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24.8.2009 | Von:
Jerzy Kochanowski

Der Kriegsbeginn in der polnischen Erinnerung

"Erinnerungspolitik" nach 1989

Doch es gab eine Konstante: das offizielle Schweigen zum Ribbentrop-Molotow-Pakt, zum Einmarsch der Roten Armee am 17. September und zur Besetzung der sog. Östlichen Grenzlande.[23] Allerdings erschienen in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre und insbesondere seit dem August 1980, als es der entstehenden Solidarnosc-Bewegung gelang, das kommunistische Regime durch Streiks und Proteste zu einer Lockerung der Zensur zu zwingen, immer öfter Publikationen, die das staatliche Geschichtsmonopol aushöhlten, und das Wissen vom Anteil der Sowjetunion an der polnischen Niederlage von 1939 verließ allmählich den Bereich der "Privaterinnerung".[24] Nachdem im Zuge der Revolution von 1989 alle ideologischen Beschränkungen verschwanden, wurde die historische Erinnerung von dieser "östlichen" Sphäre geradezu dominiert. Die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des deutschen Überfalls, an denen (auf der Westerplatte) zwei ehemalige politische Gegner teilnahmen - Präsident General Wojciech Jaruzelski sowie der erste nichtkommunistische Premierminister Tadeusz Mazowiecki -, waren bis 1999 die letzten, auf denen die Bedeutung des 1. Septembers hervorgehoben wurde. Der Schwerpunkt der "Erinnerungspolitik" verlagerte sich auf die bis dahin tabuisierten polnisch-sowjetischen Beziehungen (der Angriff am 17. September 1939, die Besetzung und der Verlust der Grenzlande, die Deportationen, Katyn) und auf die stalinistischen Verbrechen. Der "deutsche" Teil der polnischen Geschichte des Zweiten Weltkriegs wurde in einem solchen Maße in den Hintergrund geschoben, dass man zuweilen den Eindruck gewinnen konnte, der Krieg habe nicht am 1. September 1939 begonnen, sondern siebzehn Tage später.

Historiker und Publizisten begannen ernsthaft darüber nachzudenken, ob der Zweite Weltkrieg seine Rolle als zentrales Ereignis der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts bereits verloren habe. Jedoch belegte das seit Ende der 1990er Jahre zu beobachtende explosionsartig zunehmende Interesse an der Zeit des Zweiten Weltkriegs das Gegenteil. Die auf der deutschen Erinnerungskarte zu beobachtenden Verschiebungen (von "Tätern" hin zu "Opfern" des Krieges), wie sie bei Themen wie Vertreibung und Bombenkrieg sichtbar wurden, hatten internationale Konsequenzen und führten zu einer Art deutsch-polnischen "Erinnerungskonkurrenz" sowie zu einer umfassenden Politisierung des Erinnerns. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg wurde zum wichtigen Element sowohl der polnischen Außen- wie der Innenpolitik, und der 1. September kehrte in den Kalender der wichtigsten historischen Daten zurück (wo er lediglich mit dem Jahrestag des Ausbruchs des Warschauer Aufstandes um den ersten Platz konkurrierte). An den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Kriegsbeginns nahmen nicht nur die wichtigsten polnischen Politiker teil, sondern auch Bundespräsident Johannes Rau (die Teilnahme deutscher Politiker bei Veranstaltungen dieser Art wurde seither zur Regel, womit betont werden soll, dass eine Erinnerungsgemeinschaft besteht).

Seit 1999 beginnen die Feierlichkeiten zum 1. September (gewöhnlich auf der Westerplatte vor Danzig) bereits um 4.45 Uhr, zur gleichen Stunde, als im Jahre 1939 die ersten Salven des Linienschiffs "Schleswig-Holstein" abgefeuert wurden. Es ist bezeichnend, dass es auch in diesem Zusammenhang zu Rivalitäten kommt: Mittlerweile konkurriert das bei Lodz gelegene Wielun mit Danzig um den "Erinnerungsort" für den Beginn des Zweiten Weltkriegs, denn diese Ortschaft wurde am Morgen des 1. September 1939 von deutschen Bombern zerstört (und wird daher auch "polnisches Guernica" genannt). Hier fanden am 1. September 2004 die zentralen Feierlichkeiten zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs statt. Selbst der 2008 erbrachte Beweis, dass Wielun erst eine Stunde nach den ersten Schüssen auf die Westerplatte bombardiert wurde, tat seiner symbolischen Rolle keinen Abbruch; im Januar 2009 wurde der Antrag gestellt, dieser Stadt den Friedensnobelpreis zuzuerkennen.[25]

