30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

31.7.2009 | Von:
Ingo Schoenheit

Nachhaltiger Konsum

Das Ende der Konsumfreiheit?

Konsumprodukte und konsumnahe Dienstleistungen versprechen das Leben derjenigen, die sie kaufen oder für die sie gekauft werden, schöner, bequemer, interessanter, einfach "besser" zu machen. Werden Produkte gekauft, dann bedeutet das im Zirkelschluss, dass sie einen Nutzen für Konsumenten haben, und ob sie wirklich nützlich sind, entscheidet allein der Konsument. Die sich am Markt artikulierenden Präferenzen der Konsumenten, welche es auch immer sein mögen, sind sakrosankt. Ihnen nach eigenem Gusto nachzugehen, gilt häufig als eindrucksvollster Beleg einer freien Gesellschaft. Nur dort, wo gravierende Risiken für die Gesundheit und Sicherheit der Konsumenten auftreten, erlaubt sich der Staat, die Konsumfreiheit einzuschränken. Er verbietet beispielsweise preiswertes Gammelfleisch, schränkt Werbung für Zigaretten ein und verbannt Cadmium aus dem Kinderspielzeug. All dies dient dem Konsumenten, seiner Sicherheit und Unversehrtheit. Wird die Gesundheit der Konsumenten durch eine umsichtige Verbraucherpolitik geschützt und steht ein vielfältiges Produktangebot zur Verfügung, dann ist die Konsumfreiheit weitgehend garantiert. Verfügen Konsumenten nun auch noch über genügend Kaufkraft und existiert auf den Märkten ein funktionierender Qualitäts- und Preiswettbewerb, dann ist das Konsumparadies nicht mehr weit. Die von der Standardökonomie unterstellte Basiserwartung der Konsumenten, "viel Leistung für wenig Geld", kann dann in aller Regel erfüllt werden. Nachhaltig ist dieses Konsumparadies jedoch nicht. Der Befund ist eindeutig: Der vorherrschende Konsumstil ist alles andere als gerecht und zukunftsfähig. Sind mit diesem Befund die Tage einer Gesellschaft, die ihren Wohlstand vor allem über den Konsum definiert, die dem Konsumismus in der einen oder anderen Form huldigt und die Konsumfreiheit des Einzelnen nur in Ausnahmen einschränkt, schon gezählt? Die prominenten Stimmen derjenigen, die ein Umsteuern des Lebens- und Konsumstils fordern, wie er in den Industrieländern gepflegt wird, sind nicht zu überhören.[5]

Aber wer soll anfangen, seinen Konsumstil zu ändern? "I will if you will" heißt eine britische Broschüre, die schon im Titel versucht, der Trittbrettfahrermentalität den Wind aus den Segeln zu nehmen.[6] Nach der aktuellen Studie des Umweltbundesamtes sind 84 Prozent der befragten Bürgerinnen und Bürger davon überzeugt, mit umweltbewusstem Einkaufsverhalten wesentlich zum Umweltschutz beitragen zu können. Doch 80 Prozent wären nur dann bereit, mehr für den Umweltschutz zu tun, "wenn alle so handeln würden".[7] Alle, das sind nicht nur alle Bürgerinnen und Bürger, die mit ihrer Nachfragemacht das Angebot beeinflussen, sondern auch die Wirtschaft, die entscheidet, welche Güter sie produziert und anbietet, und die Politik, die den Ordnungsrahmen für den Wettbewerb und Markt schafft. Doch wer soll den ersten deutlichen Schritt in Richtung nachhaltigen Konsum gehen?

In vielen Industrieländern setzt sich die Einsicht durch, dass die westlichen Länder, in denen 20 Prozent der Weltbevölkerung leben und deren Wirtschaft und Konsum für 80 Prozent des Umweltverbrauchs verantwortlich sind, mit gutem Beispiel vorangehen und ihren Ressourcenverbrauch drastisch senken müssen.[8] So verfolgt beispielsweise die Europäische Union mit ihrem Programm zur Förderung nachhaltiger Produktions- und Konsummuster das Ziel, den Energieverbrauch von Produkten durch verschiedene Vorgaben drastisch zu reduzieren. Die Leitidee des nachhaltigen Konsums ist also längst der Bio- und Körnerecke entwachsen. Sie beeinflusst heute nicht nur einen Teil der Konsumenten, die sich bei ihren Kaufentscheidungen auch von ökologischen und sozialen Erwägungen leiten lassen. Die Leitidee des nachhaltigen Konsums beeinflusst dort, wo sie politikrelevant geworden ist, in Teilen heute schon die Industrie-, Verkehrs- und Umweltpolitik.[9]

Bereits in den 1970er Jahren wurde vereinzelt vorgeschlagen, dem Verbraucher eine umfassendere Verantwortung für die Gesellschaft bzw. für die Umwelt zuzusprechen. Von "qualitativem Konsum" oder auch "ökologisch verantwortlichem Konsum" wurde gesprochen.[10] Seit auf der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung im Jahre 1992 in Rio mit dem Begriff "Sustainable Development" bzw. "Nachhaltige Entwicklung" eine umfassende visionäre Leitidee für ein globales und nationales Wirtschaften formuliert wurde, gewinnen diese älteren Ansätze neue Aktualität. Sie werden in den letzten Jahren unter dem Begriff des "nachhaltigen Konsums" teilweise neu definiert und in einen breiteren inhaltlichen Kontext gestellt. [11]

