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APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Reinhard Brandt

Dinge - Bilder - Denken

Dinge und Personen lassen sich nicht beliebig zu erkennbaren Bildern machen; auch ist das Denken der Bildgebung entzogen. Dazwischen sind die Bilder als Zwischenwesen und Medien angesiedelt: im Bereich des äußeren Sehsinnes wie der inneren Imagination.

Einleitung

Schon die Natur spielt uns die ersten Bilder zu, das Spiegelbild im Wasser oder die Fata Morgana in der Luft; und in der Flamme des Lagerfeuers sehen wir Kopf und Hörner des Wahrhaftigen. Narziss sieht sich im Quellwasser und ruft erstaunt aus: "Der dort bin ich." Natürlich ist er es nicht, sondern er sieht sich selbst im Bild, wie wir wissen. Sich selbst würde er sehen, wenn er seine Arme und Beine und seinen Leib unmittelbar betrachtete. Der Hund in der Fabel des Äsop lässt die reale Beute fahren, um auch noch nach der zweiten, dem Bild im Wasser, zu schnappen. So sehen wir es; der Hund selbst wird nie erkennen, dass es sich um ein Spiegelbild handelte, weil er zwischen Wirklichkeit und Bild nicht unterscheiden kann, sondern lernt, dass es optische Phänomene gibt, denen nachzujagen sich nicht lohnt. Die Fata Morgana ist das Bild einer fernen Oase, das Nähe vortäuscht. Solange der Mensch Opfer der Täuschung ist, sieht und erkennt er das Luftbild nicht als Bild, erst wenn er sich von der Illusion befreit hat, unterscheidet er zwischen der wirklichen Oase und ihrer Spiegelung. Sind bestimmte Formationen in der Flamme oder in den Wolken Bilder, etwa von Gesichtern, wenn wir sie als solche sehen? Und wie steht es mit den natürlichen Traumbildern in szenischer Abfolge, an die wir uns wie an einen Film erinnern können? Nach allen Indizien sind auch Tiere, etwa Haushunde, befähigt zu träumen. Sehen sie im Traum die Szenen einer Jagd? Wir wissen es nicht; das Tier erkennt seine Träume sicher nicht als solche, weder in der Traumsituation noch in der Retrospektive. Der Mensch dagegen erkennt im Traum gewöhnlich nicht die Bilder als Bilder, sondern nimmt sie innerlich als Realität wahr und urteilt erst post festum, dass es bloß Bilder der Phantasie waren, Schreckens- oder Lockbilder oder gefühlsneutrale.






Die natürlichen Bilder des Sehsinnes lassen sich paradoxerweise künstlich produzieren in Form von Lichtbildern oder Fotografien und Filmaufnahmen, also in statischer oder bewegter Form. Bei ihrer artifiziellen Erzeugung bedient man sich bis hin zur Digitalkamera natürlich-kausaler Prozesse. Wie beim Experiment im Labor arrangieren wir die Ausgangsbedingungen, und mit dem "Klick" nimmt die Natur allein hier und dort ihren vorbestimmten Lauf. Daher war es anfangs schwer, den derart zustande gekommenen Bildern den Titel eines Kunstwerks zuzusprechen; der Produzent ist eigentlich die geschickt arrangierte Natur. Durch Retuschen kann man dieser ein wenig nachhelfen, Altersfalten freundlich zum Verschwinden bringen, die Nase etwas menschlicher gestalten und den Blick entschlossener. Beim Original müssen die Chirurgen helfen. Wenn man das Ölgemälde als Bild akzeptiert, dann ist auch das Foto, das nur übermalt wurde, ein Bild, dann aber auch der Reflex im Wasser; eine Zäsur zwischen diesen verschiedenen Stufen ist nicht möglich und nicht nötig, es sei denn, es wird die Wirklichkeit nach der eigenen Theorie geordnet und nicht, wie es doch sein sollte, die Theorie nach der Wirklichkeit.

Zweidimensionale Kunstbilder wie die der Malerei oder auch dreidimensionale Standbilder der Skulptur entstehen traditionell nicht durch eine programmierte Kausalität der Natur, sondern durch eine von einem Menschen gesteuerte Bewegung seines eigenen Körpers unter Zuhilfenahme meist eines statischen Instruments, etwa eines Pinsels, vielleicht auch eines Schwammes oder Meißels, manchmal genügen auch die eigenen Hände. Das gilt auch für die abstrakte Malerei etwa von Gerhard Richter. Aber es gibt auch andere Verfahren: Indianer im Norden Amerikas bildeten den Küstenverlauf durch Einkerbungen in einem Stück Holz ab und hatten dadurch eine erste Landkarte, ein Bild von der Natur. Die ersten Höhlenmaler werden vielleicht keine Pinsel benutzt haben, aber doch etwas Ähnliches; die ersten Idole wurden geschnitzt, aus Lehm mit den Händen geformt oder in Metall gegossen. Masken werden von Maskenbildnern geschnitzt oder geformt. Diese vielfältigen Bilder also entstehen durch die körperlichen Tätigkeiten derjenigen, welche sie herstellen. Die Handlungen der Erzeugung von Kunstbildern sind sozialer Natur; der Produzent will in eine bestimmte Öffentlichkeit der Menschen oder auch Dämonen hineinwirken. Dabei gibt es, so können wir unterscheiden, zwei Richtungen, die eine ist im weitesten Wortsinn magisch, die andere rational. Die magische Richtung beschwört den Betrachter oder Mitakteur etwa in Kulthandlungen, die andere gehört in eine zauberfreie Welt des Erkennens. Sie gibt es nicht erst in der Neuzeit, sondern schon in Frühkulturen, man denke an die witzigen Bilder auf Gegenständen des Alltags. In der Bilderwelt der Magie wohnt, so stellt man es sich vor, in den Bildern eine Kraft, sie sind belebt, sie begehren etwas, sie können Nutzen und Schaden stiften. Hier gibt es die unterschiedlichsten Varianten vom Heiligen- zum Herrscherbild, die teilhaben am Sakralen und deren Herabsetzung geahndet werden kann. Sodann gibt es die erotischen Bilder, die man schon in den Frühkulturen findet; sie dienen weder der bloßen Erkenntnis noch der religiösen Magie, sondern der Stimulierung von Begehren, als ob sie lebendig wären: Pornographie.