APUZ Dossier Bild

25.9.2009 | Von:
Klaus Dörre

Ende der Planbarkeit? Lebensentwürfe in unsicheren Zeiten

Unsicherheit wirkt nur dann als Anreiz, wenn ein bestimmtes Niveau an Einkommens- und Beschäftigungsstabilität gesichert ist. Prekarität kann mit Optionenvielfalt verbunden sein; Freiheitsgewinn bedeutet sie nicht.

Einleitung

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Wir leben - nicht erst seit der Finanz- und Wirtschaftskrise - in unsicheren Zeiten. Der Verlust der Planbarkeit des eigenen Lebens ist zu einer Schlüsselerfahrung geworden. Zwar ist unser gesamtes Leben in rechts- und wohlfahrtsstaatliche Sicherheitsnetze eingebettet, aber dennoch "bleiben die Sorgen um die Sicherheit allgegenwärtig".[1] Sie beschäftigen weite Teile der Bevölkerung, obwohl oder gerade weil die schlimmsten Auswüchse von Gewalt und sozialem Elend in den westlichen Gesellschaften weitgehend eingedämmt sind. Auch wenn das Unsicherheitsempfinden keineswegs unmittelbar mit objektiven Bedrohungen korrespondiert, ist es alles andere als bloßer Ausdruck einer spezifischen Jammermentalität. Die Verunsicherung speist sich aus Veränderungen in der Tiefenstruktur der Gesellschaft. Das Epizentrum dieser Veränderungen lässt sich im ökonomischen und im Erwerbssystem verorten. Die "Wiederkehr der sozialen Unsicherheit"[2] hat aber auch eine kulturelle und eine politische Dimension.




Dass sich soziale Unsicherheit zunehmend auf Lebensentwürfe und individuelle Biografien auswirkt, mag auf den ersten Blick als eine wenig überraschende Beobachtung erscheinen. Schließlich hatten Individualisierungstheoretiker wie Ulrich Beck bereits Mitte der 1980er Jahre diagnostiziert, eine Befreiung von den Zwängen und fraglosen Verbindlichkeiten der ersten Moderne bewirke, dass sich das Individuum mehr und mehr zur "letzten Reproduktionseinheit des Sozialen" mausere.[3] Jeder und jede Einzelne sei bei Strafe permanenter Benachteiligung gezwungen, sich als Planungszentrum des eigenen Lebensentwurfs zu betätigen. Während diese Diagnose wesentlich auf das Phänomen steigender biografischer Optionenvielfalt abhob, die es im Alltag zu bewältigen galt, macht sich heute auf biografischer Ebene eine andere Problematik bemerkbar. Der kollektive "Fahrstuhleffekt", an den Beck seine Zeitdiagnose knüpfte, hat längst die Richtung gewechselt. Statt nach oben, geht es für große soziale Gruppen kollektiv nach unten. Dies wirkt sich unweigerlich auf die Möglichkeiten und die Fähigkeiten zur biografischen Bewältigung von Unsicherheit aus.

Die Art und Weise des individuellen Umgangs mit Unsicherheit hängt, so die hier verfochtene These, unweigerlich von der Verfügung über spezifische materielle wie kulturelle Ressourcen ab. Unsicherheit kann nur dann als produktive biografische Herausforderung entschlüsselt werden, wenn ein bestimmtes Niveau an Einkommens- und Beschäftigungsstabilität gesichert ist. Trifft das nicht zu, wirkt Unsicherheit auch biografisch eher wie "ein Virus, der das Alltagsleben durchdringt, die sozialen Bezüge auflöst und die psychischen Strukturen der Individuen unterminiert".[4] Gerade weil das Individuum zunehmend als Planungszentrum der eigenen Bastelbiografie gefordert ist, muss es sich fatal auswirken, wenn ihm nach und nach die Ressourcen verloren gehen, die individuelle Planungsfähigkeit überhaupt erst ermöglichen.

Fußnoten

1.
Robert Castel, Die Stärkung des Sozialen. Leben im neuen Wohlfahrtsstaat. Hamburg 2005, S. 8.
2.
Ders., Die Wiederkehr der sozialen Unsicherheit, in: ders./Klaus Dörre (Hrsg.), Prekarität, Abstieg Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts, Frankfurt/M.-New York 2009, S. 21 - 34.
3.
Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986, S. 119.
4.
R. Castel (Anm. 1), S. 38.

Die soziale Situation in Deutschland

Lebensformen und Haushalte

Immer weniger Meschen leben gemeinsam mit Kindern unter einem Dach. Gleichzeitig ist die Zahl der Einpersonenhaushalte so hoch wie nie zuvor. Und auch für die Zukunft wird eine Fortsetzung dieser Entwicklungen angenommen.

Mehr lesen