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24.8.2009 | Von:
Elena Stepanova

Bilder vom Krieg in der deutschen und russischen Literatur

Welche Bilder vom Krieg gegen die Sowjetunion werden von deutschen und russischen Schriftstellern produziert? Wie erklären sie das Töten und Sterben der Soldaten?

Einleitung

Den meisten Besuchern aus Deutschland ist St. Petersburg vor allem als prachtvolle Zarenresidenz, pulsierende Metropole und Sitz einer der größten Kunstsammlungen der Welt, der Eremitage, bekannt. Im Hintergrund bleibt das andere, dunkle Kapitel der Stadtgeschichte, das sehr anschaulich den Charakter des deutschen Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion illustriert: die Blockade Leningrads. Im September 1941 hatte die Wehrmacht die Millionenstadt bis auf einen Zugang zum Ladogasee umzingelt. Man entschied in Berlin, die Metropole nicht zu besetzen, sondern ihre Bewohner verhungern zu lassen und anschließend die Stadt dem Erdboden gleich zu machen. Die dreijährige Belagerung forderte etwa eine Million ziviler Opfer. Dieser Teil der Kriegsgeschichte ist vielen Deutschen bis heute so gut wie unbekannt.






Die "ambivalente Unvergessenheit" des Russlandfeldzuges (Christina Morina) - Verdrängung begangener Verbrechen einerseits und allgegenwärtige Erinnerung an das erlittene eigene Leid andererseits - machte den Krieg gegen die Sowjetunion im Deutschland der Nachkriegszeit zu einem der meist beschriebenen und meist verdrängten historischen Ereignisse. Getragen und maßgeblich geprägt wurde diese Erinnerung in den 1950er und 1960er Jahren nicht zuletzt von Kriegsbelletristik. Die Mehrheit der westdeutschen Schriftsteller stellten die Kriegsleiden der deutschen Landser in den Mittelpunkt, ohne über die Gründe dieser Leiden und den gesamtgeschichtlichen Kontext nachzudenken. Die sowjetischen Kriegsopfer blieben meistens unerwähnt, die Beschreibung Russlands und der russischen Bevölkerung in alten Stereotypen verfangen.[1] Jost Hermand stellte fest: "Obwohl die meisten dieser Romane handlungsmäßig an der Ostfront spielen, werden in ihnen die Gräuel dieses Vernichtungskrieges gegen slawische Untermenschen, wie sie die Wehrmachtsausstellung vor wenigen Jahren endlich aufgedeckt hat, weitgehend ausgeblendet."[2]

Die Romane dienten eher dem Ziel, die deutschen Armeeangehörigen - von denen die meisten am Russlandfeldzug teilnahmen - von der Schuld an Kriegsverbrechen zu entlasten und dem massenhaften Sterben der deutschen Soldaten im Osten einen Sinn zu geben. Den Roman des Österreichers Fritz Wöss, "Hunde, wollt ihr ewig leben?", veröffentlicht 1958 und später in der Bundesrepublik erfolgreich verfilmt, könnte man als Zusammenfassung der westdeutschen Nachkriegswahrnehmung des Krieges an der Ostfront betrachten. Er zeigt deutsche Soldaten, die von den Eliten nach Stalingrad geschickt wurden, um getötet oder gefangengenommen zu werden. Die Handlung des Romans setzt 1942 ein, und es wird nicht gefragt, warum oder wie die deutsche Armee überhaupt nach Stalingrad kam.

In der DDR wurde die Ostfront vor allem als "Hauptfront des militärischen Klassenkampfes"[3] und die sowjetische Gefangenschaft als erste Etappe der Erziehung im antifaschistischen Sinne verstanden. Das Thema der Umerziehung im sowjetischen Gefangenenlager war in der DDR-Literatur stark verbreitet, exemplarisch genannt sei der Roman von Herbert Otto "Die Lüge" (1956), in dem der Autor seine Wandlung während der Kriegsgefangenschaft im Ural beschrieb. Doch obwohl solche Schilderungen mit der NS-Ideologie abrechneten und eine antifaschistische Botschaft transportierten, entsprachen sie nur in seltenen Fällen den tatsächlichen Kriegserinnerungen der meisten Menschen.

Auffällig ist, dass in den literarischen Werken, die zu den Musterbeispielen der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Nachkriegsdeutschland zählen, der Zweite Weltkrieg kaum vorkommt, so in den Werken von Günter Grass, Siegfried Lenz oder Christa Wolf. Der Krieg bleibt im Hintergrund, ist Kulisse, vor der sich andere Dramen abspielen. In "Wages of Guilt" nannte Ian Buruma den Roman "Die Blechtrommel" von Grass "die berühmteste fiktionale Chronik des Zweiten Weltkrieges".[4] Es ist seltsam, dass in einer "Kriegschronik" der Krieg selbst nicht vorkommt. In den Romanen über den Nationalsozialismus wird der Krieg zur Nebensache, so, wie in den meisten deutschen Kriegsromanen der Nationalsozialismus ausgeklammert wird.

In der Sowjetunion bildete Kriegsliteratur einen wichtigen Gegenpol zur offiziellen Interpretation des Großen Vaterländischen Krieges. Die unmittelbare Kriegserfahrung, die so wenig Heroisches enthielt, fanden sowjetische Bürger jenseits der Küchentischgespräche fast ausschließlich in der Literatur, die eine Nische für den Austausch über das Erlebte darstellte. Mit ihren Werken haben Autoren wie Viktor Nekrassow, Juri Bondarew oder Wassili Bykow dazu beigetragen, die offizielle Sicht auf den Krieg zu untergraben, indem sie dem sowjetischen Leser ungeschminkte Schilderungen von Feigheit, inkompetenter Führung und Leid der Zivilbevölkerung präsentierten. Auch das Thema des Völkermords an den Juden, in der offiziellen sowjetischen Historiographie nicht existent, tauchte in der Literatur auf - in den Werken von Anatoli Kusnezow, Wassili Grossman oder Jewgeni Jewtuschenko. Die Schrecken der Leningrader Blockade haben zum ersten Mal zwei Schriftsteller angesprochen: Daniil Granin und Alex Adamowitsch in ihrem "Buch der Blockade".

