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24.8.2009 | Von:
Martin Sabrow

Den Zweiten Weltkrieg erinnern

Opferzentrierte Kriegserinnerung

Die offensichtlichste Konstante der Nachkriegsauseinandersetzung mit dem Krieg und den Folgen stellt für die Bundesrepublik ihr postheroischer Grundzug dar. Der verlorene Weltkrieg diente als Brücke einer jahrhundertgeschichtlichen Verschiebung des Geschichtsbewusstseins, die in erstaunlichem Maße das Opfergedenken an die Stelle der Heldenverehrung gesetzt hat und sich frappant von überkommenen monarchischen wie republikanischen Traditionen der Kriegserinnerung unterscheidet. Nicht nur das wilhelminische, sondern auch das Weimarer Heldengedenken würdigte in erster Linie den Heros und nicht das Opfer: "Den Gefallenen zum ehrenden Gedächtnis, den Lebenden zur ernsten Mahnung und den kommenden Geschlechtern zu Nacheiferung". So lautete Paul von Hindenburgs Hammerspruch bei der Grundsteinlegung des Tannenberg-Denkmals 1924,[16] während die eine Welle öffentlicher Empörung auslösende Äußerung, dass das geeignete "Kriegerdenkmal der deutschen Soldaten nicht eine leicht bekleidete Jungfrau mit der Siegespalme in der Hand, sondern eine große Kohlrübe" sei, den bekannten Statistiker und Publizisten Emil Julius Gumbel bereits 1932 die akademische Lehrbefugnis kostete und ins Exil trieb.[17] Den Heldenkult der NS-Zeit beschwor ein Soldatenbild, das nicht auf die besondere Auszeichnung, sondern auf die kollektive Opferbereitschaft abstellte: "Niemals kann ein Volk untergehen, solange es Männer sein eigen nennt, die jederzeit bereit sind zu sterben, damit ihr Volk lebe."[18]

Die westdeutsche Kriegserinnerung nach der Zäsur von 1945 hingegen kreiste um das Opfer. Sie ließ die Deutschen "als passiv Duldende, als Leidende und Opfer einer skrupellosen, zutiefst bösartigen Führung erscheinen",[19] die je nach eigenem Schicksal zu Opfern der vordringenden Roten Armee im Osten und ihrer Vertreibungspolitik wurden, zu Opfern der "Operation Gomorrha" in Hamburg und der Auslöschung Dresdens, aber auch zu Opfern ihrer eigenen Verführung durch einen teuflischen Messias und der immer terroristischer agierenden Repression seiner Schergen. Allein der Widerstand gegen das NS-Regime bot nach 1945 Anknüpfungspunkte einer zaghaften Heroisierung, die allerdings vielfach durch die Akzentuierung des erlittenen Verfolgungsschicksals viktimistisch getönt blieb. Dies gilt selbst für die Ehrung der Hitler-Attentäter im Berliner Bendlerblock, in dem der Auflehnungsversuch Claus Schenk Graf von Stauffenbergs und seiner Mitverschwörer am Abend des 20. Juli 1944 zusammenbrach. Ihrer mutigen Tat gedenkt seit 1953 eine von einem früheren NS-Bildhauer geschaffene Bronzestatue eines gefesselten Jünglings, die der Heroisierungskraft des Aufstellungsortes im Ehrenhof des Bendlerblocks, in dem Stauffenberg den Tod fand, schon durch die Motivwahl entgegenzuwirken sucht und darin durch Edwin Redslobs Sockeltext "Ihr trugt die Schande nicht, Ihr wehrtet Euch" noch weiter bestärkt wird. Damit nicht genug, wurde die Statue 1980 buchstäblich vom Sockel geholt und so beziehungslos neu platziert, dass sie heute im Kontext der sachlich statt heroisierend gehaltenen Ausstellung "vor allem als Zeitdokument gesehen und kritisch analysiert" werden kann.[20]

Nur scheinbar ergab sich die opferzentrierte Ausrichtung der Kriegserinnerung in der Bundesrepublik unmittelbar aus dem mit dem Krieg verbundenen Sterben und Leiden selbst; tatsächlich aber setzte der Aufstieg des Opfers in der Kriegserinnerung schon vor 1945 ein. Eine spezifische Amalgamierung von Held und Opfer ist dem nationalen Bild des Krieges spätestens seit dem Ersten Weltkrieg eingeschrieben. Sie zeigt sich im Mythos des tragischen Märtyrer-Helden, den in der deutschen Kriegserinnerung der Langemarck-Mythos um den Opfertod deutscher Studentenkompanien auf den flandrischen Schlachtfeldern im Herbst 1914 und ebenso das Aufkommen der Dolchstoßlegende über das von der Heimat verratene Heldenheer 1919 ausbildeten. In der semantischen Doppelbedeutung des Begriffs "Opfer" verschwimmt der Unterschied zwischen dem freiwilligen Selbstopfer des sacrificium und dem ohnmächtigen Erdulden der victima. Das heldische Opferbild der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg kreiste allein um das aktive Märtyreropfer im Sinne des sacrificium, während sich der Wandel des Opferbildes vom sacrifice zum victime in der Opferperspektive erst in der Untergangsphase des "Dritten Reichs" vollzog.

