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25.9.2009 | Von:
Dieter Otten
Nina Melsheimer

Lebensentwürfe "50plus"

Lebensstil und Lebensgefühl der Menschen zwischen 50 und 70 Jahren werden heute kaum mehr durch das "Alt-Sein" geprägt. Was sind die politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen daraus?

Einleitung

Die Moderne hat über Jahrhunderte hinweg ein klassen- und schichtübergreifendes Biographiemodell entwickelt, das die Berufsarbeit zum zentralen Angelpunkt des menschlichen Lebens macht. Diesem Modell entstammen gewissermaßen als Abfallprodukt auch jene altersspezifischen Lebensentwürfe, die wir inzwischen, gerade weil sie klassen- und schichtübergreifend sind, schon fast für natürliche Entwicklungsstufen des Lebens halten: Mit Beginn der Pubertät in Vorbereitung auf das Arbeitsleben erzwingt die Moderne die "Jugendzeit". Mit Eintritt in die Berufsarbeit hält sie den Lebensentwurf des "Erwachsenen" bereit (Karriere, Familie, Hauseigentum, etc.); und etwa mit 60 Jahren, dem statistischen Ende der Berufsarbeit, folgt dann der Lebensentwurf des Alters - interessanterweise weniger als eigenständiges Modell, sondern eher als Negativabdruck vom Erwachsenen- bzw. Berufsmodell.




Tatsächlich ist am wenigsten klar, was der Lebensentwurf des Alters eigentlich sein soll. Dennoch gibt es ein öffentlich zitiertes Standardmodell: die "alten Leutchen". Mit dem Ende der Berufsarbeit degenerieren sie psychisch, physisch und sozial so weit, dass sie aus dem Berufsleben ausscheiden, sich als Oma und Opa an den Enkeln erfreuen und bald im Alters- oder Pflegeheim landen - ab und zu unterbrochen von altengerechtem Reisevergnügen und vielleicht noch ein bisschen Altensport.




Aber schon lange ahnen wir, dass dieses Modell der Wirklichkeit nicht mehr so ganz entspricht. Es scheint gar obsolet. Dass dies tatsächlich so ist, liegt zum einen sicher daran, dass die Modernisierung zu einer vermehrten Individualisierung sowie Pluralisierung der Lebensstile geführt hat und Arbeit und Familie damit nur noch zwei von vielen frei bestimmbaren Variablen im Lebensentwurf des Einzelnen sind.[1] Zum anderen liegt es jedoch vor allem daran, dass das Leben nach der Entberuflichung mit dem Modell der "alten Leutchen" nicht mehr konform geht. Es ist einfach sehr viel freier, individueller und flexibler gestaltbar. Denn mit 50, 60 oder auch 70 Jahren sind die meisten Menschen heute schlicht nicht alt. Alter ist damit kaum noch ein Element eines Lebensentwurfs für über 50-Jährige. Weshalb dies so ist und welche Wertesetzung und Lebensweise infolgedessen heute die Lebensentwürfe der Menschen ab 50 Jahren vor und nach dem Ausstieg aus dem Berufsleben prägen, zeigen die Ergebnisse der "50+ Studie", einer repräsentativen, quantitativen und qualitativen empirischen Studie, die von Sozialwissenschaftlern der Universität Osnabrück im Frühjahr 2008 anhand einer Online-Befragung von 3880 Menschen zwischen 50 und 70 Jahren angefertigt wurde.[2]

Fußnoten

1.
Die biographischen Gestaltungsoptionen nehmen durch die Individualisierung sowohl hinsichtlich zentraler Lebensdimensionen wie Beruf, Familie oder Religion als auch hinsichtlich peripherer Lebensbereiche, wie Versicherungs- und Energiegesellschaft, Vereine etc. zu. Vgl. Hartmut Rosa, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne, Frankfurt/M. 2005.
2.
Vgl. Dieter Otten, Die 50+ Studie. Wie die jungen Alten die Gesellschaft revolutionieren, Reinbek 2008. Alle im Folgenden beschriebenen Erkenntnisse sind, soweit nicht anderweitig gekennzeichnet, Ergebnisse dieser Studie. Ein Teil des Fragebogens der 50+ Studie und damit auch deren Ergebnisse wurden zusätzlich durch zwei 1000er-Telefon-Befragungen überprüft. Die vorliegenden Ergebnisse sind damit für alle 50- bis 70-Jährigen in Deutschland repräsentativ, ein Online-Bias existiert nicht.

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