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25.9.2009 | Von:
Norbert Bolz

Ich will einen Unterschied machen! Essay

Das Problem der Selbstverwirklichung liegt darin, Freiheit in Sinn zu verwandeln. Was uns in den Augen der anderen Würde verleiht, ist nicht der Lebensstandard, sondern die Lebensführung.

Einleitung

Alles, was wir tun, basiert auf riskanten Entscheidungen. Wir müssen uns daher stets die Fragen stellen: Was ist richtig? Und: Was ist mir wichtig? Wie finde ich mein Lebensthema? Nicht zwischen wichtig und unwichtig unterscheiden zu können, ist das Wesen der Dummheit. Man muss vor allem verstehen, dass das, was informativ ist, nicht auch schon wichtig ist; und dass nichts aus sich selbst heraus wichtig ist. Die Sorge produziert die Wichtigkeit - wichtig heißt immer: wichtig für mich. Das Wichtigste ist deshalb, zu verstehen, was einem wichtig ist.






Doch wohlgemerkt: Wichtigkeit heißt nicht Eigeninteresse. Das kann man daran erkennen, dass viele Menschen erfolgreich, aber unzufrieden sind. Wer nur sein Eigeninteresse befriedigt, steigert damit nicht auch sein Selbstwertgefühl. Geschäftlicher Erfolg kann gesellschaftliche Anerkennung nicht ersetzen. Mit anderen Worten: Geschäftlicher Erfolg ist kein Anzeichen dafür, ob es einem Menschen gelungen ist, dem eigenen Leben Sinn und Form zu geben. In den Ursprungszeiten des Kapitalismus hat man das noch verstanden, denn damals hatte der Einzelne nicht nur Ansprüche, sondern auch Pflichten. So galt für den Puritaner: Pflicht gibt dem Leben Sinn, Lebensführung gibt dem Leben Form. Natürlich können Pflichtbewusstsein und Lebensführung unser Verhalten heute nicht mehr wie damals bestimmen. Aber was dann?

Menschen haben kein Biogramm, das heißt, sie sind im Gegensatz zu den Tieren nicht in die Welt eingepasst. Und deshalb brauchen sie Identitätsformeln. Wer bin ich? Diese Frage beantworte ich natürlich ganz anders als Du. Jeder Einzelne muss sich eine Lebensrolle definieren. Der Mensch ist nicht einfach mit sich selbst identisch, sondern er muss seine Identität erst leisten. Wer etwa im Rahmen einer Bewerbung seinen Lebenslauf verfasst, weiß natürlich, dass er nicht frei phantasieren kann; der Lebenslauf muss glaubwürdig sein und darf keine Widersprüche aufweisen. Und dennoch: Jeder Lebenslauf ist ein Drehbuch, das man schreibt. Und das gilt für die Identitätsbildung überhaupt: Man kann nur leben, wenn man sich eine Rolle definiert.

Es ist deshalb ein Missverständnis zu glauben, der echte Mensch befände sich hinter einer Maske. Das Selbst ist der dramatische Effekt des Alltagstheaters. Man spielt die Rolle, man selbst zu sein. Und diese Selbstdarstellung ist die Grundlage des sozialen Vertrauens. Das bedeutet, dass die Würde des Menschen, die ja "unantastbar" sein soll, das Resultat einer gelungenen Selbstdarstellung ist. Die aktuellste Form dieser Selbstdarstellung gibt es im Internet: broadcast yourself. Internet-Portale wie YouTube, StudiVZ und MySpace zeigen uns reine Formen einer öffentlichen Zurschaustellung von Identität. Statt das "wahre" Selbst zu entdecken, geht es darum, ein interessantes Selbst zu erschaffen. Anprobieren - das macht man heute nicht mehr nur mit Kleidern, sondern auch mit Lebensstilen und Weltanschauungen. Viele, vor allem junge Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind und es als eine zweite Natur erfahren, können mit den klassischen Vorstellungen von Privatsphäre und Intimität gar nichts mehr anfangen. YouTube, MySpace und die Castingshows im Fernsehen signalisieren Exhibitionismus und Voyeurismus als neuen Megatrend.


Die soziale Situation in Deutschland

Lebensformen und Haushalte

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