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24.8.2009 | Von:
Hermann Parzinger

Folgen des Zweiten Weltkriegs für Kunst- und Kulturgüter

Aktion "Entartete Kunst"

Die Aktion "Entartete Kunst" gehört zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Museums- und Kunstgeschichte. Zur nationalsozialistischen Ideologie gehörte als zentraler Bestandteil ein Idealbild deutscher, "völkischer" Kunst. Als Gegenbild zu diesem Ideal wurden Werke bestimmter Kunstrichtungen, die mit den Schönheitsvorstellungen der Nationalsozialisten nicht in Einklang zu bringen waren, als "Verfallskunst" gebrandmarkt. In der NS-Zeit war der Kampf gegen die künstlerische Avantgarde fester Bestandteil der staatlichen Propaganda.

1937 erreichte die Aktion "Entartete Kunst" ihren Höhepunkt. Eine staatliche Kommission beschlagnahmte innerhalb weniger Tage Hunderte von Werken der Moderne. Diese Werke wurden in München in der Ausstellung "Entartete Kunst" gezeigt, die am 16. Juli 1937 öffnete. Sie war in jeder Hinsicht als Gegenveranstaltung zur "Großen Deutschen Kunstausstellung" konzipiert, die tags zuvor im neu errichteten "Haus der deutschen Kunst" eröffnet worden war. Während die "Große Deutsche Kunstausstellung" den Werken der Künstler, die von den Nationalsozialisten verehrt wurden, ein weihevolles Denkmal setzen sollte, wurden in der Ausstellung "Entartete Kunst" die Werke der Avantgarde auf engstem Raum zusammengepfercht und von schmähenden Inschriften begleitet. Auf diese Weise sollte die deutsche Öffentlichkeit von der Minderwertigkeit der gezeigten Werke überzeugt werden.

In einer zweiten Beschlagnahmewelle, die nach der Eröffnung der Ausstellung stattfand, ging man noch einen Schritt weiter: Sämtliche Werke der Kunst, die vom Regime als "entartet" betrachtet wurden, sollten aus den Sammlungen entfernt werden. Die Nationalgalerie in Berlin hatte unter ihrem Direktor Ludwig Justi in der Zeit zwischen den Weltkriegen eine der bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst aufgebaut. Als Ergebnis der Aktion "Entartete Kunst" verlor allein dieses Museum über 500 Werke,[19] insgesamt waren fast 20000 Werke aus 101 Museen und Sammlungen betroffen.[20]

Erst nachträglich mit dem "Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst" vom 31. Mai 1938 erhielt die Aktion "Entartete Kunst" eine gesetzliche Grundlage.[21] Das Gesetz sah die entschädigungslose Enteignung der beschlagnahmten Werke zu Gunsten des Reiches vor. Damit war die Grundlage für die "Verwertung" der Werke zur Devisenbeschaffung gelegt. Mit der Veräußerung der als "verwertbar" eingestuften Werke wurden vier Kunsthändler beauftragt, die jeweils über besondere Erfahrungen mit dem Handel mit moderner Kunst verfügten: Karl Buchholz und Ferdinand Möller, Bernhard D. Böhmer und Hildebrand Gurlitt. Die Stücke, die die Händler nicht übernommen hatten, wurden als "unverwertbar" am 20. März 1939 im Hof der Hauptfeuerwache in Berlin verbrannt.[22]

Nicht nur wegen der riesigen Lücken, die die Aktion "Entartete Kunst" in die Sammlungen der Museen riss, sondern auch wegen der Rolle, die Mitarbeiter der Museen bei der Aussonderung und Vernichtung von Kunstwerken spielten, sind die Umstände und Wirkungen bis heute Anlass für zahlreiche Forschungsvorhaben. Vorrangig zu nennen ist dabei die Forschungsstelle Entartete Kunst an der Freien Universität Berlin. Diese hat es sich zur Aufgabe gemacht, zu klären, welche Werke der Moderne von der Aktion betroffen und von der Beschlagnahmekommission eingezogen worden waren, sowie deren weiteres Schicksal zu erhellen. Besonderheiten gelten mit Blick auf die heutigen Eigentumsrechte an den Werken, die im Zuge der Aktion "Entartete Kunst" enteignet wurden. Das "Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst", mit welchem die Unrechtsakte legalisiert worden waren, ist nach Ende des Zweiten Weltkriegs durch die Alliierten nicht aufgehoben worden. Begründet wurde dies damit, dass durch das Gesetz keine Personen verfolgt wurden, vielmehr habe sich die Stoßrichtung des Gesetzes gegen bestimmte Werke gerichtet.

Diese Argumentation dürfte allerdings nur ein Grund dafür sein, warum das Gesetz nicht angetastet wurde. Im Zuge der "Verwertung" der Bilder waren sie auf der ganzen Welt veräußert worden. Durch eine Annullierung des Gesetzes wäre diesen Transaktionen die rechtliche Grundlage entzogen worden. Eine Rückforderung der Werke durch die früheren Eigentümer würde heute nicht zum Erfolg führen.[23] Für die Kunstwerke, die im Zuge der Aktion "Entartete Kunst" aus öffentlichen Sammlungen Deutschlands vom Staat entfernt wurden, ist ohnehin ein anderer Gesichtspunkt entscheidend. Soweit die staatlichen Sammlungen Opfer der Aktion "Entartete Kunst" wurden, waren sie doch schicksalhaft zugleich mit dem Staat verwoben, der die Eingriffe vornahm. Rückforderungen staatlicher Museen gelten daher als rechtlich nicht durchsetzbar.[24]

Fußnoten

19.
Vgl. Roland März u.a., Kunst in Deutschland 1905 - 1937, Berlin 1992.
20.
Vgl. Dossier der Forschungsstelle "Entartete Kunst" an der FU Berlin vom 15.12. 2004.
21.
RGBl 1938, I, 612.
22.
Vgl. Alfred Hentzen, Die Berliner Nationalgalerie im Bildersturm, Köln-Berlin 1971, S. 53.
23.
Vgl. Carl-Heinz Heuer, Die Kunstraubzüge der Nationalsozialisten und ihre Rückabwicklung, in: Neue Juristische Wochenschrift, (1999), S. 2558ff.
24.
Vgl. Stellungnahme des Präsidenten der SPK, Klaus-Dieter Lehmann, vom 23.8. 1999.

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