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11.9.2009 | Von:
Dirk Halm
Dietrich Thränhardt

Der transnationale Raum Deutschland -Türkei

Transnationale Medien

Für die Türkeistämmigen in Deutschland gehörten muttersprachliche Medienangebote fast von Anfang an zum Alltag. Aus der Türkei importierte Zeitungen werden seit Ende der 1960er Jahre angeboten, 1972 produzierte die größte türkische Zeitung "Hürriyet" erstmals Europa-Seiten, welche die Belange der Migrantinnen und Migranten in den Fokus nehmen. Weitere Zeitungen folgten diesem Beispiel. An Funkmedien standen den Zugewanderten bis Ende der 1980er Jahre nur die seit 1964 von den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten produzierten muttersprachlichen Sendungen zur Verfügung. Diese sollten als Brücke in die Heimat fungieren. Ende der 1960er Jahre wurden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erste Formate entwickelt, die auch Integrationsziele verfolgten. Mit der Ausbreitung des Satellitenfernsehens schließlich kam es zu einer weiteren Entgrenzung der medialen Räume.[14] Große Bedeutung kommt in diesem Prozess dem Internet zu. Möglicherweise begünstigt es speziell mit Blick auf das von den Nutzern selbst gestaltete Web 2.0 eine neue Qualität transnationaler Medien und Mediennutzung, da Medienangebote eben in einem von vorn herein entgrenzten Raum entstehen und die Differenzierung zwischen Aufnahme- und Herkunftsland kaum von Belang ist. Beispielhaft sind hier Portale wie bizimalem.de, jurblog.de, vaybee.de oder turkdunya.de.[15]

Studien zur Mediennutzung unter den Türkeistämmigen haben ergeben, dass mit fortschreitender Integration, einschließlich des Erwerbs von Sprache und höherer (formaler) Bildung, auch in der jüngeren Generation keine Abkehr von türkischen Medienangeboten feststellbar ist, sondern türkische und deutsche Medienangebote vielmehr komplementär genutzt werden.[16] Dies deutet auf eine große Bedeutung transnationaler medialer Räume für die Lebenswirklichkeit von Migrantinnen und Migranten hin. Der türkische Staat ist hier über das Staatsfernsehen ein wichtiger Akteur. Das Mediennutzungsverhalten korrespondiert mit der oben skizzierten "Patchwork-Identität". Das weitgehende Fehlen nicht nur grenzüberschreitender, sondern tatsächlich entgrenzter Medienangebote (wie sie im Internet allerdings inzwischen entstehen) überlässt die Synthese der grenzüberschreitenden Medienrezeption den Migrantinnen und Migranten, die dann mehr oder weniger bruchlos gelingen kann.

Fußnoten

14.
Siehe dazu ausführlich Sonja Weber-Menges, Die Entwicklung der Ethnomedien in Deutschland, in: Rainer Geißler/Horst Pöttker (Hrsg.), Integration durch Massenmedien. Medien und Migration im internationalen Vergleich, Bielefeld 2006, S. 121 - 145.
15.
Vgl. Kathrin Kissau/Uwe Hunger, Politische Sphären von Migranten im Internet, Baden-Baden 2009.
16.
Vgl. Dirk Halm, Die Medien der türkischen Bevölkerung in Deutschland. Berichterstattung, Nutzung und Funktion, in: R. Geißler/H. Pöttker (Anm. 14), S. 90ff.