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Den Zweiten Weltkrieg erinnern


24.8.2009
Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist bis heute eine "unsichere Erinnerung" geblieben, die beständig zwischen den Deutschen als Opfern und den Opfern der Deutschen schwankte.

Einleitung



70 Jahre nach dem deutschen Überfall auf Polen ist der Zweite Weltkrieg aus dem kommunikativen Gedächtnis der Zeitgenossen herausgerückt und mehr und mehr in das gegen widerläufige Individualerinnerungen weitgehend geschützte Vergangenheitsverständnis der Gesellschaft übergegangen, das wir mit Aleida und Jan Assmann als kulturelles Gedächtnis bezeichnen. Im Jahr 2009 steht das Gedenken an den weltzerstörenden Kriegsausbruch in der öffentlichen Aufmerksamkeit deutlich hinter der Würdigung des 20. Jahrestags von Mauerfall und revolutionärer Wende in der DDR zurück, mit denen 1989 die vierzigjährige Nachkriegszeit der territorialen Teilung Deutschlands endete.






Anders als in Russland, Großbritannien oder Frankreich, wo die Erinnerung an die Niederringung des NS-Reiches mit den jährlichen Gedenkfeiern zum 8. Mai und zur alliierten Landung in der Normandie eine feste und ritualisierte Tradition ausgebildet hat, ist der Platz des Zweiten Weltkriegs im deutschen Gedächtnis bis heute nicht eindeutig fassbar. So erklärt es sich, dass im Vorfeld des 70. Jahrestags einerseits längst ausgemusterte Narrative einer kriegsgeschichtlichen Entlastungserinnerung in den öffentlichen Diskurs zurückkehren können, wie "Der Spiegel" jüngst mit einer Titelgeschichte zur alliierten und auf den Versailler Vertrag zurückgehenden Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg veranschaulichte.[1] Auf der anderen Seite beschwert die Bürde einer lastenden Weltkriegserinnerung noch die Schaffung eines "Ehrenkreuzes der Bundeswehr für Tapferkeit", das im Juli 2009 im Rahmen des Afghanistan-Einsatzes zum ersten Mal verliehen wurde: "Für viele Bundeswehrangehörige geht es um eine Anerkennung ihres gefährlicher gewordenen Jobs - andere fühlen sich unangenehm an unheilvolle Wehrmachtszeiten und den Schrecken der Nazidiktatur erinnert."[2] Der Schatten einer unsicheren Erinnerung schlägt sich gleichermaßen noch heute in der öffentlichen Unentschlossenheit nieder, die mutmaßlich bis zu 20000 von der NS-Justiz hingerichteten "Kriegsverräter" als rehabilitationswürdige Opfergruppe anzuerkennen, und er zeigt sich in der Unentschlossenheit, ob im Afghanistan-Einsatz umgekommene Bundeswehrsoldaten als "getötet´" oder "gefallen" anzusehen sind.[3]

Zur Uneinheitlichkeit der historischen Verortung des Krieges trägt bei, dass er als Gedächtnisort auf denkbar unterschiedliche Weise in Anspruch genommen wurde. Die Erinnerungstradition der Nachkriegszeit war lange Zeit generationell in Zeitgenossen und Nachwelt gespalten und in unterschiedlichste Erzählgemeinschaften fragmentiert, wie sie nach 1945 etwa die bombengeschädigte Zivilbevölkerung in den vier Besatzungszonen bildeten oder die Flüchtlinge und Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten, die Displaced Persons im "Altreich" und die Holocaust-Überlebenden der Tötungsfabriken im Osten, die verschiedenen Gruppen des antifaschistischen Widerstands und die "Stalingradkämpfer". Unterschiedliche Blickwinkel eröffneten zudem die verschiedenen historischen Koordinatensysteme von nationaler Niederlage und politischem Neuanfang, in die sich die Geschichte des Weltkriegs einpassen und auf die Kristallisationspunkte von Kapitulation oder Befreiung ausrichten ließ.

