APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Hans-Jürgen Pandel

Schrift und Bild - Bild und Wort

Bilder im Netz der Sprache

Diese bildimmanenten Mittel haben jedoch ihre Grenzen. Sie sind auf Bekanntes anzuwenden. Neues, bisher Unbekanntes lässt sich mit ihnen nicht darstellen. Deshalb werden Bilder stets mit einem sprachlichen Kontext verwoben. Schrift befindet sich im Bild selbst, unter ihm und meist um das Bild herum. Auch wenn ein Bild ohne schriftlichen Kontext präsentiert wird, wie es manchmal im Schulunterricht oder in einer Ausstellung geschieht, so ist es bereits durch das Unterrichtsthema oder das Thema der Ausstellung in einen sprachlichen Kontext eingebunden. In den modernen Druck- und elektronischen Medien sind sie stets von Sprache umgeben. Die Art und Weise dieser Verbindung von Sprache und Bild stellt ein besonderes Problem dar.

Text im Bild: Bilder bestehen zwar aus ikonischen Zeichenkomplexen, aber um ihre Schwächen zu beheben, werden in sie manchmal Texte integriert. Solche "Ikonotexte"[15] sind keine spätere Zutat von fremder Hand, sondern stammen vom Bildproduzenten selbst (vgl. Bild 1 der PDF-Version). Texte in Bilder zu integrieren, ist ein altes Verfahren, das von der Vasenmalerei in der Antike, über die mittelalterlichen Buchminiaturen bis zu den neuzeitlichen Schriftbeigaben reicht. Auch im künstlerischen Bereich wird es genutzt. Besonders bei William Hogarth (1697 - 1764) wird die Rolle der Schrift im Bild deutlich. Ebenso in Anselm Kiefers (*1945) neuer Historienmalerei ("Varusschlacht"). Die in sein Gemälde eingefügte Schrift erzeugt historische Assoziationen beim Betrachter. Sprache ist hier Bildinhalt. In dieser einfachen Form wird Schrift auf den Bildhintergrund aufgetragen.

Eine entwickeltere Variante stellt die bildliche Darstellung von Schriftträgern dar: ein Schriftband oder ein aufgeschlagenes Buch, in dem der Text zu lesen ist. In der dritten Variante ist die Schrift kein Zusatz, sondern Teil einer Handlung, die dieses Bild darstellt. In diesem Sinn wehrt sich der Bildinhalt gegen eine andere Sinnbildung, oder besser gesagt, der Bildhersteller will sichergehen, dass der Betrachter den Sachverhalt in seinem Sinn auffasst. Einem Panzer in der Werkstatt sieht man nicht an, ob er fertig ist oder ob noch Teile fehlen (vgl. Bild 2 der PDF-Version). Oder: Dass eine auf einem Foto zu sehende Gruppe von Männern vor einem geschlossenen Tor Streikende und nicht etwa Arbeitslose sind, die einen Job suchen, geht aus dem betreffenden Bild nicht hervor. Erst ein Schild reduziert Ambivalenzen. Im Zeitalter der Visualität ist eine Demonstration ohne Transparent nicht mehr denkbar.

Text unter dem Bild: Die in unserer Schriftkultur häufigste Form, Bilder in sprachlichen Kontexte einzubeziehen, sind die sogenannten Legenden, die Bildunterschriften.[16] Sie werden in den modernen Printmedien unter (seltener neben) dem Bild, außerhalb des Bildrahmens angebracht. Mittels dieser Legenden wird versucht, die oben aufgezeigten Schwächen des Bildes aufzuheben.

Bildproduzent und Legendenverfasser sind nur in seltenen Fällen identisch. Insofern gibt es auch keine "originalen" Legenden.[17] Die Verbindung von Bildinhalten und Legenden ist prinzipiell arbiträr, erfolgt also willkürlich. So haben beispielsweise die Kriegsberichterstatter im Zweiten Weltkrieg ihre Bilder aufgenommen und die Redaktion der Publikationsorgane hat ihnen Unterschriften gegeben. Dabei wurde oft eine Interpretation nahegelegt, die dem Fotografen gänzlich fremd war. Mit "Originalunterschrift" kann offensichtlich nur jene Legende gemeint sein, die dem Bild bei seinem Erstabdruck beigegeben worden ist.

