APUZ Dossier Bild

6.7.2009 | Von:
Krisztián Ungváry

Belastete Orte der Erinnerung

Das "Terrorhaus"

Das Haus an der Andrássy-Straße 60 in Budapest ist geradezu prädestiniert für ein Museum, denn hier hatte bis 1945 die ungarische rechtsradikale Partei der Pfeilkreuzler ihre Parteizentrale, und anschließend diente es als Hauptquartier der kommunistischen politischen Polizei. Die Adresse galt im Gedächtnis der Nation als Synonym für Schrecken. Obwohl ab 1950 nicht mehr von der Staatssicherheit genutzt, wurde "Andrássy 60" als Inbegriff stalinistischer Polizeimethoden bis in die 1980er Jahre hinein verwendet.

Die demokratische Transformation in Ungarn veränderte den Umgang mit dem Gebäude zunächst nicht. Bis 2001 erinnerte nur eine bescheidene Gedenktafel an seine Geschichte; die Räume wurden zur kommerziellen Nutzung vermietet. 1994 gelangte für eine Legislaturperiode eine Koalition aus Postkommunisten und Liberalen an die Regierung. Für die Mehrheit dieser Regierungskoalition war die öffentliche Erinnerung an die kommunistischen Verbrechen unangenehm, da diese nicht in ihr reformkommunistisches Weltbild passte. Viele noch aktive Politiker tragen Verantwortung für die Verbrechen der Diktatur. Da die Beschwörung einer antifaschistischen Staatstradition nach 40 Jahren unglaubwürdig geworden war, konnte die Errichtung einer solchen Gedenkstätte auch nicht als politischer Gewinn verbucht werden. Schweigen stellte in dieser Phase die einzig mehrheitsfähige Konzeption für die Deutung der Geschichte dar.

Mehr als zehn Jahre mussten nach der politischen Wende vergehen, bevor eine museale Darstellung des stalinistischen Totalitarismus verwirklicht werden konnte. Die aus dem liberalen Lager kommende, jedoch nach 1994 konservativ ausgerichtete Partei von Viktor Orbán stellte von 1998 bis 2002 die Regierung. Sie versuchte, die öffentliche Erinnerungskultur in Ungarn radikal zu verändern. Ein Zeichen dafür war im Jahre 2000 die Einführung eines Gedenktages für die Opfer der kommunistischen Verbrechen und die Einführung eines Holocaust-Gedenktages als Beitrag zur transnationalen Erinnerungspolitik.

Im Zeichen des ersten Gedenktages wurde im Jahr 2002 das imposanteste Museum der vergangenen 15 Jahre eröffnet, das "Terrorhaus". Die Kosten beliefen sich auf über 160 Millionen Euro, die Bauzeit betrug mehr als drei Jahre. Das Haus lehnte sich stark an ähnliche Einrichtungen in Osteuropa und in den USA an (die Museen in Vilnius, Tallinn und Riga, ferner das Holocaust-Memorial Museum in Washington und das Jüdische Museum in Berlin). Nach der Eigendefinition ist das "Terrorhaus" ein Mahnmal, "eine Statue im Form eines Hauses". In der Tat operiert die Gedenkstätte überwiegend mit audiovisuellen Mitteln: Die einzelnen Räume vermitteln Geschichte auf höchst emotionale Weise und stehen damit im Gegensatz zu herkömmlichen Ausstellungsmethoden der reinen Information. Das Objekt ist seit 2002 in der kollektiven Erinnerung zum Wallfahrtsort des Gedenkens an die Opfer des Terrors geworden.

Auf emotional history trifft man bereits im Vorraum. Auf einem Bildschirm sieht man in einer Endlosschleife drei gequälte alte Menschen, die unter Tränen sagen, dass "es möglich ist zu verzeihen, jedoch nicht möglich, zu vergessen". Wer, wo, wem, warum, erfährt man an dieser Stelle nicht, und zu diesem konkreten Fall auch nichts im Folgenden. Am Eingang stehen zwei gleich große schwarze und rote Marmortafeln mit einer Widmung für die Opfer der Kommunisten bzw. der Pfeilkreuzler. Man hört dazu düstere Musik. Jeder Hinweis auf Dauer, Opferzahlen oder Unterdrückungsmethoden fehlt. Damit wird die Darstellung zur Karikatur der Totalitarismustheorie, die gerade Zusammenhänge zu erklären versucht, ohne Terrormaßnahmen gleichzusetzen. Im Innenhof des Museums stehen sich auf einer Fotoinstallation eine "Wand der Täter" und eine "Wand der Opfer" gegenüber, jedoch ohne Erläuterung, um welche Täter und welche Opfer es sich handelt. Auf drei Etagen erstreckt sich die eigentliche Ausstellung, die in großzügig ausgestatteten Räumen ausgewählte Aspekte beider Diktaturen behandeln.

