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24.8.2009 | Von:
Hermann Parzinger

Folgen des Zweiten Weltkriegs für Kunst- und Kulturgüter

"Beutekunst"

Der Tabu-Bruch, den das NS-Regime im Zweiten Weltkrieg mit seinem Kunstraubzug beging, bewirkte, dass die Sowjetunion nach Kriegsende als Gegenreaktion auf direkte Weisung Stalins "Trophäenkommissionen" der Roten Armee zur Requirierung von deutschen Kunst- und Kulturgütern einsetzte.[25] Unmittelbar nach Einstellung der Kampfhandlungen im Mai 1945 beschlagnahmten diese in deutschen Kultureinrichtungen über 2,6 Millionen Kunstwerke, mehr als sechs Millionen Bücher und unzählige Kilometer von Archivalien zum Abtransport in die Sowjetunion. Berlin, Dresden und Potsdam, auch Schwerin, Gotha, Leipzig und Dessau hatten massive Verluste zu beklagen, und insgesamt 80 Museen in Deutschland leiden noch heute unter den massiven Verlusten.

Die Sowjetunion betrachtete die nach 1945 aus Deutschland abtransportierten Kulturgüter jedoch zunächst noch als das geistige und kulturelle Erbe des deutschen Volkes. Seit 1955 kam es zu Rückführungen, zunächst der verlagerten Gemälde aus der Dresdner Galerie. Ab Herbst 1958 übergab die Sowjetunion umfangreiche Bestände aus Berlin, Potsdam, Gotha, Leipzig, Dessau und Schwerin sowie anderen Orten an die Regierung der DDR. Über 300 Eisenbahnwaggons aus Moskau und Leningrad mit etwa 1,5 Millionen Werken trafen in Berlin ein, darunter so Einmaliges wie die Friesplatten des Pergamon-Altars, Donatellos "Madonna mit Kind", Botticellis Illustrationen zu Dantes "Göttlicher Komödie", aber auch Adolph von Menzels "Das Eisenwalzwerk" und eine Vielzahl anderer unersetzlicher Werke der Weltkunst.

In umgekehrter Richtung gab es ebenfalls Rückführungen. Die Westalliierten hatten die in ihren Besatzungszonen liegenden Kunstgüterdepots in Collecting Points in Wiesbaden (USA), Celle (GB) und Tübingen (F) zusammengezogen. Dort identifizierbare Kunst- und Kulturgüter wurden umgehend zurückgegeben. Mehr als 500000 Objekte kehrten auf diese Weise zwischen 1945 und 1949 sowie 1952/53 nach Russland zurück. Umfangreiche Nachforschungen nach russischen Beständen gab es nach der Wiedervereinigung ab 1990. Die wenigen entdeckten Einzelstücke sind umgehend an die Russische Föderation zurückgegeben worden. Der größte Teil der heute von Russland vermissten Kunst- und Kulturgüter ist indes durch Zerstörung unwiederbringlich verloren gegangen.

Trotz der erheblichen Rückführungen durch die Sowjetunion in den Jahren 1955 und 1958 werden noch etwa eine Million Kunstwerke, darunter 200000 Stücke von besonderem musealen Wert, in Russland und den umliegenden Staaten vermutet. Dort, wo deutschen Fachleuten der Zugang zu Depots und Sonderarchiven gewährt wird, ist der Aufenthaltsort der verlagerten deutschen Werke bekannt, so die frühbronzezeitlichen Depotfunde aus Troja ("Schatz des Priamos") oder der Eberswalder Goldfund sowie Teile des Vorkriegsbestandes der "Ostasiatischen Sammlung" des heutigen Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin. Die Werke lagern in Moskau und St. Petersburg. Neben den Kunstwerken aus musealen Sammlungen sind auch Bücher und Archivalien betroffen. Es werden noch etwa 4,6 Millionen Bücher und Handschriften sowie drei Regalkilometer Archivgut in Russland vermutet, überwiegend mit unbekanntem Aufenthaltsort.[26]

Der politische Wandel in Europa stellte das deutsch-russische Verhältnis auf eine neue Grundlage. Ausgangspunkt für die deutsche Haltung ist nach wie vor, dass es sich bei den noch in Russland verwahrten Kunst- und Kulturgütern um deutsches Eigentum handelt. Auf ihre Rückgabe macht die Bundesrepublik Deutschland Rechtsansprüche geltend, insbesondere, soweit es sich um Bestände aus öffentlichen Sammlungen handelt. Der deutsche Rückführungsanspruch stützt sich auf die verbindlichen völkerrechtlichen Regeln der Haager Landkriegsordnung (HLKO) aus dem Jahr 1907. Durch sie wird bis heute der Schutz von Kulturgütern in Kriegszeiten geregelt.[27]

Nach 1990 hat die Bundesrepublik Deutschland mit der UdSSR und später mit der Russischen Föderation darüber spezielle Abkommen geschlossen. Ausschlaggebend für die heutigen Verhandlungen ist der "Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit".[28] Danach sollen verschollene oder unrechtmäßig verbrachte Kunstschätze, die sich auf ihrem Territorium befinden, an den Eigentümer oder seinen Rechtsnachfolger zurückgegeben werden. Die Berufung auf diese völkerrechtliche Grundlage durch die deutsche Seite ist daher grundsätzlich folgerichtig. 1993 begannen erste Gespräche zwischen Russland und Deutschland über die Kulturgüterrückführung. Jedoch gab es rasch zunehmende innerrussische Spannungen, da die Duma-Abgeordneten eine Rückgabe mehrheitlich ablehnten.

