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6.7.2009 | Von:
András Inotai

Die globale Krise und Ungarn

Das wirtschaftliche Umfeld vor der Krise

Internationale Organisationen und Experten können die Falle einer "Modellbildung" häufig nicht vermeiden. Sie brauchen "Modelle", um Prioritäten bewiesen zu sehen oder aber "Modelle" einer Reihe von Ländern anzubieten und ihnen sogar aufzuzwingen, unabhängig von den unterschiedlichen historischen, politischen, wirtschaftlichen, institutionellen und sozialen Faktoren. Jede Modellbildung birgt erhebliche Gefahren. Erstens stellt sie eine riskante Vereinfachung dar, wenn Länder und Wirtschaftspolitiken in eine "gute" und in eine "schlechte" Gruppe eingeteilt werden. Denn in der Tat weisen alle Länder positive wie negative (wachstums- und kohäsionsfördernde wie -hemmende) Elemente in ihrer Wirtschaftspolitik auf. Aufgrund unterschiedlicher Merkmale kann man Ranglisten von Ländern aufstellen. Zweitens birgt die Modellbildung eine Gefahr für das Land, das als "Modell" vorgestellt wird, denn es könnte sich herausstellen, dass die Entwicklung einen anderen Weg nimmt, das internationale Umfeld sich ändert oder aber andere Länder zu besseren Leistungen fähig sind. Drittens verspricht die Übernahme eines "Modells" eine leichte Wahl: Man müsse nur das Modell imitieren, um sich den Schweiß und die Qualen zu ersparen, die für eine nachhaltige Entwicklung unentbehrlich sind.

Trotz der weit verbreiteten Meinung war Ungarn nie ein "Modell" für andere Länder. Es hatte allerdings seine wirtschaftlichen Spielräume im Sozialismus gut genutzt und sich damit nach der politischen Wende vorübergehende, relevante Vorteile verschaffen können: marktgerechte Privatisierung, Öffnung für ausländisches Kapital, bessere juristische und institutionelle Rahmenbedingungen, mikrowirtschaftliche "Reife", Offenheit der Gesellschaft dank Reisefreiheit. Zahlreiche dieser Vorteile haben überlebt, und sie wirken heute noch in der mikrowirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, der Qualität der Auslandsinvestitionen oder im Technologieexport nach. Andere Vorteile, die im geteilten Europa ein wichtiges Plus bedeutet hatten (etwa Spielräume für "Unternehmen"), kehrten sich bald ins Negative um und stellen heute große Barrieren für eine nachhaltige und wettbewerbskonzentrierte Entwicklung dar, etwa die hohe Zahl von "Zwangsunternehmern", welche die Regeln der Marktwirtschaft nicht beachten, aber über nicht zu unterschätzende Einflussmöglichkeiten nicht nur auf die Wirtschaftspolitik zu verfügen scheinen.

Der schon vor 1989 erhebliche und immer weiter zunehmende Öffnungsgrad der ungarischen Wirtschaft war ein Gebot der wirtschaftlichen und geographischen Realitäten. Eine kleine Volkswirtschaft kann hohe Wachstumsraten nur dann erzielen, wenn sie sich auf überdurchschnittliche Wachstumsfaktoren, wozu über Jahrzehnte lang der Außenhandel gehörte, stützt. Ohne eine Liberalisierung des Kapitalmarktes ist es für ein mittelmäßig entwickeltes Land im Sog der technologischen Revolution kaum möglich, aus der historisch geerbten Kapitalknappheit eine Tugend zu machen. Schließlich war die Mitgliedschaft in der EU von Anfang an nicht nur ein wirtschaftliches, sondern vor allem ein (sicherheits-)politisches Ziel aller ungarischen Regierungen. Mit unterschiedlicher Akzentuierung und mit Zeitverschiebung haben sich die meisten ostmitteleuropäischen Länder diesen Prioritäten verpflichtet; schon deshalb kann man nicht von einem "ungarischen Modell" sprechen.

Doch bereits als die ererbten (oder früher ausgearbeiteten) Vorteile in zahlreichen Bereichen Früchte trugen, beging man schwer wiegende wirtschaftspolitische Fehler. Während die erste demokratisch gewählte Regierung die wirtschaftspolitischen Entscheidungen entideologisiert hatte, stand die Zerschlagung der leistungsfähigen Landwirtschaft ganz im Zeichen der Ideologie. Auch das Einfrieren der Wirtschaftskontakte mit der Sowjetunion und mit den wichtigsten Nachfolgestaaten, vor allem Russland, kann kaum als Komponente eines erfolgreichen "Modells" bezeichnet werden. Nach der erfolgreichen Stabilisierung der Wirtschaft durch das Sparpaket von Lajos Bokros, 1995 Finanzminister, haben mehrere Regierungen schwer wiegende Fehler begangen. Der größte bestand in der Vernachlässigung von strukturellen Reformen (etwa im Gesundheits- und im Bildungswesen, in der öffentlichen Verwaltung, in der Steuerpolitik, auf dem Arbeitsmarkt); eine Rentenreform wurde 1997 vollzogen, nach 1998 aber wieder revidiert. Das 2006 ausufernde Haushaltsdefizit war bei weitem nicht das Produkt eines Jahres, seine Wurzeln reichen in das Jahr 2000 zurück, als die Regierung angesichts des verlangsamten Wachstums in Westeuropa den Akzent auf die künstliche Belebung des Binnenmarktes legte, mit großzügiger Unterstützung des Wohnungsbaus und von Klein- und Mittelunternehmen, deren Wettbewerbsfähigkeit zumindest fragwürdig war. Beides hat zum Haushaltsdefizit beigetragen. Darüber hinaus verkündete die Nationalbank eine antiinflationäre Politik des harten Forint, die exporthemmend und importfördernd wirkte und nur durch überhöhte Zinsen aufrechtzuerhalten war. Aufgrund wirtschaftlicher Rationalität begannen sowohl Unternehmen als auch Individuen, sich in ausländischen Währungen mit weit besseren Zinsbedingungen zu verschulden.

Die Liste der schlechten Prioritäten muss ergänzt werden durch Maßnahmen, mit denen man im Prinzip einverstanden war (etwa die rasche Erhöhung der Gehälter im öffentlichen Dienst, um die Qualität der Verwaltung zu verbessern, ferner übersteigerte Sozialausgaben, um die soziale Kohäsion zu stärken, oder der Autobahnbau, der Ungarns europäische und regionale Wettbewerbsfähigkeit erhöhen sollte). Doch diese Prioritäten haben die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft überfordert, so dass die Verwirklichung der Ziele 2006 zu einem Haushaltsdefizit geführt hat, das durch einheimische Ersparnisse nicht finanziert werden konnte und das die internationale Finanzwelt nicht mehr finanzieren wollte. So entstand die erste, hausgemachte Krise in Ungarn, etwa zwei Jahre, bevor die globale Finanz- und Wirtschaftkrise den europäischen Kontinent erfasste.