APUZ Dossier Bild

16.7.2009 | Von:
Gerhard Paul

Kriegsbilder - Bilderkriege

Die Generierung des "Bild-Ereignisses" Krieg

Die Erzeugung von Bildereignissen eigens für die globale Medienberichterstattung ist gegenwärtig die höchste Form des Bilderkrieges. Zwar hat es die Liquidierung von Menschen eigens für die Kamera und damit für das Zuschauerauge in der Geschichte des modernen Krieges - denken wir etwa an die Erschießung eines Vietcong 1968 auf offener Straße durch den Polizeipräsidenten von Saigon[17] - vereinzelt schon immer gegeben, mit den asymmetrischen Kriegen der Gegenwart indes werden Menschen zunehmend nur zu dem Zwecke getötet, sie zu kommunizierbaren Bildern zu machen. Der Akt des Tötens vor laufender Kamera steht damit erstmals im Vordergrund. Sein Ziel: die Demoralisierung des Gegners. Vor allem der islamistische Terrorismus hat sich in der Vergangenheit der energetischen Kraft von Bildern bedient und grausamste Bildereignisse erzeugt. Beim Angriff auf die Twin Towers 2001 ging es nicht in erster Linie um die Tötung von Tausenden von Menschen, sondern um die Erzeugung "grandioser" Bilder, mit denen die USA und die westliche Welt unter Schock gesetzt werden sollte. Nicht zufällig hatte man die Stadt mit der höchsten Medien- und Kameradichte der Welt gewählt. Das eigentliche Ziel der Aktion war das Auge des Zuschauers an den Bildschirmen.

Für Horst Bredekamp belegen Bildereignisse wie diese, dass der Fakten schaffende Bildakt heute ebenso wirksam ist wie der Waffengebrauch oder die Lenkung von Geldströmen. "Wir sehen gegenwärtig Bilder, die Geschichte nicht abbilden, sondern sie erzeugen." Der Zweck des Enthauptens in islamistischen Erpresservideos sei längst nicht mehr die Tötung eines Gefangenen, sondern der Bildakt, der die Augen die Rezipienten erreiche.[18] Das Ereignis ist nur mehr als "Bild-Ereignis" von Bedeutung. Damit wird zugleich das Betrachten der so generierten Bilder zu einem Akt der Beteiligung. Aus Zuschauern werden virtuelle Komplizen. Die "Tageszeitung" (taz) hat daraus die Konsequenz gezogen, solche Bilder nicht zu veröffentlichen.[19]

Fußnoten

17.
Vgl. Stephan Schwingeler/Dorothée Weber, Der Schuss von Saigon. Gefangenentötung für die Kamera, in: Gerhard Paul (Hrsg.), Das Jahrhundert der Bilder. Bd. 2: 1949 bis heute, Göttingen 2008, S. 354 - 361.
18.
"Wir sind befremdete Komplizen". Interview mit Horst Bredekamp, in: Süddeutsche Zeitung vom 28.5. 2004; siehe auch das Interview mit Bredekamp unter dem Titel "Neu ist, Menschen werden getötet, damit sie zu Bildern werden", in: Frankfurter Rundschau vom 5.1. 2009.
19.
Vgl. Die tageszeitung (taz) vom 13.5. 2004.