Politiker der Sozialisten und der Liberalen kritisierten von Anfang an die Idee einer Dokumentationsstätte in diesem Haus und nahmen an den Eröffnungsfeierlichkeiten nicht teil. Außenminister László Kovács forderte im Jahre 2002, anstatt eines "Terrorhauses" solle man ein "Haus der Erinnerung und Versöhnung" an anderem Ort errichten. Hier sind einige grundsätzliche Überlegungen angebracht: Versöhnung setzt angemessene Kenntnisnahme und Anerkennung der Schuld voraus. Doch das ist seitens der Täter praktisch nie erfolgt, viel eher herrschen ihrerseits Verharmlosung und Verleugnung vor, wobei eine Gleichsetzung und Aufrechnung der Regime erfolgt. Weite Teile der ungarischen Gesellschaft übernehmen diese Interpretation gerne, da sie sich damit auch entlasten können. Für diese eigentümliche Sichtweise ist die Parlamentspräsidentin Katalin Szili ein gutes Beispiel. Sie sagte bei einer Pressekonferenz, dass die "Sozialisten um Entschuldigung bitten, unabhängig davon, ob die Verbrechen von uns begangen worden sind oder nicht. Wir bitten die ungarische Nation, die Verbrechen der Vergangenheit zu verzeihen, sowie auch wir denjenigen verzeihen, die gegen uns gesündigt haben."[1]

Die Debatten[2] um das "Terrorhaus" wurden weiter emotionalisiert durch die Tatsache, dass die Aussteller auf der "Wand der Täter" auch Verwandte zweier liberaler Politiker[3] abbildeten, jedoch ähnlich umstrittene Verwandte des Museumskuratoriums aussparten.[4] Es blieb unklar, welche Kriterien die Auswahl der dargestellten Personen leiteten.[5]

Die neue sozialistisch-liberale Regierung beschloss daher, das Museum zu verändern. Alle Versuche schlugen jedoch fehl, weil das Haus politischen Symbolcharakter besaß und ihre Kritiker pauschal als Feinde der Erinnerung, gar als Sympathisanten der Täter verunglimpft wurden. In einer gereizten politischen Atmosphäre wurden Argumente nicht gehört und sachliche Einwände als politische Angriffe gewertet. Die rechte Opposition sah in diesen Versuchen eine direkte Einmischung der Täter, die ihre Spuren verwischen wollen. Dagegen anzutreten war für die postkommunistische Regierung hoffnungslos. Hier erwies sich die Machtlosigkeit einer Geschichtspolitik, die keine anderen Narrative an die Stelle der gültigen setzen konnte.

Die Rede Viktor Orbáns am 23. Februar 2003 zeigte, dass das "Terrorhaus" weit mehr bedeutete als ein bloßes Museum: "Die Konfrontation mit der Vergangenheit ist die Geschichte des andauernden Scheiterns: ungenügende Wiedergutmachung, zurückgewiesene Anklagen wegen Massenerschießungen, verhöhnte Lustrationsversuche. Der einzig wahre Versuch, uns mit der Geschichte zu konfrontieren, besteht in diesem Haus. Vor einem Jahr dachten wir, dieses Haus, die Andrássy-Straße 60 ist ein lebendiges Leiden. Heute fühlen wir immer stärker und immer mehr, dass es auch ein lebendiges Gewissen darstellt."[6]