Schließlich war die Erinnerung an den furchtbarsten Krieg der Geschichte in Deutschland über vierzig Jahre lang auch immer entlang der Blocklinien des Kalten Krieges gespalten: Einer antifaschistischen Heldenerzählung im Osten stand eine postkatastrophische Opfererzählung im Westen gegenüber: In der parteioffiziellen Deutung des SED-Regimes begann der Krieg bereits mit der Machtübernahme durch den kriegslüsternen Faschismus und das hinter ihm stehende Monopolkapital[4] und endete mit der Befreiung vom Mai 1945; in der westdeutschen Deutungslinie setzte er mit der Kriegserklärung vom 1. September 1939 ein, reichte aber mit der Erfahrung und Bewältigung von militärischem Zusammenbruch, Flucht und Vertreibung weit über 1945 hinaus.

In der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR galt eine Offizialkultur der Heroisierung, die in der ersten Zeit sogar darauf drängte, Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas und Homosexuelle als "Nur-Opfer" und "Nicht-Kämpfer" aus der Kategorie Opfer des Faschismus (OdF) auszugrenzen.[5] Zu ihr sollten nach einer sächsischen Richtlinie vom September 1945 allein "Kämpfer gegen den Faschismus" zu zählen sein, die in der Zeit ihrer NS-Haft und danach "kämpferische Einstellung" bewiesen hätten.[6] Eine so enge Auslegung des "Kämpferideals" wurde zwar rasch zugunsten einer Integrationspolitik wieder aufgegeben, die auch rassisch Verfolgte als OdF anerkannte;[7] sie setzte sich aber in einer Hierarchisierung der Opfergruppen fort, die den Kämpferstatus für die Gruppe der "politischen Überzeugungstäter" reservierte.[8] Schon 1948 waren die Schicksale von Verfolgten außerhalb des kommunistischen Widerstandes und besonders der Opfer der nationalsozialistischen Rassenpolitik im Rundfunk der SBZ kein Thema mehr,[9] während das Leiden der Zivilbevölkerung etwa in der Zerstörung Dresdens vorwiegend als politisches Argument im Kalten Krieg Verwendung fand: "Die Ruinen unserer Städte und die Leichen, die unter ihnen begraben sind, verdanken wir Amerika und England. Das, was unser Volk (...) an Lebens- und Aufbaukräften behalten hat, verdanken wir der Sowjetunion."[10] Stattdessen stieg der im KZ ermordete KPD-Führer Ernst Thälmann, der in den ersten Nachkriegsjahren nur eine Randrolle in der kommunistischen Erinnerungspolitik spielte, zur beispielgebenden Ikone eines parteisakralen Heldenkultes auf.[11] Entsprechend nahm die ab 1956 zum "Mahnmal für die Opfer des Faschismus" umgewidmete Neue Wache Unter den Linden in Berlin gleichrangig nebeneinander zwei symbolische Gräber auf: das des unbekannten Widerstandskämpfers und das des unbekannten Soldaten.

Die leitenden Topoi der westdeutschen Erinnerung kreisten im öffentlichen Diskurs der ersten beiden Jahrzehnte mit der Ausnahme Stalingrads weniger als nach dem Ersten Weltkrieg um die militärischen Kriegshandlungen selbst - deren Thematisierung weitgehend auf die Heftchenwelt der Landserromane und die militärische Memoirenliteratur beschränkt blieb - als vielmehr um deren Auswirkungen. Im Vordergrund standen das Grauen des Bombenkriegs und die Zerstörung der Städte, die Umstände von Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten und das Schicksal der Soldaten in der Kriegsgefangenschaft. Öffentliche Aufmerksamkeit wurde daneben, wenngleich zögernd und heftig umkämpft, dem militärischen und dem christlichen Widerstand gegen das NS-Regime zuteil, während dessen Terrormaschinerie und die in den Holocaust mündende Verfolgung von Juden und anderen als "fremdrassig" aus der Volksgemeinschaft Ausgegrenzten lange Zeit nur einen randständigen Platz in der öffentlichen Erinnerung fanden. Die antifaschistische Geschichtserzählung der DDR wiederum rückte den Überfall auf die Sowjetunion und deren vom kommunistischen Untergrundwiderstand in Deutschland unterstützten Befreiungskampf in das Zentrum der öffentlichen Thematisierung.

