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24.8.2009 | Von:
Martin Sabrow

Den Zweiten Weltkrieg erinnern

Neuer Opferdiskurs

Dieser seit Mitte der 1980er Jahre weithin geltende Erinnerungskonsens wurde in den vergangenen Jahren auf überraschende und vielfach geradezu verstörende Weise in Frage gestellt, nachdem gerade erst mit der Zerstörung der Legende von der sauberen Wehrmacht die letzte Bastion einer "unbewältigten Vergangenheit" geschleift zu sein schien. Unterstützt durch die mediale Karriere des Zeitzeugen, hat sich das Opfernarrativ aus den Schranken einer aufklärerischen Vergangenheitsbewältigung gelöst und ist von den Opfern der Deutschen zu den Deutschen als Opfern zurückgekehrt. Wie durchgreifend diese abermalige Fokusveränderung wirkt, zeigt sich an so unterschiedlichen literarischen Erzeugnissen und Initiativen wie Günter Grass' Novelle "Im Krebsgang",[33] Jörg Friedrichs Bombenkriegsanklage "Der Brand"[34] oder dem neu verlegten und mittlerweile verfilmten Anonyma-Buch.[35] Gleiches vollzieht sich auf politischer Ebene mit Erika Steinbachs Initiative für ein "Zentrum gegen Vertreibungen" und schon vorher mit der Renaissance des Vertreibungsthemas überhaupt, die "Der Spiegel" 2002 als Rückkehr zur historischen Normalität interpretierte.[36] Wie sehr die Viktimisierung sogar das Zentrum des nationalsozialistischen Verbrechens erreicht hat, machte der Publikumserfolg von Oliver Hirschbiegels und Bernd Eichingers Film "Der Untergang" (2004) deutlich, der mit einem Tabu der filmischen Hitler-Darstellung brach und den Diktator selbst als Opfer präsentierte - seiner Illusionen und seines Wahns, aber auch des gewandelten Kriegsglücks und des politischen Verrats wie der menschlichen Vereinsamung.

Wie lässt sich die neuerliche Zuwendung zur Geschichte der Bombenopfer, der Flüchtlinge und Vertriebenen und der Kriegskindergeneration interpretieren? Entspringt sie einer längst überwunden geglaubten Mentalität der Schuldaufrechnung: die Deutschen - ein Volk von Opfern?[37] Aus der Perspektive eines aufklärerischen Bewältigungsgedächtnisses lässt sich der erinnerungskulturelle "Gezeitenwechsel"[38] seit den 1990er Jahren nur zu leicht als geschichtspolitische Schuldentsorgung deuten,[39] und tatsächlich ist der neue deutsche Opferdiskurs nicht frei von Misstönen einer relativierenden Unbefangenheit, welche die Singularität des Holocaust hinter einer dekontextualisierten und ubiquitären Nutzung der Chiffre "Auschwitz" oder der gedenkpolitischen Gleichsetzung von "erster und zweiter deutscher Diktatur" zurücktreten lässt.[40] Gegen eine Dominanz dieser relativierenden Erinnerung mit dem verlockenden "Charme des Opferstatus"[41] spricht allerdings, dass der abermalige Wandel der Opferperspektive sich mit dem Selbstverständnis verbindet, die Erinnerungsfigur der Schuldaufrechnung nicht etwa zu erneuern, sondern überhaupt erst außer Kraft zu setzen. Die erinnerungskulturelle Neuausrichtung richtet sich gegen den "Wiederholungszwang der halbierten Erinnerung",[42] der in seiner aufklärerischen Bewältigungsabsicht die Verdrängungsleistung des historischen Entlastungsdiskurses fortgeführt und lediglich von der einen missliebigen Leiderfahrung auf eine andere übertragen habe. Gerade weil die im Wandel begriffene Kriegserinnerung fest in dem seit den 1980er Jahren erreichten Deutungskonsens über den verbrecherischen Charakter des NS-Systems gegründet ist, vermag sie die "Traumatisierung von weiten Teilen der deutschen Gesellschaft" in den Blick zu nehmen, ohne "zu alten Verdrängungsstrategien zurückzukehren" oder gar die NS-Verbrechen zu relativieren.[43]

