereinst vielleicht Manuskripte nicht nur auf einem Display zu prüfen, sondern dort auch zu redigieren, lehnen die meisten - wie lange noch? - ab. Wer auf seinen Berufsstand hält, kann sich ein sorgfältiges Lektorat nur auf Papier vorstellen. Die Arbeitsstufen, die vielen Auszeichnungen des Textes: Wollte man das digital umsetzen, verlöre man den Überblick.

Fußnoten

7.
Vgl. Joachim Güntner, Der Kampf ums Urheberrecht hat viele Schauplätze. Mit dem "Heidelberger Appell" wehren sich Autoren gegen Raubkopien und den Zwang zu Open Access, in: Neue Zürcher Zeitung vom 2.5. 2009.
8.
Stephan Füssel, Geisteswissenschaften und digitale Medien: von der Medienkonkurrenz zur Mediensymbiose, in: Die unendliche Bibliothek. Teil 2, hrsg. von der Deutschen Bibliothek, Wiesbaden 2001, online unter www.ddb.de.