APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Ungarn und seine Nachbarn


6.7.2009
Die Geschichte Ungarns bietet Integrationen und Desintegrationen in Nachbarschaftsverhältnissen als einen ihrer Wesenszüge dar. Der Artikel stellt Epochen übergreifende Beispiele vor.

Einleitung



Das Volk der Magyaren trat in die europäische Geschichte mit dem Grundmerkmal der Herkunftsvielfalt ein. Nachdem es sich auf seiner Jahrhunderte langen Wanderung vom Ural aus turko-bulgarischen, kawarischen und finnisch-ugrischen Elementen zu einem Stammesverband formiert hatte und weiter nach Westen gezogen war, wurde es im Donau-Karpatenbecken sesshaft.[1] Seine Außenbeziehungen waren nach der Landnahme am Ende des 9. Jahrhunderts nicht mehr mit großräumigen Verschiebungen verbunden. Die Christianisierung des heidnischen Stammesverbands und die Begründung der Staatlichkeit um das Jahr 1000 waren vielmehr das Ergebnis einer geistigen Westbewegung, in der die Herausforderung, ethnisch-kulturelle und rechtlich-soziale Verschiedenartigkeiten in einer steuerbaren und entwicklungsfähigen Einheit zu halten, die Notwendigkeit nach sich zog, das neue Königreich im Osten Mitteleuropas zu Abstimmungen auch mit östlich-südöstlichen Nachbarräumen zu führen.[2]




Vielsagendes Beispiel für die lateinisch-christliche Westorientierung ist die Übernahme und Einbürgerung der baierisch vermittelten Staatskonzeption zur Zeit des ersten christlichen Königs Ungarns, Stephans I. des Heiligen (1000 - 1038) aus der Dynastie der Árpáden. Lange Zeit wurde sie vor allem von deutschen Historiographen mit der Abhängigkeit des Stephansreichs vom deutschen Reich erklärt. Eine neue Analyse der ungarisch-deutschen Beziehungen während der Herrschaft der Árpádenkönige beziehungsweise der ottonischen und salischen Kaiser weist nach, dass die Eingliederung Ungarns in die westliche Staatenwelt in deutscher Hinsicht vielmehr durch Anlehnung und Emanzipation verlief.[3]

In der östlichen und südöstlichen Nachbarschaft des frühen ungarischen Königreiches ist zum einen die Integration des Raumes von der östlichen Adriaküste bis zur pannonischen Ebene bemerkenswert. Sie brachte ab dem letzten Drittel des 11. Jahrhunderts eine der eigenartigsten und langlebigsten Verbindungen zwischen ostmitteleuropäischen Nationen hervor, die ungarisch-kroatische Staatsgemeinschaft, die mit Unterbrechungen bis 1918 bestand.[4] Zum anderen waren die Beziehungen zum byzantinischen Kaisertum sowie jene zur griechischen Orthodoxie im kirchlich-religiösen Leben des Landes von einer epochal zwar begrenzten, aber prägenden Bedeutung. Unter den bis 1301 herrschenden Árpáden nahm Ungarn nicht zuletzt durch seine dynastischen Ehebündnisse mit Byzanz und der Kiewer Rus' eine Brückenstellung zwischen dem lateinischen und dem griechischen Christentum ein.[5]

In der inneren Dimension der mittelalterlichen Nachbarschaftsverhältnisse ergibt die ethnisch-kulturelle Vielfalt der Bevölkerung bereits seit der Staatsgründung einen eigenen Themenbereich, den drei Schwerpunkte füllen: 1. die Beziehungen des ungarischen Staates und der Staatsnation zu den nichtungarischen und nichtchristlichen Völkern im Reich; 2. die Migrationen und Identitäts- sowie Organisationsformen, Assimilationen und Dissimilationen der Nationalitäten; 3. die verschiedenen interethnischen Kontakte hauptsächlich im politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben.

Eine der verwickeltsten Forschungsfragen bezieht sich auf den Beginn der jeweiligen zweiseitigen Beziehungen. In ungarisch-deutscher Hinsicht fällt die Antwort leicht: Die schon zur Zeit Stephans eingewanderten "Gäste" (hospites), die bekannteren unter ihnen aus dem süddeutschen Raum, trugen nicht nur zur Staatskonzeption bei, sondern sicherten mit ihrer Verschmelzung eine der Voraussetzungen für die Herausbildung der ungarischen Aristokratie.[6] Mit ungarisch-rumänischem Bezug ist der fachliche Diskurs über die Anfänge hingegen problembehaftet.

Im mittelalterlichen Stephansreich bildete sich eine Dualität zwischen Königtum und Adel heraus, die das Wechselspiel von zentralistischen und autonomistischen Richtungen belebte.[7] Die Komitate entsandten als regionale Verwaltungseinheiten ihre Vertreter aus dem mittleren und dem Kleinadel auf die Reichstage, um in landespolitischen Angelegenheiten mitzureden. Manche taten das nicht einzeln - wie jene im nördlich-nordöstlichen Oberungarn mit slowakischer Bevölkerung -, sondern gemeinsam, nach Abstimmungen auf eigenen Landtagen, wie es in Siebenbürgen, im östlichen Reichsteil der Fall war. Als eine weitere Abweichung lässt sich in den erstgenannten Gegenden für das 15. Jahrhundert auch eine lokale Slowakisierung des ungarischen mittleren Adels nachweisen,[8] während in der siebenbürgischen Woiwodschaft keine ungarischen Adligen bekannt sind, die sich rumänisiert hätten. Umso mehr Fälle sind dort überliefert, in denen sich Rumänen magyarisierten.[9]