In Anlehnung an die klassische Nachhaltigkeitsdefinition der Brundtland-Kommission ist Konsum dann nachhaltig, "wenn er zur Bedürfnisbefriedigung aller heute lebenden Menschen führt und die Bedürfnisbefriedigungsmöglichkeiten zukünftiger Generationen nicht gefährdet."[12] Der nachhaltige Konsument ist in diesem Konzept kein egoistischer Nutzenoptimierer mehr, sondern ein ökologisch und sozial verantwortlicher Bürger, der die Folgen seines Handelns auch und gerade im Konsum bedenkt. Der nachhaltige Konsum schränkt - so die bisher dominierende Sicht - die Konsumfreiheit nicht ein, sondern ermöglicht es, diese verantwortlich auszugestalten. So betont auch die Bundesregierung in ihrer nationalen Nachhaltigkeitsstrategie den hohen Stellenwert von nachhaltigen Produktions- und Konsumstrukturen, wobei insbesondere dem Verbraucher als Akteur eine besondere Rolle zugesprochen wird, denn er "trägt die Verantwortung für die Auswahl des Produkts und dessen sozial und ökologisch verträgliche Nutzung".[13] Doch nicht nur der individuelle Konsument rückt ins Blickfeld, denn "zur Verwirklichung nachhaltigen Konsums (...) gehören auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen, die es den Menschen ermöglichen, diesem Bewusstsein gemäß zu handeln".[14]

Beim nachhaltigen Konsum handelt es sich offensichtlich um ein normatives Leitbild, das sich mit dem Festhalten an den Grundprämissen der Konsumfreiheit nur sehr mühsam umsetzen lässt. Die paradoxe Frage, die den schwierigen Kompromiss zwischen Konsumfreiheit und Nachhaltigkeit thematisiert, lautet: Was kann getan werden, damit Konsumenten wollen, was sie sollen? Sind Konsumenten überhaupt bereit und sind sie dazu in der Lage, ihren Konsum in Richtung Nachhaltigkeit freiwillig, durch eigene Einsicht oder durch die schleichende Einübung neuer Konsummuster zu verändern? Und was bedeutet das im Einzelnen für unterschiedliche Konsumentengruppen, von denen einige - schlichtweg deshalb, weil sie ein geringes Haushaltsbudget haben - über alles Mögliche, aber nicht über einen "nachhaltigen Konsum" nachdenken? Was kann der Staat, was kann die Wirtschaft, können Hersteller und Einzelhandel tun, damit nachhaltige Produkte und Dienstleistungen verstärkt nachgefragt werden? Sorgen neue Informationsangebote, die nachhaltige Produkte deutlich kenntlich machen, tatsächlich dafür, dass unser Konsum "nachhaltiger" wird? Oder müssen - wie die Vertreter der Standardökonomie argumentieren - schlichtweg die Preise für weniger nachhaltige Produkte erhöht werden?

Mit der Leitidee des nachhaltigen Konsums sind zurzeit mehr Fragen als überzeugende Antworten verbunden. Die Politik konzentriert sich im Wesentlichen auf die explizite Auslobung, die argumentative und punktuell auch um die finanzielle Förderung des nachhaltigen Konsums. Allerdings ist mit dieser Auslobung immer auch schon die Unterscheidung von "richtigem" und "falschem" Konsum verbunden. Die Verlockungen, durch steuerliche Anreize, aber auch durch Auflagen und Verbote die Konsumfreiheit schrittweise einzuengen und den Konsum - und damit auch die Produktion - fallweise in Richtung Nachhaltigkeit zu steuern (siehe Glühlampenverbot), sind deshalb nicht zu unterschätzen.

Die beiden wichtigsten Ansatzpunkte, wie in der Europäischen Union die Leitidee des nachhaltigen Konsums umgesetzt wird, konzentrieren sich auf die Förderung energieeffizienter Produkte und eine verbesserte Information der Konsumenten.

Fußnoten

5.
Vgl. Horst Köhler, Wer verbraucht, gestaltet. Rede von Bundespräsident Horst Köhler beim Deutschen Verbrauchertag am 9. Juli 2007 in Berlin (www.bundespraesident.de).
6.
Vgl. Greg Stevenson/Beth Keehn (Hrsg.), I will if you will. Towards sustainable consumption, London 2006.
7.
Vgl. Umweltbundesamt (Hrsg.), Umweltbewusstsein in Deutschland 2008. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, Berlin 2008.
8.
Vgl. Umweltbundesamt, Nachhaltiges Deutschland. Wege zu einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung, Berlin 19982.
9.
Vgl. Frieder Rubik u.a., Innovative Approaches in European Sustainable Consumption Policies.
Diskussionspapier des IÖW 66/06, Berlin 2009.
10.
Vgl. Ingo Schoenheit, Politischer Konsum. Ein Beitrag zum faustischen Konsumentenverhalten, in: Michael Jäckel (Hrsg.), Ambivalenzen des Konsums und der werblichen Kommunikation, Wiesbaden 2007, S. 211 - 234.
11.
Vgl. Die Bundesregierung, Perspektiven für Deutschland. Unsere Strategie für eine nachhaltige Entwicklung, Berlin 2002; vgl. imug - Institut für Markt-Umwelt-Gesellschaft, Der nachhaltige Warenkorb - eine Hilfestellung für den nachhaltigen Konsum, Hannover 2002.
12.
Ulf Schrader/Ursula Hansen, Nachhaltiger Konsum, in: UmweltWirtschaftsForum (UWF), 10 (2002) 4, S. 12 - 17.
13.
Vgl. Die Bundesregierung (Anm. 11), S. 3.
14.
Vgl. Umweltbundesamt, Aktiv für die Zukunft - Wege zum nachhaltigen Konsum. Tutzinger Erklärung, Berlin 2001.