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24.8.2009 | Von:
Jerzy Kochanowski

Der Kriegsbeginn in der polnischen Erinnerung

Die Zeit des Stalinismus

Gegen Ende der 1940er Jahre wurden die letzten Freiräume abgeschafft; nun war es vorgeschrieben, woran man zu glauben, wie man zu denken, ja sogar - wie man zu gedenken hat. Die Verteidigung der Westerplatte, Warschaus, Modlins oder der Halbinsel Hela, die Schlachten an der Bzura oder bei Kock wurden zum "sichtbaren Beweis des unbeugsamen Willens der Nation, für ihre Unabhängigkeit zu kämpfen". Dabei sei dieser Kampf von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen, und zwar nicht aufgrund der gegnerischen Übermacht, sondern wegen der "verräterischen Politik der Sanacja-Regierung", welche die Nation "des einzigen echten Verbündeten, wie ihn die Sowjetunion hätte darstellen können", beraubt habe.[12] Im Laufe der kommenden Jahre wurde der Katalog der Ursachen für die Niederlage des Septembers systematisch erweitert. Zum 15. Jahrestag des Kriegsausbruchs (1954) zeigte sich, dass die Niederlage nicht nur die Konsequenz von "zwanzig Jahren, in denen Großgrundbesitzer und Kapitalisten die Regierungsgeschäfte bestimmten und lebenswichtige nationale Interessen verrieten" sowie von deren schon 1933 einsetzender Faszination für Hitler gewesen sei, sondern ebenso eine Folge verhängnisvoller Grenzziehungen (die im Westen zu eng gewesen seien und im Osten auf "fremdes" Gebiet gereicht hätten) sowie falscher Bündnisse (mit Frankreich und Großbritannien). Auf den Listen der Schuldigen standen nicht mehr nur Pilsudski-Anhänger und "Nationalfaschisten", sondern auch Politiker der Bauernparteien, Sozialisten, Geistliche, Grundbesitzer und Industrielle. Als wahre Patrioten blieben allein die Kommunisten übrig.[13]

Beim Studium der Schulbücher, der Presse, der Literatur, des Films und der Schönen Künste der damaligen Zeit könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Polen ihre erste "echte" Schlacht erst im Oktober 1943 bei Lenino geschlagen hätten und der Kampf auf polnischem Boden mit dem Entstehen kommunistischer Partisanengruppen und dem Überschreiten des Bugs (als der neuen Ostgrenze) durch die Rote Armee und die sie begleitenden, in der Sowjetunion gebildeten polnischen Verbände im Juli 1944 begonnen habe. Diesen Kämpfern waren die meisten zwischen Ende der 1940er und Mitte der 1950er Jahre entstandenen Gedenkstätten gewidmet. An den Septemberfeldzug wurde gewöhnlich nur am Rande erinnert, indem man auf den Denkmälern die rituelle Aufschrift "Den Helden von 1939-1945" anbrachte[14] - wobei, was den September 1939 betraf, der Befehlshaber der Westerplatte, Henryk Sucharski, der Warschauer Stadtpräsident Stefan Starzynski oder der bis zum Frühling 1940 kämpfende Major Henryk Dobrzanski (Pseudonym "Hubal") nicht mehr zu diesen Helden gehörten.

Symbolische Bedeutung erlangte dagegen Marian Buczek, ein wenig bekannter Kommunist, der sich nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis einer Armeeeinheit angeschlossen hatte und am 10. September 1939 bei einem Gefecht ums Leben gekommen war. In einer offiziellen Biographie (in der nicht erwähnt werden durfte, dass er im Ersten Weltkrieg in den von Józef Pilsudski geführten Legionen gekämpft hatte) wurde dieser Abschnitt seines Lebens folgendermaßen dargestellt: "Als der Krieg die Gefängnismauern zerbrach, dachte Buczek nicht mehr an das von ihm erlittene Unrecht. Er zitterte bei dem Gedanken, die Niederlage des Regimes könnte zur Niederlage Polens werden. Er war ein Kommunist und Patriot. (...) So starb ein außergewöhnlicher Soldat des Septemberfeldzugs."[15] Kaum ein Städtchen, das nicht eine Straße, eine Schule oder Fabrik seines Namens besessen hätte.

Fußnoten

12.
Vgl. Kalendarz Robotniczy 1949 [Arbeiterkalender], Warszawa 1948, S. 111. Publikationen dieses Typs sind verhältnismäßig repräsentative Quellen. Der zitierte Kalender, der jährlich in einer Auflage von mehreren hunderttausend Stück veröffentlicht wurde, war Lektüre in jeder Schule, jeder Armeeeinheit und jedem Betrieb; er enthielt offizielle Hinweise zu den Jahrestagen des gesamten kommenden Jahres.
13.
Vgl. Kalendarz Robotniczy 1954, Warszawa 1953, S. 255 - 262.
14.
Vgl. Scenes of fighting and martyrdom guide. War years in Poland 1939 - 1945, Warszawa 1968.
15.
Kalendarz Robotniczy 1956, Warszawa 1955, S. 171.

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