APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Gerhard Paul

Kriegsbilder - Bilderkriege

Medientechnische Rahmungen

Fotografie und Film sowie später das Fernsehen besaßen von Beginn an das zählebige Image, ein Medium der authentischen Transkription von Realität zu sein. Dies machte sie für Propagandisten interessant. Tatsächlich waren die Perspektiven auf den Krieg nie voraussetzungslos, sondern durch technische Strukturen, durch Konventionen der Genres und der Bildsprachen, durch Plots und Programmstrukturen sowie schließlich durch politische Vorgaben vorgeprägt, gleichsam in Rahmen gezwängt.

Es waren zunächst die strukturellen technischen Eigenschaften der modernen visuellen Medien selbst, die den Blick auf den Krieg eingrenzten, verstellten und immer wieder neue Sichtweisen lieferten. Sie verbannten die komplexe Realität zunächst in einen stillen rechteckigen Rahmen. Mit schweren Plattenkameras wie im Amerikanischen Bürgerkrieg oder unhandlichen Filmkameras wie im Ersten Weltkrieg ließen sich allenfalls die Pausen oder Ergebnisse der Kämpfe festhalten. Das Kriegsgeschehen wurde daher zunächst fast immer nur aus zeitlicher und räumlicher Distanz abgelichtet: aus der räumlichen Entrücktheit des Lebens in der Etappe und der zeitlichen Entrücktheit der materiellen und menschlichen Überreste der Schlacht. Nicht einfangen ließ sich mit dieser Technik vor allem der Raum des modernen Krieges, das Töten auf Entfernung.

Die Luftbildfotografie, die den Krieg aus der Vogelperspektive abbildete, begründete ein neues Sehen auf den Krieg, das sich mit den Begriffen Derealisierung und Militarisierung bezeichnen lässt. Der Gewaltakt erschien nur mehr als aufzuckender Blitz oder als Ansammlung elektronischer Bildpunkte.[9] Das Schlachtfeld reduzierte sich auf ein System von Verbindungen und Lichtzeichen. Die Betrachter nahmen den Krieg hierbei nur noch aus der Perspektive des Kampfpiloten, der Bordkanone, der Gun-Kamera oder des Satelliten wahr. Das Sehen auf den Krieg folgte damit technologischen und militärischen Sehweisen.

Mit neuen und kleineren Foto- und Filmkameras rückte der Krieg den Akteuren wie den Betrachtern zugleich immer mehr auf den Leib. Aufnahmen mitten aus dem Kampfgeschehen heraus waren nun möglich. Vor allem Hitlers Propagandakompanien lieferten massenweise solche Bilder (vgl. Bild S. 43 der PDF-Version).

Aber auch die Alliierten setzten auf die neue Perspektive, welche die Betrachter in einem bis dato unbekannten Maße in das Geschehen einbezog. Eine weitere Innovation in Richtung eines militarisierten Sehens auf den Krieg brachte die Gleichschaltung von Kamera und Waffe. Mit dem Siegeszug des Fernsehens seit dem Vietnam-Krieg und der Satellitenkommunikation hielten die laufenden Bilder des Krieges zeitnah Einzug in die privaten vier Wände. Weitere Etappen der technologischen Entwicklung sind die Bilder der Gun-Kameras sowie schließlich die Nutzung des Internets durch die Krieg führenden Parteien. Die Beschleunigung der elektronischen Bildkommunikation machte am 11. September 2001 schließlich die Übertragung eines terroristischen Angriffs in Echtzeit möglich.

Fußnoten

9.
Vgl. Manuel Köppen, Luftbilder. Die Medialisierung des Blicks, in: ebd., S. 180 - 187.