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24.8.2009 | Von:
Jerzy Kochanowski

Der Kriegsbeginn in der polnischen Erinnerung

Seit sieben Jahrzehnten nimmt der September 1939 eine besondere Stellung im polnischen Gedenkkalender ein. Das Gedenken an den "Polnischen September" hat eine außerordentlich verwickelte Geschichte.

Einleitung

Im Sommer 1939 glaubte ein Großteil der polnischen Bevölkerung den Versicherungen, die eigene Armee sei - wie es auf den Propagandaplakaten hieß - "stark, geschlossen und bereit", der potenzielle Gegner Deutschland hingegen schwach und unvorbereitet. Die Wirklichkeit erwies sich als brutal: Es war die polnische Armee, die sich als schwach herausstellte, die Entscheidungen der Befehlshaber waren chaotisch, und Regierung wie Präsident verließen das Land bereits, als die Kämpfe noch andauerten. Angesichts dessen nimmt es nicht Wunder, dass die Niederlage mit Gefühlen der Enttäuschung, der Verbitterung, ja zuweilen sogar der Wut gegenüber den politischen Eliten der "Vorseptemberzeit" einherging. Nichtsdestoweniger war die Überzeugung, dass man den Kampf selbstverständlich fortsetzen müsse, ebenso allgemein verbreitet; die (zuerst in Frankreich, dann in Großbritannien residierende) Exilregierung wurde als natürliche Nachfolgerin der Vorkriegsregierung betrachtet, und die (deutsche wie sowjetische) Besatzung galt als Übergangszustand, der sowohl aus eigener Kraft als auch dank der Hilfe der westlichen Verbündeten um jeden Preis zu überstehen sei. Die im Herbst 1939 von der deutschen Obrigkeit in Warschau aufgestellten riesigen Plakate, auf denen ein verwundeter polnischer Soldat zu sehen war, der dem britischen Premierminister Neville Chamberlain rauchende Ruinen zeigte und als "Englands Werk" kommentierte, wurden allgemein mit Verachtung aufgenommen. Bereits im September 1939 formierte sich in Warschau der militärische Untergrund, während im Exil eine neue Regierung entstand und Maßnahmen zum Wiederaufbau der Armee ergriffen wurden.






Während die Armee - sowohl die Untergrundarmee als auch die regulären Streitkräfte im Exil - gezwungenermaßen auf die Vorkriegseliten zurückgreifen musste, wurde die politische Szene im Exil nunmehr von den Parteien beherrscht, die sich noch vor kurzem in der Opposition befunden hatten. Diese bezogen einen wichtigen Teil ihrer Legitimation aus der Kritik an den Machthabern der Vorseptemberzeit, die sie für die Niederlage verantwortlich machten. Deren Evakuierung nach Rumänien zehn Tage vor der Kapitulation der Hauptstadt wurde zu einem der beliebtesten Motive der Propaganda; ein Teil der Pilsudski-Anhänger wurde in Lagern isoliert, und man berief eine Kommission zur Untersuchung der Gründe ein, die zur Niederlage im September geführt hatten (im Januar 1940 wurde gar der Vorschlag gemacht, den Oberbefehlshaber der Streitkräfte Edward Rydz-Smigly sowie Außenminister Józef Beck vor ein Staatstribunal zu bringen). All dies zog kaum Konsequenzen nach sich, denn man schreckte vor einer radikalen, entschiedenen Abrechnung zurück, die zu Konflikten mit den Militärs hätte führen können, unter denen die Pilsudski-Anhänger nach wie vor eine gewichtige Rolle spielten. Ein Großteil der Emigranten hing der "Zwei-Feinde-Theorie" an (womit Deutschland und die Sowjetunion gemeint waren) und betrachtete nicht den 1. September als Ende der II. Republik, sondern den Tag, an dem die Rote Armee die polnische Ostgrenze überschritt. So lässt etwa der bekannte Publizist Stanislaw Cat-Mackiewicz seine Geschichte Polens in der Zwischenkriegszeit am 17. September 1939 enden.[1]