Der Weg zum Holocaust und die Deportation der ungarischen Juden werden im Museum nur am Rande behandelt, mit der Begründung, dass für dieses Thema ein separates Holocaust-Museum errichtet worden sei; darüber herrschte Konsens zwischen allen Parteien. Dieses Museum befindet sich aber nicht an einem zentralen Platz, sondern in einem Außenbezirk in einer renovierten Synagoge und ist seit 2004 öffentlich zugänglich. Die Botschaft der Trennung des Themas erwies sich aus Sicht des nationalen Gedenkens jedoch als fatal: Mit der Zuordnung zu einem jüdischen, religiös-sakralen Objekt wurde der Holocaust als Thema derjenigen, die sich für die jüdische Religion oder das jüdische Volk interessieren, eingeordnet. Diese Sichtweise ist in Ungarn sowohl aus Sicht der Opfer als auch aus Sicht der Täter falsch: Die Opfer waren in ihrer Mehrheit (im Gegensatz zu allen anderen Juden Osteuropas) assimiliert und zu einem relativ hohen Prozentsatz auch getauft. Ihre Mörder machten sie wieder zu Juden, und die Ausstellungsmacher übernahmen unkritisch diese Zuweisung. Auch aus Sicht der Täter und derjenigen, die Bereitschaft zur Vergangenheitsbewältigung zeigen, ist die Botschaft, die von der Synagoge ausgeht, falsch, weil dieser Ort die Konfrontation mit der Verantwortung der Gesellschaft auf ein einziges Symbol reduziert, obwohl in Ungarn weite Kreise materiell von Antisemitismus, Raub und Deportationen profitiert hatten.[7]

In dem Raum des "Terrorhauses", in dem die politische Transformation mittels des "Wechselns der Uniform" visualisiert wird, versagt die symbolische Darstellung am deutlichsten. Im nationalen Gedächtnis ist die Wandlung der "kleinen" Pfeilkreuzler zu "kleinen" Kommunisten ein festes, und historisch gesehen auch fundiertes Bild, womit auch der Erfolg der KP und ihre massenhafte Mitgliederzahl erklärt wird. Das Museum versucht, dieses Phänomen im Zeichen der Totalitarismustheorie zu deuten: Auf einem sich drehenden Podium sind zwei mit dem Rücken zum Betrachter aufgestellte Figuren zu sehen, die die Uniform der Pfeilkreuzler und der kommunistischen politischen Polizei tragen. Um die Kontinuität zu zeigen, hört man das Schließen von Kleiderschränken, auf einem Bildschirm werden sich umziehende Schatten gezeigt.

Das Konzept der Aussteller, Kontinuität anhand der Mitglieder der politischen Polizei zeigen zu wollen, legt den Verdacht nahe, dass man vor der Thematisierung der nationalen Verantwortung ausweichen wollte. Über die Mitglieder der politischen Polizei der KP ist allein ein Satz zu lesen: "eine Organisation aus linksradikalen Elementen, Kriminellen und ehemaligen Pfeilkreuzler-Henkersknechten". In der Realität gab es in der Führung der politischen Polizei, also unter den Personen, deren Bilder die Porträtsammlung zeigt, keinen einzigen "Pfeilkreuzler-Henkersknecht" und auch keinen gewöhnlichen Kriminellen. Viele Mitglieder waren tatsächlich überzeugte Kommunisten, also "linksradikale Elemente". Bei den Allermeisten könnte aber auch Rache als Motivation zum Eintritt in die Polizei eine Rolle gespielt haben, denn die ersten Mitglieder der politischen Polizei waren überwiegend Juden, die unter der Diktatur als Verfolgte gelitten hatten, nur wenige kamen aus der Emigration. Diese Tatsachen verschweigt die Ausstellung. Die Gründe dafür sind klar: Die Ausstellung will über die Kommunisten nur kompromittierendes Material darstellen. Antifaschismus hat deshalb kaum Platz. Doch hätte eine differenzierte Darstellung selbst dem antikommunistischen Ausstellungskonzept gutgetan; so hätte man erwähnen können, dass die politische Polizei auch gegen Juden, insbesondere gegen "Zionisten", brutal auftrat. Unter den ersten Opfern der Kommunisten befanden sich zudem die jüdischen Mitglieder der kommunistischen, jedoch nicht moskautreuen Weishaus- und Demény-Fraktionen.

