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31.7.2009 | Von:
Rolf Haubl

Wahres Glück im Waren-Glück?

Konsumgüter erweisen sich zunehmend als ein Belohungssystem, das nicht zuletzt der Kompensation psychosozialer Mangelzustände dient. Doch nur wer kompetent konsumiert, hat die Chance einer bedürfnisgerechten Befriedigung.

Einleitung

Wenn moderne Gesellschaften als Konsumgesellschaften beschrieben werden, dann impliziert dies eine Reihe von Bestimmungsmerkmalen: Nicht jeder Gebrauch und Verbrauch von Gütern ist Konsum. Zum Konsum gehört, dass die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger nicht mehr um ihr Überleben kämpfen muss. Stattdessen geht es jetzt um die Gestaltung des Lebens mit Hilfe von Gütern, für die keine Notwendigkeit, dafür aber die Freiheit der Wahl besteht. Vorsichtiger formuliert: Die Notwendigkeit physischer Existenzsicherung wird von der Notwendigkeit sozial-distinktiver Existenzsicherung abgelöst. Damit verbunden ist die Massenproduktion von Gütern für einen anonymen Markt kaufkräftiger Kundinnen und Kunden, was heißt: Konsumgesellschaften sind immer auch Gesellschaften des Warentausches, der Monetarisierung und des (relativen) Wohlstandes.






In einer entwickelten Konsumgesellschaft werden nicht nur Güter als Waren produziert, sondern gleichzeitig wird auch der Versuch unternommen, die Bedürfnisse zu produzieren, die eine steigende Nachfrage nach den betreffenden Waren sichern. Psychostrukturell setzt dies Konsumenten voraus, die keine dauerhaften Bindungen an Güter entwickeln, sondern stets bereit sind, sogar gebrauchsfähige alte Güter durch neue zu ersetzen. In dieser Hinsicht ist die Konsumgesellschaft immer auch eine Wegwerfgesellschaft, deren Müllberge mindestens so schnell wachsen wie ihre Warenlager.

Spätestens dieses Bestimmungsmerkmal fordert zu einer wertenden Stellungnahme des Begriffes der Konsumgesellschaft heraus. Deshalb führt die Konsumkritik,[1] die den Siegeszug der Konsumgesellschaft bis heute begleitet, Bestimmungsmerkmale an, die diesen Typ moderner Gesellschaften und seine Befürworterinnen und Befürworter zu ächten suchen. So gilt ihr die Konsumgesellschaft als eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich nicht dafür interessieren, unter welchen Bedingungen die Waren, die sie kaufen, produziert worden sind: Statt der globalen Ausbeutung nicht erneuerbarer Rohstoffe und billiger Arbeitskräfte entgegenzutreten, stehlen sich die Konsumenten aus ihrer Mitverantwortung. Faktisch in einen globalen Schuldzusammenhang verstrickt, ignorieren sie alles, was ihre narzisstische Lebensführung in Frage stellen könnte.

Für Konsumgesellschaften ist der Glaube konstitutiv, dass das subjektive Wohlbefinden der Bürger maßgeblich davon abhängt, wie gut sie mit Konsumgütern ausgestattet sind. Die Konsumkritik stellt diesen Glauben unter Ideologieverdacht: Er diene dazu, dass sich die Bürger von der politischen Öffentlichkeit fern halten; dass sie sich mehr für eine Demokratisierung des Konsums als für eine demokratische Kontrolle der Herrschenden einsetzen und damit letztlich blind für die politische Partei votieren, die ihnen eine Glück verheißende Güterausstattung verspricht.

Fußnoten

1.
Vgl. Detlef Briesen, Warenhaus, Massenkonsum und Sozialmoral, Frankfurt/M. - New York 2001.