Seit 1995 stagnieren die Gespräche, ein Jahr später erklärte die Duma die "Beutekunst" zu russischem Eigentum. Nur für Werke aus privatem, kirchlichem und jüdischem Eigentum wurden Ausnahmen zugelassen, für diese sollte eine Rückführung grundsätzlich möglich sein. Schließlich passierte das Gesetz auch den Russischen Föderationsrat. Das "Duma-Gesetz" wurde in letzter Instanz vom russischen Verfassungsgericht bestätigt und trat schließlich am 20. Juli 1999 in Kraft. Es erklärt alle deutschen Kunst- und Kulturgüter aus öffentlicher Hand, die als Folge des Zweiten Weltkrieges nach Russland verbracht worden sind, zu russischem Eigentum. Betroffen von dieser Regelung sind alle Bestände aus den deutschen öffentlichen Sammlungen, die nach dem Krieg von der Besatzungsmacht in die UdSSR verbracht wurden und sich heute in russischen Museen, Bibliotheken und Archiven befinden. Die russische Seite bezeichnete diese Inbesitznahme als "kompensatorische Restitution", die für die eigenen kriegsbedingten Verluste entschädigen sollte. Die aus deutscher Sicht völkervertraglich bindende Rückgabepflicht wurde ignoriert.

Die deutsch-russischen Verhandlungen zum Thema "Beutekunst" gestalten sich schwierig. 2007 wurden im Rahmen der Regierungskonsultationen bilaterale Facharbeitsgruppen zu klar umgrenzten Sonderthemen eingerichtet. Es geht in diesen Arbeitsgruppen durchweg um Bestände aus Kategorien, die nach dem Duma-Gesetz ausdrücklich nicht zu russischem Staatseigentum erklärt worden sind. Exemplarisch wird über die "Baldin-Sammlung" mit 362 Zeichnungen und zwei Gemälden der Kunsthalle Bremen verhandelt. Als Beispiel für eine gelungene Rückgabe nach dem Inkrafttreten des Duma-Gesetzes lassen sich vor allem die mittelalterlichen Glasfenster der Marienkirche in Frankfurt/Oder anführen, die überwiegend 2002 und dann Ende 2008 vollständig von der russischen Regierung restituiert wurden.

Unbeschadet der nach wie vor klärungsbedürftigen Rechtsfragen und der schwierigen Verhandlungssituation auf politischer Ebene haben sich die Fachkontakte zwischen deutschen und russischen Museen, aber auch zu georgischen und ukrainischen Museen und Bibliotheken weiterentwickelt. Intensiviert wurden sie insbesondere durch gemeinsame Ausstellungen seit 1998. Mit der Ausstellung "Europa ohne Grenzen" zur Welt der Merowinger 2007 erreichte die Kooperation eine neue Dimension. Wieder wurden dabei kriegsbedingt verlagerte Bestände des Museums für Vor- und Frühgeschichte gemeinsam mit Leihgaben aus Berlin präsentiert. Die Ausstellung fand in Moskau und St. Petersburg große öffentliche Aufmerksamkeit. In einem umfangreichen mehrsprachigen Katalog wurden dabei neben einer beträchtlichen Menge an Fachinformationen und neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen auch die rechtlichen Standpunkte der beiden Regierungen zum Thema "kriegsbedingt verlagerte Kunst- und Kulturgüter" dargelegt, ein Novum in den deutsch-russischen Beziehungen

2005 haben sich die drei großen Museumskomplexe in Berlin, Dresden und Potsdam zusammen mit der Kulturstiftung der Länder zu einer gemeinsamen Initiative entschlossen, die auf der Fachebene zu einem Zusammenschluss aller von dieser Problematik betroffenen deutschen Museen geführt hat. Auf einer Vollversammlung in Berlin im November 2005 wurde der "Deutsch-Russische Museumsdialog" gegründet. Diese Nichtregierungsorganisation umfasst bisher über 80 deutsche Museen. Der von diesem Dialog ausgehende Impuls für den Aufbau eines bilateralen Expertennetzwerks ist ausgesprochen wichtig und gewinnbringend, und zwar sowohl für die notwendige und bislang nicht umfassende Bestandsaufnahme von kriegsbedingt verlagerten Kunst- und Kulturgütern in Russland und Deutschland als auch für den Austausch und die Kooperationen unabhängig von der "Beutekunst".[29] Die gute deutsch-russische Zusammenarbeit auf der Ebene der Museen und im Kultur- und Wissenschaftsbereich insgesamt wird schon seit Jahren von beiden Seiten mit großem Interesse und vielfältigem Engagement betrieben; diese Form der Kooperation muss im 21. Jahrhundert als Chance genutzt werden.

Fußnoten

25.
Im Textbeitrag wird exemplarisch ausschließlich auf die besonderen deutsch-russischen Kulturgutrückführungsbemühungen eingegangen. Unter anderen historischen Vorzeichen wie auch unterschiedlichen rechtlichen Voraussetzungen gibt es bilaterale Gespräche auch mit Polen, der Ukraine und Georgien.
26.
Vgl. Günther Schade, "Kriegsbeute" - oder "Weltschätze der Kunst, der Menschheit bewahrt"?, in: Jahrbuch der SPK, (2004), S. 199 ff; Klaus-Dieter Lehmann/Günther Schauerte (Hrsg.), Kulturschätze - verlagert und vermisst. Eine Bestandsaufnahme der Stiftung Preußischer Kulturbesitz 60 Jahre nach Kriegsende, Berlin 2004.
27.
Vgl. S. Schoen (Anm. 2).
28.
BGBl 1991, II, 702.
29.
Vgl. Britta Kaiser-Schuster, Die Initiative Deutsch-Russischer Museumsdialog, in: Museumskunde, 73 (2008) 1, S. 41.

Dossier

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