APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Elke Grittmann

Das Bild von Politik: Vom Verschwinden des entscheidenden Moments

Politische Bildberichterstattung im Wandel

Emotionalisierung: Zwar konzentriert sich die politische Pressefotografie nach wie vor auf situative Momente im Kontext von Ereignissen. Die Ausschnitte werden - von den Fotografen oder den Redaktionen - jedoch inzwischen auf ein Minimum reduziert. Personen stehen im Vordergrund, der Raumkontext ist - wie bei Porträts - stark reduziert und nur in Ausnahmefällen überhaupt erkennbar. Diese Intimisierung und Reduktion des Handlungskontextes geht mit einer starken Fokussierung auf Emotionen der Fotografierten einher. Inzwischen sind in fast in jedem zweiten Bild der politischen Bildberichterstattung der Qualitätspresse emotionale Mimik und Gebärden zu sehen. Dass heute vermehrt Emotionen anstelle von Handlungszusammenhängen gezeigt werden, hat weitreichende Konsequenzen für die Funktion von Pressefotos. Im Kontext der Berichterstattung dokumentieren diese Bilder weniger den Moment eines Ereignisses, sie repräsentieren dieses nicht mehr. Stattdessen werden Mimik und Gebärde politischer Akteure zu Symbolen für Entwicklungen, wie beispielsweise für den aktuellen Stand im Wahlkampf oder für die Beziehungen zwischen Staaten. Die politische Pressefotografie entwertet sich auf diese Weise selbst. Die Dekontextualisierung macht diese Emotionsfotos jedoch auch anfällig für eine willkürliche Rekontextualisierung im Zeitungszusammenhang. Der entscheidende Moment den die Pressefotografie in ihren Selbstbeschreibungen immer wieder preist, erzählt keine Geschichte mehr, er ist nur noch ein Gefühl.

Inszenierung: Die Politik hat sich in Bezug auf ihre visuelle Darstellung auf die Selektionsmechanismen und Strategien der Pressefotografie eingestellt. Auch das ist kein grundsätzlich neues Phänomen. Bereits Konrad Adenauer hat sich bewusst als Boccia-Spieler und Rosenzüchter fotografieren lassen. Neu ist jedoch die Professionalität, mit der Politikerinnen und Politiker ihre photo opportunities planen und zu kontrollieren suchen. Sie setzen dabei auf den Pawlowschen Reflex der Fotojournalisten, bei geeigneten Motivhäppchen zuzuschnappen. Die ständige Weiterentwicklung einer demokratisch zu deutenden Ikonografie speist sich daraus, dass die Politik den Bedarf an Bildern kennt (Mediennachfrage) und entsprechende Angebote macht. Die Authentizitätsstrategien des Fotojournalismus laufen dabei Gefahr, zur eigenen Inszenierungsfalle zu werden. Authentisch ist nicht der aufgenommene Moment, sondern lediglich seine Inszenierung. Für die Betrachtenden ist eine Inszenierung, sofern sie im Widerspruch zu ihrem Bedeutungsgehalt steht, nur durch übersteigerte Formen oder durch die Diskrepanz zu den im Text geschilderten Ereignissen zu entlarven. Welche Funktion haben solche Aufnahmen dann noch? Und wie wirken sie sich auf die Glaubwürdigkeit des Fotojournalismus aus?

Eventisierung statt Recherche: Als Daniel Dayan and Elihu Katz 1992 ihre inzwischen zum Klassiker avancierte Arbeit über Media Events veröffentlichten, bezogen sie sich auf herausragende Ereignisse wie die Landung auf dem Mond, die Olympischen Spiele oder die Krönung der Queen.[25] Wie beispielsweise der G8-Gipfel 2007 in Heiligendamm gezeigt hat, führt der Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit zu kompletten Inszenierungen von Ereignissen durch politische Akteure. Nicht nur die Politik, auch soziale Bewegungen und Nichtregierungsorganisationen sind inzwischen hochgradig professionalisiert und besonders erfindungsreich in der Entwicklung bildträchtiger Aktionen.[26] Für die Politik ist das als Folge des medialen Drucks beklagt worden.[27] Aus Medienperspektive weisen solche politischen Ereignisse zunächst einen hohen Nachrichtenwert auf (z.B. durch Konflikt, Elite-Personen, Elite-Nationen), politische Bilder ermöglichen einen Einblick. Die Vorteile liegen auch für den Fotojournalismus auf der Hand: Die Planbarkeit ermöglicht den effektiven Einsatz von Mitteln, die gut gewählten Locations bieten attraktive Bildmotive. Die Konsequenzen dieser "Eventisierung" für den Fotojournalismus sind jedoch nicht ganz so offensichtlich: Eine Recherche ist angesichts der fast in Echtzeit verbreiteten Bilder kaum noch möglich und vielen Medien inzwischen im Vergleich zu teuer. Neue, ungewöhnliche Einblicke sind in der tagesaktuellen Berichterstattung über konkrete Ereignisse hinaus nicht zu erwarten.

Digitalisierung und der Bilderhunger des Internets: Die Digitalisierung hat diese Entwicklung erst ermöglicht. Die digitale Technik durchdringt inzwischen den gesamten fotojournalistischen Arbeitsprozess: von der Aufnahme, über die schnelle Versendung in die Agenturen und Redaktionen bis hin zur direkten Verarbeitung im Ganzseitenlayout an den Bildschirmen der Redakteurinnen und Redakteure. Das hat nicht nur zu einer Beschleunigung in der politischen Pressefotografie geführt - Bilder stehen nunmehr gering zeitverzögert nach ihrer Aufnahme auch den Redaktionen zur Verfügung -, sondern auch zur Vervielfachung der Bildproduktion. Immer mehr Bilder können in immer kürzerer Zeit aufgenommen, verschickt und verarbeitet werden.

Der Einzug von Amateurfotos in die Berichterstattung ist als neue Partizipationsform der Rezipienten auch erst durch den technischen Fortschritt möglich.

Die rasante Entwicklung des Internets mit seinem unersättlichen Hunger nach Bildern bietet dabei eine neue Plattform. Hier können Bilder gleich in ganzen Serien abgerufen werden, um für möglichst viele page impressions der Anbieter zu sorgen. Die Aufnahme des "entscheidenden Augenblicks", die stets auch auf der Professionalität der Fotografierenden basiert, verliert an Bedeutung. Der Auswahlprozess verlagert sich zunehmend in die Redaktionen. Gleichzeitig ermöglicht die digitale Technik einen globalen Austausch der Bilder und die Entwicklung einer global vermarktbaren Bildsprache. Welche Folgen dies für die bislang gewohnten Darstellungskonventionen und Inhalte politischer Bilder und damit unsere politische Bildkultur hat, lässt sich derzeit noch nicht absehen.

Fußnoten

25.
Vgl. Daniel Dayan/Elihu Katz, Media Events. The Live Broadcasting of History, Cambridge/MA-London 1992.
26.
Zur Professionalisierung von NGOs vgl. Sigrid Baringhorst, Zur Mediatisierung des politischen Protests. Von der Institutionen- zur "Greenpeace-Demokratie"?, in: Ulrich Sarcinelli (Hrsg.), Politikvermittlung und Demokratie in der Mediengesellschaft. Opladen-Wiesbaden 1998; Dieter Rucht, Medienstrategien sozialer Bewegungen, in: Neue soziale Bewegungen, 16 (2003) 1, S. 7 - 13.
27.
Zur Event-Politik vgl. Th. Meyer (Anm. 5).