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8.10.2009 | Von:
Ernst Pöppel

Was geschieht beim Lesen?

Lesen als Kulturtechnik ist eine kreative Leistung des menschlichen Gehirns, die aber durch einen Missbrauch desselben erkauft wird.

Einleitung

Die Frage, was beim Lesen geschehe, kann aus Sicht der Hirnforschung und Psychologie mehr oder weniger präzise beantwortet werden; ehrlicher Weise sollte man sagen, weniger präzise.[1] Doch bevor ich mich dieser Frage zuwende, möchte ich einige kritische Bemerkungen zum Lesen überhaupt machen, wobei ich bei jenen, die sich dem Lesen als einer Kulturtechnik besonders verpflichtet fühlen, von vornherein um Vergebung bitte. Ich meine allerdings, dass meine Überlegungen nicht aus der Luft gegriffen sind, wobei mir klar ist, dass ich mir keine Freunde machen werde. Mir ist unverständlich, warum man das Lesen als Kulturtechnik so besonders hoch hängt, und dass man beklagt, dass die Lesekompetenz in unserer Kultur schwinde. Ich bin gerne bereit, meine Thesen, deren Wahrheitsgehalt meines Erachtens schwer zu bestreiten sind, beherzt zu verteidigen.






Vielleicht hat es ja auch etwas Gutes, dass das Lesen im Rahmen der digitalen Revolution in Gefahr zu geraten scheint. Denn Lesen ist für unser Gehirn eine der unnatürlichsten Tätigkeiten überhaupt. Ich gehöre berufsbedingt zu den intensiven Lesern und verbringe täglich mehrere Stunden damit. Aber mir ist klar, dass ich damit mein Gehirn missbrauche. Lesen ist von Natur aus nicht vorgesehen gewesen, sondern von Menschen als Kulturtechnik erfunden worden. Irgendwann entdeckte man, dass man die Abfolge von Sprachlauten oder die Abfolge von Wörtern und Begriffen verbildlichen kann und damit eine visuelle Darstellung der gesprochenen Sprache erhält.

Fußnoten

1.
Im Folgenden wird auf Literaturnachweise verzichtet; diese sind beim Autor zu erfragen. Vgl. auch Ernst Pöppel, Der Rahmen. Ein Blick des Gehirns auf unser Ich, München 2006.