Spiegelbildlich standen auch die Tabus und Blindstellen der beiden Kriegsgedächtnisse zueinander:[12] Im Westen blieben die von der Wehrmacht gedeckten und mit ihrer Beteiligung durchgeführten Massenmorde hinter der Front im Osten und die Auslöschung der intellektuellen Eliten in Polen und Russland über Jahrzehnte hinweg praktisch ausgeblendet, ebenso das Verbrechen an den über drei Millionen in deutscher Kriegsgefangenschaft umgekommenen sowjetischen Soldaten, aber auch der kommunistische Widerstand gegen Hitlers Herrschaft und die Beteiligung der deutschen Gesellschaft am nationalsozialistischen Zivilisationsbruch. In der DDR hingegen wurden bis in die 1980er Jahre der mörderische Antisemitismus des "Dritten Reichs" und der Elitenwiderstand gegen das Regime ebenso ausgespart oder marginalisiert wie der westalliierte Anteil am Sieg über Hitler und die barbarischen Begleitumstände der sowjetischen Eroberung des deutschen Ostens und Berlins. Als der DDR-Historiker Günter Paulus 1965 davon zu sprechen wagte, dass die "Freiheit (...) nicht als freundlich blickende Göttin mit einem Palmenzweig in der Hand (...) zu uns Deutschen" kam, sondern "in Panzern über unsere Straßen" rollte und "mit dem Gewehrkolben an die Türen" pochte,[13] traf seine Schrift über die "12 Jahre des Tausendjährigen Reiches" auf den Widerstand parteiamtlicher Zensoren: Wenn es "heißt, daß die Freiheit zu den Deutschen ,in Gestalt von Millionen fremder Soldaten in (...) verschlissenen erdbraunen Uniformen gekommen sei, so scheint uns das weder historisch richtig formuliert noch politisch vertretbar zu sein".[14]

In der Folge war und ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Deutschland stärker als andere Aspekte der Zeitgeschichte von Umschreibungen und Deutungskämpfen geprägt, in denen sich die tiefgreifenden Verschiebungen des sozialen Gedächtnisses in oft ebenso überraschender Weise bemerkbar machen wie die Distanz des öffentlichen Geschichtsdiskurses von der fachwissenschaftlichen Erkenntnisbildung. Es ist Aufgabe der Weltkriegsforschung, dagegen anzugehen und gegen das Schweigebedürfnis alter Eliten, aber auch die Suggestionskraft der Zeitzeugenerinnerung oder den medialen Aufmerksamkeitswert der fachlichen Außenseiterthese an den Erkenntnisstand der zeithistorischen Fachwissenschaft zu erinnern. Zugleich aber sollte die zeithistorische Aufklärung über die Erinnerung der Wirklichkeit nicht die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit der Erinnerung vernachlässigen. Während noch vor zwanzig Jahren eine Forschungsbilanz zum Zweiten Weltkrieg die Bedeutung einer Rezeptionsgeschichte hinter der Realgeschichte gar nicht zu erkennen vermochte,[15] hat seither der Erinnerungsboom längst die öffentlichen Modi der Vergangenheitsverständigung selbst zum Thema gemacht und die Frage in den Mittelpunkt gestellt, welchen übergreifenden Verarbeitungsmustern das deutsche und europäische Weltkriegsgedächtnis seit 1945 gefolgt ist.