Das Erinnern an den Kriegsbeginn hat inzwischen ganz verschiedenartige, bisweilen überraschende Gestalten angenommen. Einerseits ist es zu einer außerordentlichen Zunahme der materiellen Formen des Gedenkens gekommen (so haben etwa die einzelnen, 1939 kämpfenden polnischen Armeeeinheiten eigene Denkmäler erhalten), und Begegnungen zwischen polnischen und deutschen Veteranen wundern niemanden mehr.[26] Darüber hinaus ist der September 1939 auch zu einem Bestandteil der Popkultur geworden: Die Verteidigung von Wizna (auch als "polnische Thermopylen" bezeichnet, denn dort leisteten 700 polnische Soldaten Widerstand gegen 40000 deutsche Angreifer) ist Thema eines Stücks der schwedischen Heavy-Metal-Band "Sabaton", und in Polen erfreut sich der Science-Fiction-Roman "www.1939.pl " von Marcin Ciszewski (2008) einer beachtlichen Popularität. Gleichzeitig haben angesehene Historiker öffentlich die Meinung vertreten, es wäre wesentlich besser gewesen, Polen hätte 1939 Zugeständnisse an Deutschland gemacht und gemeinsam mit diesem die Sowjetunion angegriffen.[27]

Andererseits ist der Heldenmythos von 1939 zur Staatsräson geworden - und zwar in einem solchen Maße, dass ein geplanter Spielfilm über die Verteidigung der Westerplatte, in dem die Filmemacher es wagten, wenig heldenhafte Verhaltensweisen der Soldaten zu zeigen, im Jahre 2008 eine landesweite Diskussion hervorrief. Daraufhin wurde dem Film der staatliche Zuschuss gestrichen und somit die Produktion unmöglich gemacht. Das kann nicht verwundern - ist doch in Danzig das wichtigste Projekt der gegenwärtigen Regierung auf dem Bereich der "Erinnerungspolitik" angesiedelt, das Museum des Zweiten Weltkriegs. Das Projekt wurde bereits in der Planungsphase von der konservativen Opposition kritisiert, da es allzu kosmopolitisch sei und die Rolle Polens im Zweiten Weltkrieg herabwürdige.

Der Grundstein für dieses Museum soll am 1. September 2009 gelegt werden, im Beisein hochrangiger Vertreter der Europäischen Union sowie der Länder, die im Zweiten Weltkrieg auf alliierter Seite gekämpft haben. Möglicherweise treffen sich in Danzig die deutsche Kanzlerin, der russische Ministerpräsident und der amerikanische Präsident. Der Tag, der vor 70 Jahren die Welt spaltete, könnte sie heute verbinden.

Fußnoten

23.
Poln.: Kresy Wschodnie - früher zum polnischen Staat gehörende Gebiete, die heute Teile Litauens, Weißrusslands und der Ukraine sind (Anm. d. Übers.).
24.
Karol Liszewskis zuerst in London erschienenes Buch "Wojna polsko-sowiecka 1939 r." [Der polnische-sowjetische Krieg von 1939] erlebte mindestens fünf Untergrundausgaben, "W zaborze sowieckim" [Im sowjetischen Teilungsgebiet] von Jan Tomasz Gross ebenfalls fünf, "Agresja 17 wrzesnia 1939" [Der Angriff am 17. September 1939] von Jerzy Lojek mindestens drei: vgl. Katalog zbiorów Archiwum Opozycji (do 1990 roku), [Katalog der Bestände des Archivs der Opposition (bis 1990)], Osrodek KARTA, Warszawa 2001.
25.
Vgl. www.um.wielun.pl/index.php?page=pokojowa -nagroda-nobla-2008 (22.5. 2009).
26.
Wie etwa im Jahre 2001, als sie sich an Bord des Museumskriegsschiffes ORP "Blyskawica" trafen; vgl. www.mw.mil.pl/index.php?akcja=archiwum&years= 2001 &months=&id=891 (12.5. 2009).
27.
Vgl. Wojna polska, rozmowa Piotra Zychowicza z Pawlem Wieczorkiewiczem [Der polnische Krieg. Ein Gespräch von Piotr Zychowicz mit Pawel Wieczorkiewicz], in: Rzeczpospolita vom 17.9. 2005.

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