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24.8.2009 | Von:
Jerzy Kochanowski

Der Kriegsbeginn in der polnischen Erinnerung

"Lebendige Erinnerung": 1944/45 - 1948

Stand bei dieser globalen Unterstützungsaktion der menschliche Aspekt im Vordergrund, nicht die Suche nach Schuldigen, so schlug die Propaganda der polnischen Kommunisten einen ganz anderen Weg ein. Bereits in dem am 22. Juli 1944 veröffentlichten Manifest des Polnischen Nationalen Befreiungskomitees[5] fand sich die Warnung: "Für diejenigen, die Polen im September 1939 verraten haben, werden die Grenzen der Republik geschlossen sein." Der fünfte Jahrestag des Kriegsausbruchs stellte eine günstige Gelegenheit dar, die vor dem September herrschende "Sanacja-Clique"[6] nicht nur für die Niederlage von 1939 verantwortlich zu machen, sondern auch für die gegenwärtige Tragödie Warschaus, welche Folge "eines unverantwortlichen und hinterhältigen Spiels" sei.[7]

An dieser Stelle ist es angebracht, den chronologischen Rahmen zu verlassen und darauf hinzuweisen, dass die neuen Machthaber im Januar 1946 das Dekret "Über die Verantwortung für die Niederlage im September und die Faschisierung des staatlichen Lebens" verabschiedeten. Dieses Dokument verdient eine ausführlichere Behandlung, da es für ein ganzes Jahrzehnt die Hauptrichtung der kommunistischen "Erinnerungspolitik" vorzeichnete. "Der Grund für die Niederlage im September", heißt es, "war das verbrecherische Sanacja-Regime und das widerrechtliche Handeln seiner damaligen Führer."[8] Denn diese hätten "durch die Schwächung der materiellen und geistigen Abwehrkräfte der Nation" die Ausbreitung des Faschismus gefördert und seien daher mitschuldig am Krieg. Auf diese Weise wurden nicht nur Politiker beschuldigt, sondern auch Militärs, Wirtschaftslenker und Diplomaten, die "als Vertreter ihres Staates (...) auf der internationalen Bühne die Position der faschistischen Länder gestärkt haben".[9] Die Höhe der ihnen drohenden Strafen (darunter die Todesstrafe) wurde mit der Sorge um die Gewährleistung der rechtlichen Ordnung begründet, denn die Gesellschaft, die "während des Krieges so sehr gelitten hat, weiß sehr wohl, wer dafür die Schuld trägt, und ist denjenigen gegenüber, die für die Niederlage im September verantwortlich sind, aufgrund ihres verbrecherischen Handelns so negativ eingestellt, dass deren Auftreten in der Öffentlichkeit angesichts der gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen zu Akten der Selbstjustiz führen würde".[10]

Dem Durchschnittspolen der Nachkriegszeit war jedoch nicht so sehr an der Bestrafung der Vorseptembereliten gelegen, sondern mehr an der Ehrung von Opfern und Helden. Die unmittelbare Nähe der traumatischen Kriegserlebnisse bedingte eine gewaltige emotionale Anteilnahme der Bevölkerung,[11] und im Gegensatz zu den Absichten und Vorstellungen der Machthaber stellte der September 1939 für viele nicht ein Symbol von Niederlage und Erniedrigung dar, sondern von Kampf und Heldentum, eine Erinnerung an eine Vergangenheit, die - aus dem Abstand einiger Jahre heraus - um vieles besser erschien. Im öffentlichen Raum entstanden - oft spontan - Gedenkstätten, die mit "1939" verbunden waren: vor allem dort, wo die heftigsten Kämpfe stattgefunden hatten oder wo der deutsche Terror bereits während des Abwehrkampfes begonnen hatte (Pommerellen, Großpolen, Oberschlesien). In den ersten Nachkriegsjahren, als sich die Kultur noch nicht vollständig unter staatlicher Kontrolle befand, wurde der September 1939 zu einem zentralen Thema der Literatur. In Werken wie "Lotna" von Wojciech Zukrowski (1945), "Wrzesien" [September] von Adolf Rudnicki (1946) oder "Wieza spadochronowa" [Der Fallschirmturm] von Kazimierz Golba (1947) ging es vor allem darum, die menschlichen, nicht so sehr die politischen Aspekte der ersten Kriegswochen zu zeigen. Golbas Buch trug sogar dazu bei, dass ein außerordentlich langlebiger Mythos über die Verteidigung Oberschlesiens entstand, der erst nach sechzig Jahren richtiggestellt wurde.

Fußnoten

5.
Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego (PKWN) - größtenteils aus polnischen Kommunisten bestehende, von der Sowjetunion abhängige Organisation, die vom 22. Juli bis Ende 1944 auf den von der Roten Armee eroberten polnischen Gebieten als provisorische Regierung tätig war (Anm. d. Übers.).
6.
Sanacja - Bezeichnung für das nach dem Mai-Umsturz von 1926 in Polen herrschende, eng mit Józef Pilsudski und dessen Ideen verbundene autoritäre Regime (Anm. d. Übers.).
7.
A. K. Kunert (Anm. 4), S. 235.
8.
Protokoly posiedzen Prezydium Krajowej Rady Narodowej 1944 - 1947 [Sitzungsprotokolle des Präsidiums des Landesnationalrats], hrsg. von Jerzy Kochanowski, Warszawa 1995, S. 180.
9.
Ebd., S. 181.
10.
Ebd., S. 180.
11.
Vgl. Barbara Szacka, Druga wojna swiatowa - pami?c i upami?tnienie [Der Zweite Weltkrieg - Erinnerung und Gedenken], in: dies., Czas przeszly, pami?c, mit [Vergangenheit, Erinnerung, Mythos], Warszawa 2006, S. 152.

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