Fußnoten

1.
90 Jahre Versailler Vertrag. Der verschenkte Frieden. Warum auf den Ersten Weltkrieg ein Zweiter folgen musste, in: Der Spiegel, (2009) 28, Titelseite.
2.
Michael Schmidt, Die neue Tapferkeit, in: Der Tagesspiegel vom 6.7. 2009.
3.
Rhetorische Lufthoheit, in: ebd.
4.
Das Bemühen der kommunistischen Exilpublizistik, die auf Krieg zielende Politik des NS-Regimes zu entlarven, illustrieren etwa die Schriften Albert Schreiners, z.B. Hitler treibt zum Krieg. Dokumentarische Enthüllungen über Hitlers Geheimrüstungen (Paris 1934). Vgl. dazu Joachim Petzold, Parteinahme wofür? DDR-Historiker im Spannungsfeld von Politik und Wissenschaft, Potsdam 2000, S. 79ff.
5.
Vorläufige Richtlinien zur Betreuung der Opfer des Faschismus in Berlin und Sachsen, 28.6. 1945, zit. nach: Karin Hartewig, Zurückgekehrt. Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR, Köln-Weimar-Wien 2000, S. 301
6.
Vgl. Verordnung zur Wiedergutmachung für die Opfer des Faschismus in der Provinz Sachsen vom 9.9. 1945, zit. nach: ebd.
7.
Juden sind auch Opfer des Faschismus, in: Deutsche Volkszeitung vom 25.9. 1945, zit. nach: Olaf Groehler, Integration und Ausgrenzung von NS-Opfern. Zur Anerkennungs- und Entschädigungsdebatte in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands 1945 bis 1949, in: Jürgen Kocka (Hrsg.), Historische DDR-Forschung. Aufsätze und Studien, Berlin 1993, S. 109.
8.
Ebd., S. 110f. Vgl. auch Christoph Hölscher, NS-Verfolgte im "antifaschistischen Staat". Vereinnahmung und Ausgrenzung in der ostdeutschen Wiedergutmachung (1945 - 1989), Berlin 2002.
9.
Christoph Classen, Faschismus und Antifaschismus. Die nationalsozialistische Vergangenheit im ostdeutschen Hörfunk (1945 - 1953), Köln-Weimar-Wien 2004, S. 263.
10.
So der Vorsitzende der NDPD, Lothar Bolz, 1953, zit. nach: Jürgen Danyel, Die Erinnerung an die Wehrmacht in beiden deutschen Staaten. Vergangenheitspolitik und Gedenkrituale, in: Rolf-Dieter Müller/Hans-Erich Volkmann (Hrsg.), Die Wehrmacht. Mythos und Realität, München 1999, S. 1144.
11.
"Thälmann und Thälmann vor allen, Deutschlands unsterblicher Sohn, Thälmann ist niemals gefallen - Stimme und Faust der Nation", lautet der Refrain des 1951 von Kurt Bartel ("Kuba") getexteten "Thälmannliedes". Vgl. auch Annette Leo, "Stimme und Faust der Nation..." - Thälmann-Kult contra Antifaschismus, in: Jürgen Danyel (Hrsg.), Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995, S. 205 - 211.
12.
Vgl. z.B. Lutz Niethammer, Juden und Russen im Gedächtnis der Deutschen, in: Walter H. Pehle (Hrsg.), Der historische Ort des Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 1990, S. 114 - 134.
13.
Günter Paulus, Streiflichter auf die Zeit der faschistischen Diktatur über Deutschland, o.O. u. J. [Berlin (O) 1965], S. 185.
14.
Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, Lehrstuhl Geschichte der Arbeiterbewegung, Bemerkungen zum Buch von Günter Paulus (...), 24.1. 1966, zit. nach: Martin Sabrow, Geschichte als Herrschaftsdiskurs. Der Fall Günter Paulus, in: Initial, (1995) 4/5, S. 60.
15.
Vgl. Wolfgang Michalka (Hrsg.), Der Zweite Weltkrieg, München 1989.

 

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