Obwohl es paradox anmuten mag, wurde die Verbitterung im besetzten Polen durch die Niederlage Frankreichs 1940 gemildert, das kaum länger Widerstand leistete als Polen. Hinzu kam, dass die polnische Armee zwar unterlegen war, aber nicht (wie die französische) kapituliert hatte. Auch der zunehmende Terror hatte Einfluss auf die Haltung der Polen. So ist es nicht verwunderlich, dass man in der wichtigsten polnischen Untergrundzeitung, dem "Biuletyn Informacyjny", bereits am ersten Jahrestag des Kriegsbeginns lesen konnte: "Seit dem deutschen Überfall auf Polen ist ein Jahr vergangen. In diesem Jahr haben wir vieles von dem verstanden, was unbegreiflich schien. (...) Dass wir im gegenwärtigen Krieg Gegner der Deutschen sind, ist nicht das Ergebnis politischen Kalküls. Unser nationaler Selbsterhaltungstrieb ist dafür verantwortlich. (...) Die Schuld für unsere Niederlage im September liegt zu einem gewissen Teil bei der politischen und militärischen Führung. Das militärische Debakel hat aufgezeigt, wie degeneriert ein Teil der nationalen Führungsschicht war, welcher Kleinmut in der Verwaltung herrschte, wie orientierungslos das Regime und wie inkompetent die militärische Führung war. Doch für die Niederlage war dies von nachrangiger Bedeutung. (...) Unser Debakel war eine Folge der gewaltigen militärischen Überlegenheit des Reiches (...). Der Blitzkrieg des Septembers hat unsere Geschichte um eine ganze Reihe unsterblicher Beweise polnischer Größe, polnischen Heldenmuts und polnischen Ehrgefühls bereichert. Erst im Lichte der Kämpfe im Westen erscheinen die dreiwöchige Verteidigung Warschaus, (...) (die Schlacht) bei Kutno, der Kampf um die Westerplatte etc. in vollem Glanze."[2]

In der "Erinnerungspolitik" des loyal zur Londoner Exilregierung stehenden Untergrunds wurde die Schuldfrage bis Kriegsende zurückgestellt; stattdessen konzentrierte man sich auf die symbolische Bedeutung der Verteidigung Warschaus, des Kampfs um die Westerplatte oder der Schlacht an der Bzura, der größten des Septembers 1939. Vor einem besonderen Hintergrund wurde der vierte Jahrestag des Kriegsausbruchs begangen: An der Ostfront zog sich die Wehrmacht 1943 zurück, in Sizilien und Sardinien waren die Alliierten gelandet. Zusätzlich dazu, dass, wie bei solchen Gelegenheiten üblich, Sondernummern der Untergrundzeitschriften erschienen und Flugblattaktionen stattfanden, wurden in Warschau symbolträchtige Änderungen von Straßennamen vorgenommen. So benannte man Straßen zum Beispiel nach dem zwei Monate zuvor bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Premier der Exilregierung Wladyslaw Sikorski, nach Stefan Starzynski, der als Stadtpräsident die Zivilverteidigung von Warschau organisiert hatte und im Oktober 1939 von der Gestapo verhaftet worden war, sowie nach dem 1940 hingerichteten sozialistischen Aktivisten Mieczyslaw Niedzialkowski. Auch kollektive Helden erhielten ihre Straße: die "Verteidiger Warschaus" und die "Verteidiger der Westerplatte".[3] Wichtig war, dass ein beträchtlicher Teil der Warschauer die vom Untergrund verliehenen Namen respektierte.

Ein Jahr später war der östliche Teil Polens bereits von den deutschen Besatzern befreit (obwohl man kaum sagen kann, dass er damit schon frei gewesen wäre), in Warschau hingegen dauerte seit einem Monat der Aufstand an, der - auch wenn er tragisch und blutig enden sollte - (für kurze Zeit) das Gefühl der Freiheit verlieh. Der Aufstand lenkte von Neuem die Augen der Welt auf die polnische Hauptstadt und trug dazu bei, dass der fünfte Jahrestag des Kriegsbeginns mit besonderem Aufwand begangen wurde. Von London bis Peking, von Washington bis Stockholm brachte man auf Kundgebungen seine Unterstützung für die seit fünf Jahren kämpfenden Polen zum Ausdruck (insbesondere für Warschau, das sich zu einem Symbol von internationaler Bedeutung entwickelt hatte).[4]


Übersetzung aus dem Polnischen: Dr. Sven Sellmer, Poznan/Polen.

Fußnoten

1.
Vgl. Stanislaw Cat-Mackiewicz, Historia Polski. Od 11 listopada 1918 do 17 wrzesnia 1939 [Geschichte Polens. Vom 11. November 1918 bis zum 17. September 1939], London 1941.
2.
Biuletyn Informacyjny vom 30.8. 1940.
3.
http://wladyslawbartoszewski.blox.pl/2007/07/Rocznice-Wrzesnia-w-okupowanej-Warszawie-III.ht ml (7.5. 2009).
4.
Vgl. Andrzej Krzysztof Kunert, Rzeczpospolita Walcz?ca. Powstanie Warszawskie 1944. Kalendarium [Die kämpfende Republik. Der Warschauer Aufstand 1944. Eine Zeittafel], Warszawa 1994, S. 227 - 234.

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