Im nächsten Raum, der sich mit dem antikommunistischen Widerstand befasst, steht folgender Text zu lesen: "Mehrere Zehntausende meldeten sich zur Organisation eines bewaffneten Widerstands (...). Die Namen von vielen sind unbekannt. Von anderen erzählt man immer noch kommunistische Lügen. Obwohl sie richtige Helden sind." Es ist schwer, diese Sätze anders auszulegen, als mit der Interpretation, dass hier einseitig alle antikommunistischen Bewegungen, auch die rechtsradikalen und rassistischen, als heldenhaft beschrieben und verherrlicht werden sollen. Die Motive des Antikommunismus werden nicht hinterfragt und die Bewegungen nicht genügend differenziert.

Der letzte Satz des Ausstellungskatalogs weist auf völlige Begriffsverwirrung hin: "Das ehemalige Haus der Terrors zeigt uns, dass die Opfer für die Freiheit nicht unnötig waren. Im Kampf gegen die beiden tödlichen politischen Systeme siegten schließlich die Freiheit und Unabhängigkeit." Dieser Satz ist typisch, aber er ist falsch. Die Leiden derjenigen, die an der Donau erschossen, im kommunistischen KZ Recsk getötet oder zum Krüppel gemacht wurden, können nur dann als Opfer der Freiheit bezeichnet werden, wenn sie eine Wahl gehabt hätten. Sie mussten jedoch nicht deshalb leiden, weil sie für "Freiheit und Unabhängigkeit" gekämpft hatten, sondern weil sie als "Juden" oder als "Bourgeois" geboren wurden. Hätte das Museum zielbewusst die Konzeption des Totalitarismus vertreten, wäre es zu solchen Fehlgriffen nicht gekommen. So aber entstand eine politisch gut nutzbare Ausstellung, an deren Ende das "Gute", welches identisch mit der eigenen Nation ist, das "Böse", also die "Fremden" besiegt. Diese Sichtweise entstammt einer Version nationaler Identität, welche die Opfer in das Zentrum rückt.

Fußnoten

1.
Zit. nach: Mária Schmidt, A terror háza múzum els? éve [Das erste Jahr des Terrorhausmuseums], in: Magyarország politikai évkönyve, (2003) 1, S. 330, S. 338. Anschließend forderte Szili einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit.
2.
Vgl. für eine Zusammenfassung dieser Debatten M. Schmidt (ebd.) sowie Krisztián Ungváry, A pártmúzeum, in: Magyarország politikai évkönyve, (2003) 1, S. 340 - 357.
3.
Der Vater Iván Pet?s diente bei der Grenzwache als Major, der Vater von Tamás Bauer war Gründungsmitglied der kommunistischen Polizei. Bauer wurde im Parlament darauf angesprochen, wo er die Verstrickungen seines Vaters im Abrede stellte, obwohl darüber zahlreiche Dokumente existieren.
4.
Der Vater eines Kuratoriumsmitglieds wurde als Komissar für die Neugestaltung der hungaristischen Kunst nach der Pfeilkreuzler-Machtübernahme ernannt, ein anderer Verwandter war als Oberst der Gendarmerie mitverantwortlich für die Deportation der ungarischen Juden, eine dritte Person war aktives Mitglied der sog. Brachialtruppe nach 1956.
5.
Es sind sowohl Regierungsmitglieder als auch einfache Angehörige der Staatspolizei im Unteroffiziersrang ausgestellt worden, ohne jegliche Angaben über die Art ihrer Verstrickung.
6.
M. Schmidt (Anm. 1), S. 335. Nach der politischen Wende sind mehrere Prozese wegen Kriegsverbrechen gegen Personen eingeleitet worden, die während oder nach der Revolution 1956 an Massenerschießungen teilnahmen. Obwohl die Sachlage relativ eindeutig war und viele Täter vor Gericht gestellt wurden, kam es in keinem Fall zu vollzogenen Gefängnisstrafen. 1994 wurde im ungarischen Parlament ein Gesetz über die Lustration erlassen, das jedoch in seiner Formulierung einer Verhöhnung der Opfer gleichkam, weil es nur einen Bruchteil der von der Staatssicherheit Begünstigten sanktionierte, und dies auch nur dann, wenn der Betroffene in besonders wichtigen Positionen gearbeitet hatte.
7.
Vgl. dazu Krisztián Ungváry, Der Getriebene und der Treiber. Das Verhältnis zwischen ungarischer Politik und deutschen Deportationsplänen, in: Brigitte Mihok (Hrsg.), Ungarn und der Holocaust, Berlin 2005, S. 41 - 54.