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24.8.2009 | Von:
Martin Sabrow

Den Zweiten Weltkrieg erinnern

Entlastungsnarrativ

Auf die schon im Zweiten Weltkrieg ausgebildete Memorialfigur der Selbstviktimisierung konnte nach 1945 die entlastende Erinnerung der "Kollektivunschuld" (Edgar Wolfrum) aufbauen, in der die eigene Täterschaft hinter der Selbstwahrnehmung als Opfer brauner Verführung, "anglo-amerikanischer" Bombardierung und sowjetischer Siegerwillkür zurücktrat. Das Ende des Weltkriegs wurde in den westlichen Zonen und in der Bundesrepublik von einer überwältigenden Mehrheit als "düsterer Tag der tiefsten Erniedrigung" wahrgenommen[25] und zu dem 1950 eingerichteten jährlichen Volkstrauertag besonders mit religiöser Sinngebung gefüllt, die den Rahmen des Gedenkens an ein "beispiellos grausames Dahinsterben von Millionen Menschen" abgab.[26]

Als Bauformen des Erinnerns dienten in der Nachkriegsgesellschaft neben der entkonkretisierenden und tabuisierenden Ausblendung und der Selbstrechtfertigung[27] die Argumentationsfiguren der Schuldaufrechnung und des Werterelativismus. Sie lieferten etwa die Lebensbeschreibungen aus der Feder Heinz Guderians oder Erich Mansteins[28] und Ernst von Salomons Millionenerfolg "Der Fragebogen", in dem der Autor den moralischen Überlegenheitsanspruch der amerikanischen Sieger am Beispiel seiner eigenen Internierungserfahrung in erzählerischer Eingängigkeit konterkarierte.[29] Als weit wichtigere Denkfigur der Entlastungserinnerung aber erwies sich die trostspendende Kontrastierung von Vernichtung und Wiederaufbau, die die lokale Kriegserinnerung noch bis zur Wahrnehmung der städtischen Weihnachtsbeleuchtung prägte: "Wo man in jener Nacht, und noch Monate später, sich mühsam einen Weg durch die Trümmer bahnte, strahlen jetzt wieder bunte Lichterketten, gehen frohe Menschen ihrer Arbeit nach."[30]

Ende der 1950er Jahre geriet dieser historische Entlastungsdiskurs zunehmend unter Legitimationsdruck. Er wurde im Gefolge der NS-Prozesse von Ulm und Frankfurt/Main und des politisch-kulturellen Generationswechsels der 1960er Jahre unter dem Schlagwort der "unbewältigten Vergangenheit" allmählich durch eine Kriegserinnerung abgelöst, die dem bisherigen "Beschweigen"[31] den Willen zur ernsthaften Auseinandersetzung mit der beschämenden Vergangenheit entgegensetzte und mit der Ausstrahlung der amerikanischen Fernsehserie "Holocaust" Ende 1979 Deutungshoheit zu erlangen begann. Seine volle gedenkpolitische Anerkennung erfuhr der Bewältigungsdiskurs 1985, als Bundespräsident Richard von Weizsäcker das Befreiungsnarrativ zum 40. Jahrestag des Kriegsendes in das historische Selbstverständnis der Bundesrepublik aufnahm. Damit hatte die historisch-politische Kultur der Bundesrepublik einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel vollzogen, wie "Der Spiegel" 1995 in seiner Ausgabe zum 50. Jahrestag der Niederlage verkündete, die auf dem Titelblatt die "Bewältigte Vergangenheit" proklamierte und mit der Titelgeschichte "Besiegt, besetzt, befreit" unterlegte. Wie sehr der neue gesellschaftliche Grundkonsens auf die Anerkennung der eigenen historischen Schuld gegründet war, bewies ein Jahr später Bundespräsident Roman Herzog, als er den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zum offiziellen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus erklärte. Die Integrationskraft des postnationalen Befreiungsnarrativs erwies sich als so durchschlagend, dass sie umgekehrt schon bald zur Sorge Anlass gab, die Erinnerung an den Holocaust könnte zur "produktive(n) Ressource deutscher Identitätsbildung ex negativo" werden.[32]

Fußnoten

25.
Zit. nach: E. Wolfrum (Anm. 19), S. 372.
26.
Rede des Vorsitzenden des Deutschen Bundestags Hermann Ehlers zum Volkstrauertag 1951, in: Volksbund (Anm. 24), S. 11.
27.
"Das Verständnis gerade der militärischen obersten Führung für die ausschlaggebende Bedeutung beweglicher und kampfkräftiger operativer Reserven hat unserer Kriegführung bis zum bitteren Ende gefehlt und war wesentlich an unserer Niederlage mitschuldig." H. Guderian (Anm. 23), S. 271.
28.
"Das von den kriegführenden Großmächten auf den Plan gerufene Partisanentum mit seiner völkerrechtswidrigen Kampfesweise zwang zur Abwehr, und diese Abwehr wurde uns dann von den Klägern und Richtern in Nürnberg als völkerrechtswidrig und verbrecherisch zum Vorwurf gemacht, obwohl die Alliierten beim Einmarsch in Deutschland wesentlich härtere Strafbestimmungen erließen (...)." Ebd., S. 343f.
29.
Vgl. Ernst von Salomon, Der Fragebogen, Hamburg 1951: "Ich hatte in diesem Lager über das entsetzliche Faktum der physischen Vernichtung des Judentums nicht ein einziges zynisches Wort gehört - außer von Amerikanern." (S. 636)
30.
Badische Zeitung vom 27.11. 1953, zit. nach Andreas Weber, Der Bombenangriff von 1944 im Gedächtnis der Stadt Freiburg, in: Erinnern gegen den Schlußstrich (Geschichtswerkstatt, 29), Freiburg i.Br. 1997, S. 65.
31.
Vgl. Michael Schornstheimer, Die leuchtenden Augen der Frontsoldaten. Nationalsozialismus und Krieg in den Illustriertenromanen der fünfziger Jahre, Berlin 1995.
32.
Jan-Holger Kirsch, "Befreiung" und/oder "Niederlage"? Zur Konfliktgeschichte des deutschen Gedenkens an Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg, in: Burkhard Assmuss/Kay Kufeke/Philipp Springer (Hrsg.), Der Krieg und seine Folgen. Kriegsende und Erinnerungspolitik in Deutschland, Berlin-Bönen 2005, S. 67.

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