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11.9.2009 | Von:
Susanne Güsten

Die Kurdenfrage in der Türkei

Geschichte der Kurden in der Türkei

Bereits in den Jahren nach der Gründung der modernen türkischen Republik 1923 gab es erste gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen der Staatsgewalt und kurdischen Aufständischen. Mustafa Kemal "Atatürk", der erste Präsident der Türkei, ließ 1925 einen Kurdenaufstand niederschlagen. Der Anführer der Kurden, Scheich Said, wurde gehenkt.

Das Kurdengebiet blieb in den Jahrzehnten darauf eine der ärmsten und der sozial rückständigsten Regionen der Türkei. Mit der Gründung der PKK im Jahr 1978 begann eine neue Phase. Die linksextreme Organisation unter ihrem Anführer Abdullah Öcalan wandte sich sowohl gegen die von der PKK beklagte Unterdrückung der Kurden durch den türkischen Staat als auch gegen deren Unterdrückung infolge der immer noch starken Feudalstrukturen. Durch den türkischen Militärputsch von 1980 zusätzlich radikalisiert, begann die PKK 1984 mit dem bewaffneten Kampf gegen Ankara. Die Organisation wird von der Türkei, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft.

Der türkische Staat antwortete mit der Aufstellung von Ankara-treuen Milizen, den so genannten Dorfschützern, und mit der Verhängung des Kriegsrechts in weiten Teilen des türkischen Kurdengebiets. Erst 2002 wurde das Kriegsrecht in den letzten beiden Provinzen aufgehoben. Im Zuge des Konflikts wurden mehrere tausend Dörfer von der Armee geräumt, um der PKK den Nachschub abzuschneiden. Millionen von Kurden flohen in die Großstädte der Region, in andere Teile der Türkei und nach Westeuropa. Nach Angaben der türkischen Armee starben seit 1984 rund 40.000 Menschen bei Gefechten und Gewaltaktionen.

Im Februar 1999 wurde PKK-Chef Öcalan von türkischen Agenten in Kenia gefasst und in der Türkei inhaftiert. Öcalan verbüßt zur Zeit eine lebenslange Haftstrafe auf der Gefängnisinsel Imrali bei Istanbul. Auf seinen Befehl hin zog sich die PKK aus der Türkei in den Norden Iraks zurück. Im Jahr 2005 nahm die PKK nach Jahren relativer Ruhe ihre Gewaltaktionen wieder auf, doch haben die Gefechte nicht mehr die Intensität der Kämpfe der späten 1980er und frühen 1990er Jahre erreicht.

Kürzlich betonte der in Öcalans Abwesenheit zum starken Mann der PKK aufgerückte Murat Karayılan in einem Interview den Willen seiner Organisation zu einer friedlichen Beilegung des Konflikts. Doch viele Beobachter in der Türkei halten Karayılan nicht für glaubwürdig, zumal es weiterhin vereinzelt tödliche Angriffe der PKK auf türkische Militärkonvois gibt. Karayılan betonte, die PKK habe das Ziel eines eigenen Kurdenstaates aufgegeben und strebe lediglich die Gleichberechtigung der Kurden innerhalb der türkischen Republik an. Eine Entwaffnung seiner Rebellen schloss Karayılan nicht aus, sagte aber, dies könne erst nach Gesprächen über die Voraussetzungen für einen endgültigen Gewaltverzicht geschehen.[5]

Fußnoten

5.
Das im nordirakischen Versteck der PKK geführte Gespräch des angesehenen Kolumnisten Hasan Cemal mit Karayılan erschien in mehreren Teilen vom 5. bis zum 9.5. 2009 in der Zeitung Milliyet.