Die semantische Verschiebung vom heroischen zum leidenden Opfer lässt sich wie in einem Brennspiegel an einem einzigen Vorgang ablesen: der Rezeption der Schlacht von Stalingrad und des Untergangs der 6. Armee im Winter 1942 auf 1943. Bereits vor der fachhistoriographischen Erschließung[21] wurde Stalingrad zum Thema der populären Literatur, die in Illustriertenreportagen ebenso wie im Rechtfertigungs- und Memoirenschrifttum breite Leserresonanz erzeugte, dokumentarischen wie dramatischen und später auch filmischen Niederschlag fand. Die Erklärung ist darin zu suchen, dass "Stalingrad" einen erinnerungskulturellen Paradigmenwechsel markiert und den narrativen Wechsel vom heroischen zum viktimistischen Opferbild einleitete: In der Erinnerung an den Untergang der 6. Armee lösten sich die Deutschen von der mimetischen Vergegenwärtigung der Vergangenheit als heroischer Selbstbehauptung und reorganisierten ihr Geschichtsbild als Opfererzählung, in deren Zentrum immer gebieterischer das erduldete Leiden stand. Während die NS-Führung mit der Leonidas-Rede Hermann Görings die Deutschen am Radio auf das Untergangsnarrativ des tragischen Helden einzuschwören suchte, sah schon der zur Kapitulation gezwungene Verantwortliche, General Friedrich Paulus, sich selbst als passives Heldenopfer. Für die deutsche Bevölkerung schließlich wurde Stalingrad rasch zum Schreckenssymbol des Verführungs- und Führungsopfers, das bruchlos in die Selbstviktimisierung der Nachkriegszeit hinüberreichte.

"Stalingrad" steht somit für ein Transitionsphänomen, das den Heldendiskurs der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Opferdiskurs der zweiten Hälfte überführte. Mit dem als Katastrophe erfahrenen Untergang des "Dritten Reiches" löste sich das Leidensopfer vom Heldenopfer und konnte sich die Nachkriegszeit als "Gemeinschaft von Opfern" konstituieren,[22] wenngleich das Genre der Soldatenerinnerungen das Erzählmuster eines sakrifizierenden Opfertodes noch bis in die 1950er Jahre hinein pflegte[23] und auch das staatliche Gedenken sich noch betont "des dargebrachten und des erlittenen Opfers" zugleich annahm.[24]

Fußnoten

16.
Helmut Scharf, Kleine Kunstgeschichte des deutschen Denkmals, Darmstadt 1984, S. 277f.
17.
Christian Jansen, Emil Julius Gumbel - Portrait eines Zivilisten, Heidelberg 1991, S. 265.
18.
Joachim von Ribbentrop auf der Totenfeier zu Ernst vom Rath, Düsseldorfer Nachrichten vom 17.11. 1938, zit. nach: Volker Ackermann, Nationale Totenfeiern in Deutschland. Eine Studie zur politischen Semiotik, Stuttgart 1990, S. 190.
19.
Edgar Wolfrum, Die Anfänge der Bundesrepublik, die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und die Fernwirkungen für heute, in: Ursula Bitzegeio/Anja Kruke/Meik Woyke (Hrsg.), Solidargemeinschaft und Erinnerungskultur im 20. Jahrhundert, Bonn 2009, S. 364.
20.
Stefanie Endlich, Das Bundeswehr-Ehrenmal im Kontext der Berliner Denkmalslandschaft. Nationale und dezentrale Formen der Erinnerung, in: Manfred Hettling/Jörg Echternkamp (Hrsg.), Bedingt erinnerungsbereit, Göttingen 2008, S. 124.
21.
Eine Übersicht bei Gerd R. Ueberschär, Die Schlacht von Stalingrad in der deutschen Historiographie, in: Wolfram Wette/Gerd R. Ueberschär (Hrsg.), Stalingrad. Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht, Frankfurt/M. 1992, S. 192 - 204; vgl. auch Manfred Kehrig, Stalingrad im Spiegel der Memoiren deutscher Generäle, in: ebd., S. 205 - 213; Ulrich Baron, Stalingrad als Thema der deutschsprachigen Literatur, in: ebd., S. 226 - 232; Michael Kumpfmüller, Die Schlacht von Stalingrad. Metamorphosen eines deutschen Mythos, München 1995.
22.
K. Erik Franzen, In der neuen Mitte der Erinnerung. Anmerkungen zur Funktion eines Opferdiskurses, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG), 51 (2003), S. 49.
23.
Vgl. z.B. Heinz Guderian, Erinnerungen eines Soldaten, Heidelberg 1951.
24.
Rede von Bundespräsident Theodor Heuß zum Volkstrauertag 1952, in: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (Hrsg.), Wir gedenken. Eine Auswahl von Gedenkreden, die aus Anlaß der Zentralen Gedenkstunde des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge gehalten wurden, Ulm 1987.

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