Idealtypisch lassen sich drei Legendenformen unterscheiden, die aber in der Praxis in verschiedenen Mischungsverhältnissen auftreten: technische, denotative und signifikative Legenden.

Bilder benötigen in historiographischen Texten, in publizistischen Medien sowie in schulischen Lernprozessen technische Legenden. Diese beziehen sich in der Regel nicht auf den Inhalt, sondern geben die Urheberschaft (Maler, Fotograf etc.) und die technischen Verfahren an, die zu seiner Darstellung geführt haben (Gemälde, Stich, Foto etc.). Sie gehen auch auf die Zeitdifferenz von Ereigniszeit und Herstellungszeit des Bildes ein.[18] Nur im Sonderfall der Fotografie sind beide Zeitangaben identisch.

Denotative Legenden bezeichnen den Anschauungsgegenstand und erwähnen die näheren Umstände. Sie "verbürgen" sich für eine bestimmte Anschauungsweise, dass der dargestellte Sachverhalt dem entspricht, was die Legende bezeichnet. Unterschiedliche denotative Legenden variieren nur in puncto Genauigkeit und Ausführlichkeit. Sie bezeichnen nur das, "was unbeschadet ihrer Deutung in allgemeiner Evidenz gegeben ist".[19]

Signifikative Bildlegenden dagegen schreiben vor, unter welchem Gesichtspunkt man das Bild betrachten soll. Sie können bei ein und demselben Foto grundverschiedene Anschauungsinhalte hervorbringen. Signifikative Legenden sind eine Form manipulierender Texte. Sie können die Bedeutung eines Bildes auf den Kopf stellen. Dieser Legendentypus findet sich besonders häufig bei Fotos, obwohl er auch bei anderen Bildgattungen vorkommt.

Das Foto (vgl. Bild 3 der PDF-Version) ist in zwei verschiedenen Büchern abgedruckt. Es zeigt zwei sowjetische Soldaten, erkennbar an ihrer Uniform und Bewaffnung. In beiden Büchern trägt das gleiche Foto unterschiedliche Legenden:
  • "Ein verwundeter Offizier feuert seine Männer an, weiter vorzudringen, 1941"[20]
  • "Ein Soldat der Roten Armee, der verwundet um Hilfe fleht".[21]

    Was ist hier der Bildgegenstand, "Sowjetischer Fanatismus" oder "Grausamkeit des Krieges"?

    Sprache um das Bild herum: Manche Bilder entstehen als direkte Illustrationen von Texten: Griechische Mythologien, Homers Epen, die biblische Geschichte etc. Sie werden aber meist aus diesem erzählerischen Kontext herausgenommen und sollen etwas anderes als die sprachliche Überlieferung illustrieren: griechische Sachkultur, Schiffbau, technologische Entwicklung, epochenspezifischer Malstil. Dadurch entstehen besondere Probleme in der Beziehung von Text und Bild. Die überall beklagte zunehmende Bilderflut, das ausgerufene visuelle Zeitalter oder der behauptete visual turn betreffen weniger die Vielzahl der Bilder selbst, sondern das Unvermögen, die Bildinhalte sprachlich einzuholen. Bilder sind aber stets in Sprache eingebettet. Selbst die sonst so bildabstinenten Historiker haben 2006 zum ersten Mal in ihrer Verbandsgeschichte den Bildern einen Historikertag gewidmet, um diese in die Geschichtsschreibung einzubeziehen. Deshalb stellt sich die Frage, wie Text und Bild aufeinander bezogen werden. Mitchell benutzt dafür - es wurde oben bereits erwähnt - den Begriff der "Vernähung" von Schrift und Bild. Dieser Frage hat sich Hartmut Stöckl gewidmet und anhand der Werbung 13 Formen der Text-Bild-Interferenz herausgearbeitet.[22]

