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25.9.2009 | Von:
Thomas Gesterkamp

Vielfalt der Geschlechterrollen

Die meisten Frauen betrachten Erwerbsarbeit nicht mehr als Zwischenspiel vor der Familiengründung. Die Reaktionen der Männer auf diesen Wandel unterscheiden sich je nach Bildungsstand und kultureller Kompetenz.

Einleitung

Als das politische Tauziehen um den insolventen Handelskonzern Arcandor im Juni 2009 auf dem Höhepunkt angekommen war, erschien in vielen Zeitungen ein eindrucksvolles Foto: Eine Karstadt-Verkäuferin demonstriert gemeinsam mit ihrem Sohn, der ein Transparent in die Kamera hält, auf dem steht: "Mama braucht ihre Arbeit". Das Bild dokumentiert einen kulturellen Wandel: Nicht nur Papa braucht seine Arbeit - auch Frauenjobs sind wichtig und rettungswürdig. Das ist neu, denn früher war die öffentliche Aufmerksamkeit nur dann groß, wenn die Arbeitsplätze männlicher Ernährer gefährdet waren. Bei einem Frankfurter Baukonzern ließ sich Ende der 1990er Jahre Gerhard Schröder als Retter feiern. Unter lautem Jubel sprach der damalige Kanzler von den "Holzmännern und ihren Familien", denen der soziale Absturz erspart bleibe (eine voreilige Prognose, wie sich bald herausstellte). Ein kerniger Malocher mit Schutzhelm schilderte damals in der "Tagesschau" seine Lebenssituation als Familienernährer: Die Frau mache sich Sorgen, zwei Kinder habe er, und eine Hypothek aufs Reihenhaus. Das Fernsehen war auch live dabei, wenn die Bergarbeiter im Ruhrgebiet um ihre Jobs kämpften: Echte Kerle, die sich wehrten, mit ihren Motorrädern auf dem Weg in die Schaltzentralen der Macht! Hunderttausende von Frauenarbeitsplätzen in den neuen Bundesländern verschwanden dagegen still und heimlich - wie auch die von weiblichen Beschäftigten geprägte westdeutsche Textilindustrie. Das interessierte gerade mal die Regionalpresse.




Der "arbeitslose Familienvater" galt seit jeher als besonderes Symbol für den Schrecken der Arbeitslosigkeit. Mütter ohne Job waren nicht arbeitslos, sondern Hausfrau und "nicht berufstätig". Wenn Frauen gekündigt wurde, war das weniger bemerkenswert. Hauptsache, der Mann hatte eine gute Stelle, und die Grundversorgung der Familie blieb gesichert. Den Arbeitsmarkt beeinflusst ein versteckter Geschlechterkonflikt, von dem in Politikerrunden fast nie die Rede ist. Die im Rückblick idealisierte Vollbeschäftigung zwischen 1960 und Mitte der 70er Jahre war eine Vollbeschäftigung für Männer. Sie beruhte darauf, dass Frauen massenhaft zu Hause blieben, ihren Partnern den Rücken freihielten - und nebenbei auch noch die Arbeitslosenstatistik entlasteten. Das männliche Erwerbskonzept - "ein Leben lang ohne Unterbrechung Vollzeit" - ist angewiesen auf ein weibliches Pendant, das derweil die Aufgaben des Alltags erledigt. Zumindest wenn sie Kinder haben, brauchen Männer eine (Ehe)Frau, die sich um alles kümmert, was sie vom Geldverdienen abhalten könnte.

Der Beruf war und ist elementarer Bestandteil des männlichen Lebensentwurfes. Er bildet ein Gegengewicht zur eher weiblich geprägten Privatsphäre. Am Arbeitsplatz versuchen Männer traditionell einzulösen, was ihre Umgebung von ihnen erwartet. Nach der Diskreditierung der soldatischen Männlichkeit in zwei Weltkriegen verstärkte sich die Bedeutung der Erwerbsarbeit sogar noch - während andere Eckpfeiler männlicher Identität und Selbstdarstellung ins Wanken gerieten: Der starke Mann, der Feinde und Natur besiegt; der mutige Beschützer von Frauen, Alten und Kindern; der Erfinder, Eroberer und Erbauer; der Bestimmer in Gemeinde und Verwandtschaft, der Werte vorgibt und diese interpretiert - all diese Rollen verloren ihre Selbstverständlichkeit.

Das einst im Bürgertum gerühmte Ideal, wie in Friedrich Schillers "Lied von der Glocke" drinnen die "züchtige Hausfrau" walten zu lassen, während der Mann ins "feindliche Leben" hinausgeht, war auch eine Vision der Arbeiterschaft. Viele Jahrzehnte konnten sich nur wohlhabende Kreise diese Freistellung der Gattin erlauben. Im "Unterschichtsmilieu" war weibliche Erwerbstätigkeit ein Zwang und keine Wahl. Erst im Zuge des westdeutschen Wirtschaftswunders entwickelte sich der Alleinverdiener zum allgemeinen Leitbild. In dem Spruch "Die Frau des Stahlarbeiters braucht nicht zu arbeiten" drückte sich proletarischer Ernährerstolz aus. Es wurde zu einer Frage der männlichen Ehre, der Partnerin ein Leben ohne Erwerbsarbeit zu bieten. Frauen verdienten bestenfalls dazu, um sich eine größere Wohnung, den Urlaub oder den Zweitwagen leisten zu können. "Mamas Zubrot" ist mittlerweile bis weit in die Mittelschichten hinein im Budget fest eingeplant. Manche Frauen erzielen dabei inzwischen höhere Einkommen als ihre Männer; Alleinerziehende müssen ohnehin selbst für sich sorgen.

Heterogenität und Unübersichtlichkeit prägen die individualisierten Lebensstile der Moderne - und damit auch die Geschlechterverhältnisse. Mal sind beide Partner beruflich erfolgreich, mal sind beide arbeitslos und leben von "Hartz IV". Es gibt Singles und Kinderlose, Ledige und Verheiratete, harmonisch getrennt Lebende und im Streit Geschiedene; zudem Stief-, Pflege- und Adoptiveltern; gleichgeschlechtliche Paare und Regenbogenfamilien; türkische Väter und russlanddeutsche Mütter, die in anderen Kulturen mit anderen Werten aufgewachsen sind. Pauschale Urteile über "die Männer" und "die Frauen" greifen deshalb nicht; ebenso lässt sich kaum generalisierend über "die Väter" oder "die Mütter" reden. Der breiten Palette der Lebensmuster entspricht eine breite Auswahl an Optionen - im Rahmen der (ebenfalls sehr unterschiedlichen) Ressourcen und Möglichkeiten. Diese Vielfalt wird in der geschlechterpolitischen Debatte oft vergessen.


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