Nach einer fast dreißigjährigen Pause spielt der "Russlandkrieg" wieder eine wichtige Rolle in der deutschen Literatur: Von Günter Grass über Wibke Bruhns bis Uwe Timm und Ulla Hahn thematisieren die Literaten den Krieg im Osten, vor allem gegen die Sowjetunion, meist aus einer sehr persönlichen Perspektive. Auf diesem Weg kam nach dem Rückzug der Wehrmachtsausstellung das Thema "Russlandkrieg" zurück in die deutsche Öffentlichkeit. Auch in Russland waren die 1990er Jahre von Diskussionen über den Großen Vaterländischen Krieg gekennzeichnet. Diese Diskussionen wurden nicht zuletzt literarisch ausgetragen. Dabei diente der Krieg den Schriftstellern im weitesten Sinne als Projektionsfläche für die Reflexion über die Beziehungen zwischen der Staatsmacht und dem Individuum sowie über die Rolle der "Macht" im und nach dem Krieg.

Exemplarisch für die literarischen Deutungen des Krieges gegen die Sowjetunion in Russland und in Deutschland sollen im Folgenden zwei deutsche und zwei russische Prosawerke aus der Zeit zwischen 1994 und 2004 präsentiert werden: "Verdammt und Umgebracht" (1994) von Viktor Astafjew, "Die nackte Pionierin" (2002) von Michail Kononow, "Himmelskörper" (2003) von Tanja Dückers und "Unscharfe Bilder" (2003) von Ulla Hahn. Diese Werke werden hier hinsichtlich der Bedeutung, welche die Autorinnen und Autoren der Rolle der Ideologie im Krieg gegen die Sowjetunion beimessen, interpretiert und verglichen.

Die Texte sind für die literarischen Landschaften beider Länder repräsentativ, insbesondere was die generationelle und geschlechterspezifische Zusammensetzung betrifft. Ulla Hahn (Jg. 1946) gehört zur so genannten "Kriegskindergeneration", während Tanja Dückers (Jg. 1968) aus der Perspektive der "Enkelkindergeneration" schreibt. Das ist nicht untypisch für die deutsche zeitgenössische Prosa über den Krieg, ebenso wie die Tatsache, dass beide Autorinnen in ihren Werken die Sicht der Töchter bzw. Enkeltöchter auf die Familiengeschichte darstellen, zu der auch der Krieg gegen die Sowjetunion gehört. Anders in Russland: Dort gibt es kaum Frauen, die sich das Kriegsthema aneignen. Auch sonst gestaltet sich die Suche nach zeitgenössischen russischen Schriftstellern, die über den Krieg schreiben, nicht einfach. Das Kriegsthema verschwindet allmählich aus der russischen Literatur, was mit dem Tod der meisten Schriftsteller der Frontgeneration zusammenhängt. Es gibt kaum neue, geschweige denn junge Autoren, die es wagen, ohne eigene Kriegserfahrungen das Thema aufzugreifen. Viktor Astafjew (1924 - 2001) gehört zur Generation der Kriegsteilnehmer, Michail Kononow (Jg. 1948) zur ersten Nachkriegsgeneration.

Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, zu welchen Interpretationsmustern zeitgenössische Schriftsteller greifen, um ihren Leserinnen und Lesern die weltanschauliche Seite des Krieges zu verdeutlichen. Welche Rolle spielt die nationalsozialistische Rassenideologie bzw. die stalinistische Indoktrinierung?[5] Welche Bilder von politisch umstrittenen historischen Begebenheiten werden von den Literaten produziert und an die Leserschaft weitergegeben?

Fußnoten

1.
Als Beispiele seien hier folgende, in der Bundesrepublik viel gelesene Werke genannt: "Null acht fünfzehn"-Trilogie (1954/55) von Hans Helmut Kirst; "Woina, Woina" (1951) von Curt Hohoff; "Nikolskoje" (1953) von Otto Heinrich Kühner; "So weit die Füße tragen" (1954) von Josef Martin Bauer; "Der Arzt von Stalingrad" (1956) und "Das Herz der 6. Armee" (1964) von Heinz G. Konsalik.
2.
Jost Hermand, Die Kriegsschuldfrage im westdeutschen Roman der fünfziger Jahre, in: Ursula Heukenkamp (Hrsg.), Schuld und Sühne? Kriegserlebnis und Kriegsdeutung in deutschen Medien der Nachkriegszeit (1945 - 1961), Amsterdam 2001, S. 430. Diese Aussage trifft selbst für die frühe Nachkriegsprosa Heinrich Bölls zu, wobei er selbst später eine herausragende Rolle im Prozess der Versöhnung mit der Sowjetunion spielte.
3.
Hermann Kant/Frank Wagner, Die große Abrechnung. Probleme der Darstellung des Krieges in der deutschen Gegenwartsliteratur, in: neue deutsche literatur, 12 (1957), S. 138.
4.
Ian Buruma, Wages of Guilt. Memories of War in Germany and Japan, London 1995, S. 292.
5.
Diese Analyse basiert auf dem Kapitel "Die Rolle der Ideologie" meiner Dissertation, die unter dem Titel "Den Krieg beschreiben" 2009 erschienen ist. Ich danke dem Transcript-Verlag für die Möglichkeit, einige Passagen aus dieser Publikation hier wiederzugeben.

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