    Textverfasser und Bildproduzent sind in den Kompositmedien selten die selbe Person. Federführung hat in der Regel der Schreiber. Er ist es, der die "Vernähung" vornimmt. Es geht um die verschiedenen Weisen, wie Text und Bild neben- und ineinander gestellt werden. Dafür gibt es unterschiedliche Strategien.
  • Bilder ergänzen den Text, weil die Sprache nicht ausreicht, einen Sachverhalt zu beschreiben. Das gilt besonders für Sachverhalte und Gegenstände, die dem Leser unbekannt sind. Die Sprache kann beispielsweise ein Gesicht beschreiben, sie überlässt es aber der Imaginationsfähigkeit des Lesers, sich dieses vorzustellen. Es ist aber dann ein vorgestelltes und nicht das dokumentarische Gesicht.
  • Bilder werden durch signifikative Legenden dem Sinn des Textes angeglichen, obwohl der Bildinhalt etwas anderes darbietet. Das muss nicht immer in fälschender Absicht geschehen, oft weiß es der Autor des Textes nicht besser und projiziert seinen Sinn in das Bild hinein.
  • Bilder werden gefälscht, damit das Bild dem Text nicht widerspricht.

    Sprache im Kopf des Betrachters: Die These dieser Überlegung war, dass wir visuell dargestellte kulturelle Gehalte (z.B. politische, historische, religiöse) stets mit Hilfe von Sprache dekodieren. Als Gegenargument könnte vorgebracht werden, dass Erinnerungen und vorhergehende Lernprozesse den Weg über Sprache überflüssig machen. Wenn die Erinnerung am Werk ist, meint der Betrachter, Ähnliches schon gesehen zu haben. Auch wenn man einmal davon absieht, dass in unserer Gegenwartskultur alles durch Sprache präsentiert wird, bleibt die Sprache im Kopf des Betrachters dennoch am Werk.

    Wie die Differenz zweier kleiner Worte bei einem Bild einen unterschiedlichen Dokumenten- und Erzählsinn erzeugen, zeigt ein Bild - eigentlich ein Standfoto - aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg (vgl. Bild 4 der PDF-Version). Es wurde von der Reporterin Penny Marshall und ihrem Kameramann Jeremy Irvin am 5. August 1992 im serbischen Trnopolje aufgenommen.[23] Auch wenn ein Betrachter bestimmte Bildzeichen nicht für sich in Sprache übersetzt (Stacheldraht, abgemagerter Mensch), erschließt sich der Bedeutungsgehalt dieser Bildzeichen durch visuelle Erinnerung und assoziative Lernprozesse. Die Begriffe Stacheldraht und Hunger verbinden sich semantisch zu "Konzentrationslager". Den Betrachter verleitet seine Kenntnis der Bilder aus deutschen Konzentrationslagern zu einer bestimmten Sichtweise: Er deutet die Aufnahmen so, dass sich die Personen hinter dem Stacheldraht befinden. In Wirklichkeit stehen sie vor ihm. Trnopolje war als Transit- und Flüchtlingslager nicht eingezäunt. Der abgemagerte Mann in der Mitte, der Bosnier Fikret Alic, war erst vor neun Tagen nach Trnopolje gekommen. Die Begriffe "vor" und "hinter" konstituieren eine fundamentale Differenz. Sie legen zwei gegensätzliche Legenden nahe: "Opfer ethnischer Säuberungen" oder "Neugierige Flüchtlinge".

  • Fußnoten

    15.
    Peter Wagner, Reading Iconotexts. From Swift to the French Revolution, London 1995.
    16.
    Vgl. Michael Rutschky, Foto mit Unterschrift. Über ein unsichtbares Genre, in: Barbara Naumann (Hrsg.), Vom Doppelleben der Bilder. Bildmedien und ihre Texte, München 1993, S. 51 - 24.
    17.
    Vgl. Günter Kaufmann, Der Händedruck von Potsdam, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht (GWU), 48 (1997), S. 295 - 315.
    18.
    Vgl. Wolfgang Preisendanz, Verordnete Wahrnehmung. Zum Verhältnis von Foto und Begleittext, in: Sprache im technischen Zeitalter, 37 (1971) S. 1 - 8.
    19.
    Ebd.
    20.
    gettyimages 1940s. Dekaden des 20. Jahrhunderts, Königswinter 1998, S. 29.
    21.
    Schulbuch "erinnern und urteilen", Geschichte für Bayern, Stuttgart 1984, S. 136.
    22.
    Vgl. Hartmut Stöckl, Textstil und Semantik englischsprachiger Anzeigenwerbung, Frankfurt/M. 1997, S. 132f.
    23.
    Vgl. Harry Nutt, Vor dem Zaun - oder dahinter, in: Frankfurter Rundschau vom 30. Juli 2008, S. 33.