Dementsprechend stark legitimiert sich die neue Sicht aus einer vermeintlichen oder wirklichen Tabuisierung des erlittenen Kriegsschicksals im deutschen Bewältigungsgedächtnis, dessen gedenkpolitische Schweigegebote auf die Fortwirkung einer anhaltenden Traumatisierung durch die verstörenden Schockerlebnisse in den Luftschutzkellern, auf den Flüchtlingstrecks und in der "Kriegskindschaft" schließen ließen.[44]

Vieles spricht daher dafür, den neuen Opferdiskurs als Ausdruck eines abermaligen Paradigmenwandels der zeithistorischen Besinnung zu interpretieren. Getragen von einer Pluralisierung ihrer Erzählmuster im Zeichen des cultural turn und von der historischen Vergewisserungssehnsucht der Erinnerungskultur mit ihrem geradezu unbändigen "Bedürfnis nach gegenwärtiger Verortung qua Erinnerung",[45] löst sich die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer seit den 1960er Jahren erarbeiteten Gefechtsstellung der Bewältigung durch Anklage. Stattdessen ist sie im Begriff, eine Kriegserinnerung herauszubilden, die sich an der für die gegenwärtige Diktaturaufarbeitung geltenden Inklusionsformel[46] orientiert und von einem entpolitisierten Opferbegriff ausgeht.

Das inklusive Aufarbeitungsgedächtnis der Gegenwart hat den Akzent von der lernenden Aufklärung zur heilenden Anerkennung verrückt, und in ihrem Zentrum rangiert die Kompensation historischen Unrechts durch Opferanerkennung und Täteridentifizierung höher als die Unterscheidung zwischen dem Tod in der Gaskammer und dem Tod im Feuersturm oder zwischen einem deutschen Schreibtischtäter und einem englischen Bombergeneral.

Fußnoten

33.
Günter Grass, Im Krebsgang. Eine Novelle, Göttingen 2002.
34.
Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 - 1945, München 2002.
35.
Anonyma [Marta Hillers], Eine Frau in Berlin. Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945, Frankfurt/M. 2003; Anonyma - eine Frau in Berlin (Originaltitel: A Woman in Berlin), Kinofilm von Max Färberböck (2008).
36.
Die Deutschen als Opfer, in: Der Spiegel, (2002) 13, S. 36 - 60.
37.
Vgl. Lothar Kettenacker (Hrsg.), Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940 - 45, Berlin 2003. Vgl. auch Bill Niven (ed.), Germans as Victims. Remembering the Past in Contemporary Germany, Basingstoke 2006.
38.
Norbert Frei, 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen, München 2005, S. 21.
39.
Vgl. etwa die Reaktion auf die städtische Aufstellung von Großfotos der Zerstörung Freiburgs zum 50. Jahrestag des Angriffs auf die Stadt im Jahre 1994; A. Weber (Anm. 30), S. 68. Vor einem förmlichen "Rückschlag der deutschen Opfererinnerung" warnte auch Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit und Geschichtsversessenheit revisited, in: APuZ, (2003) 40 - 41, S. 9.
40.
Vgl. Michael Jeismann, Auf Wiedersehen Gestern. Die deutsche Vergangenheit und die Politik von morgen, Stuttgart-München 2001, S. 175ff.
41.
Samuel Salzborn, Kollektive Unschuld. Deutsche als Opfer, in: Freitag vom 26.4. 2002.; K. E. Franzen (Anm. 22), S. 49 - 53.
42.
Wolfgang Sofsky, Die halbierte Erinnerung, in: L. Kettenacker (Anm. 37), S. 124f.
43.
Elisabeth Domansky/Jutta de Jong, Der lange Schatten des Krieges, Münster 2000, S. 16..
44.
Malte Thiessen, Eingebrannt ins Gedächtnis. Hamburgs Gedenken an Luftkrieg und Kriegsende 1943 - 2005, Hamburg 2007, S. 395. Zum Konstruktionscharakter der Kriegskindergeneration vgl. Dorothee Wierling, "Kriegskinder": westdeutsch, bürgerlich, männlich?, in: Lu Seegers/Jürgen Reulecke (Hrsg.), Die "Generation der Kriegskinder", Gießen 2009, S. 141 - 155.
45.
M. Thiessen (ebd.), S. 399ff.
46.
"Die NS-Verbrechen dürfen durch die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Stalinismus nicht relativiert werden. Die stalinistischen Verbrechen dürfen durch den Hinweis auf die NS-Verbrechen nicht bagatellisiert werden." Schlussbericht der Enquete-Kommission "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit", Bd. 1, Baden-Baden 1999, S. 614.

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