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6.7.2009 | Von:
Melani Barlai
Florian Hartleb

Die Roma in Ungarn

Obwohl die Roma in Ungarn Bestandteil der nationalen Kultur sind, erfahren sie alle Formen von Exklusion. Sollte sich ihre Situation weiter verschlechtern, könnten bürgerkriegsähnliche Zustände drohen.

Einleitung

Der populäre ungarische Schriftsteller Sándor Márai schrieb im Jahr 1938: "Zigeuner. Ist es wirklich so übel, am Rande der Landstraße zu leben, in armseligen Katen, (...) außerhalb jeder gesellschaftlichen Verpflichtung und verkrochen in der zwielichtigen, dumpfen Lehmhütte (...) - ein bisschen auch Geige fiedelnd, hühnerklauend, (...) in Rauch und Lehm und sich dabei an Indien erinnernd (...)? Ist es tatsächlich ein so übles Schicksal, abseits der Welt zu stehen, (...)?"[1] Um die hier klischeehaft beschriebene Situation der Roma[2] in Ungarn soll es im Folgenden gehen.







Auf Nationalitätenkarten des 19. und 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet des heutigen Ungarns und der Slowakei[3] fehlen die Roma. Erst Ende der 1990er Jahre verwendete ein ungarischer Geograph gelbe Punktsignaturen, die auf diese Bevölkerungsgruppe verweisen.[4] Im heutigen Ungarn bilden die Roma die größte ethnische Minderheit mit einer Bevölkerungszahl von rund 700 000 (sieben Prozent der Gesamtbevölkerung).[5] Die Arbeitslosenquote liegt, abhängig von der Region, zwischen 50 und 90 Prozent, in einzelnen ausschließlich von Roma bewohnten Dörfern im Grenzgebiet zur Slowakei sogar bei 100 Prozent.[6]








Fußnoten

1.
Sándor Márai, Die vier Jahreszeiten, München-Zürich 2009, S. 161f. (Original: A négy evszak, k?ltmények prózában, Budapest 1938).
2.
"Rom" bedeutet übersetzt "Mann" oder "Mensch".
3.
Durch den am 4. Juni 1920 unterzeichneten Vertrag von Trianon verlor Ungarn als Folge des Ersten Weltkriegs zwei Drittel seines Territoriums, darunter Teile der heutigen Slowakei.
4.
Vgl. László Sebök, Map of Central and South Eastern Europe, Budapest 1998.
5.
Das Außenministerium spricht von bis zu 600000; vgl. Fakten über Ungarn, Kapitel Zigeuner/Roma in Ungarn, Budapest 2004.
6.
Vgl. Flórián Farkas, óiási mértékben emelkedhet az analfabétizmus, www.romnet.hu/hirek/hir0608121 (30.3. 2009), Budapest 12.8. 2006. Farkas ist Rom und Parlamentsabgeordneter der konservativen Fideszpartei.