Die Woiwodschaft im Karpatenbogen war der Zentralmacht sowohl unter- als auch nebengeordnet. Die Ursprünge dieser Doppelstellung reichen ins 12. Jahrhundert zurück, als der Landesausbau die Teilung von Großverwaltungsräumen nach sich zog. Die Sonderentwicklung der östlichen Region beruhte auf deren Selbstverwaltung, die seit dem frühen 15. Jahrhundert mit vertraglichen Unionen der drei ständischen Nationen - des ungarischen Adels, der Siebenbürger Sachsen und der Szekler[10] - gefestigt wurde und sich auf weitere, teilweise geographisch umgrenzte Gruppenautonomien der Szekler und der Sachsen aufgliederte.[11]

Von den Eigenarten des innersiebenbürgischen Gegenseitigkeitsverhältnisses ruft die Rolle des rumänischen Volkselements die meisten Diskussionen hervor. Zahlreiche Rumänen stiegen ab dem Spätmittelalter durch persönliche Adelungen, die ihre sprachlich-konfessionelle Assimilierung nach sich zog, in die katholische Oberschicht des ungarischen Standes auf, als Gruppe orthodoxen Glaubens fehlten sie aber im Regionalverbund. Gerade mit Blick auf ihre Assimilierung stellt sich die Aufgabe, die Anfänge der ungarisch-rumänischen Begegnungen zu bestimmen. Dabei stehen sich drei Vorstellungen teilweise unversöhnlich gegenüber, die jeweils eine Theorie der Entstehung beziehungsweise siebenbürgischen Ansiedlung des rumänischen Volkes liefern. Somit sind sie im Wettstreit um die frühere Anwesenheit in Siebenbürgen, um das ältere historische Recht auf die Region leicht politisierbar.[12] Nach der Überlegung, die das Problem der rumänischen Volkwerdung selbst zu überbrücken hilft, hatten sich das im Karpatenbecken siedelnde ungarische und rumänische Volk ursprünglich voneinander nur unterschieden - vornehmlich sozial, konfessionell und sprachlich.[13] Deshalb reicht es nicht, herauszufinden, ab wann diese Verschiedenartigkeiten in den gesellschaftlichen Strukturen auftraten, wenn nicht geklärt wird, warum und wie sie sich anglichen beziehungsweise zu Gegensätzen verschärften. Die Frage, ob die beiden Nachbarvölker miteinander oder eher nur neben- oder sogar gegeneinander gelebt hätten, rückt den Charakter der ungarisch-rumänischen Begegnungen in den Vordergrund, und zwar von Epoche zu Epoche, nicht bloß um deren angenommenen oder gemutmaßten ersten Zeitpunkt.

In einer erweiterten Binnenperspektive auf das alte Stephansreich ergibt sich der erstaunliche Befund, dass der größere und ältere Teil des ungarischen buch- und bibliotheksgeschichtlichen Erbes seit dem 15. Jahrhundert nicht aus dem Gebiet des heutigen Ungarn, sondern aus Oberungarn, also der heutigen Slowakei, sowie aus Siebenbürgen überliefert ist. Er enthält eine erhebliche Anzahl von Drucken in slawischer und rumänischer Sprache.[14]



Fußnoten

1.
Vgl. Martin Eggers, Beiträge zur Stammesbildung und Landnahme der Ungarn. 1: Die ungarische Stammesbildung; 2: Die ungarische Landnahme, in: Ungarn-Jahrbuch, 23 (1997), S. 1 - 63; 25 (2001/2002), S. 1 - 34.
2.
Vgl. Thomas von Bogyay, Grundzüge der Geschichte Ungarns, Darmstadt 19904, S. 17 - 55.
3.
Vgl. Gábor Varga, Ungarn und das Reich vom 10. bis zum 13. Jahrhundert. Das Herrscherhaus der Árpáden zwischen Anlehnung und Emanzipation, München 2003 (Phil. Diss., KU Eichstätt-Ingolstadt).
4.
Vgl. Josef Deér, Die Anfänge der ungarisch-kroatischen Staatsgemeinschaft, Darmstadt 19702; Ludwig Steindorff, Kroatien. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Regensburg-München 2001.
5.
Vgl. Edgar Hösch, Die ungarische Alternative zwischen Rom und Byzanz im Mittelalter, in: Georg Brunner (Hrsg.), Ungarn und Europa - Rückblick und Ausblick nach tausend Jahren, München 2001, S. 19 - 33.
6.
Vgl. Erik Fügedi, Ispánok, bárók, kiskirályok. A középkori magyar arisztokrácia fejl?dése [Gespane, Barone, Potentate], Budapest 1986, S. 11 - 45.
7.
Vgl. Herbert Küpper, Autonomie im Einheitsstaat. Geschichte und Gegenwart der Selbstverwaltung in Ungarn, Berlin 2002, S. 30 - 40.
8.
Vgl. András Kubinyi, A szlovákok és Magyarország kés?-középkori kormányzata [Die Slowaken und die Regierung Ungarns im Spätmittelalter], in: Imre Molnár (Hrsg.), Szlovákok az európai történelemben. Tanulmányok, Budapest 1994, S. 17 - 26.
9.
Vgl. Ioan Dr?gan, Nobilimea româneasc? din Transilvania între anii 1440 - 1514 [Der rumänische Adel in Siebenbürgen 1440 - 1514], Bucure?ti 2000.
10.
Ungarischsprachiges Volk (ungeklärter Herkunft) im landnehmenden Stammesverband der Magyaren, auch heute in Siebenbürgen ansässig. Vgl. dazu Harald Roth u.a. (Hrsg.), Die Szekler in Siebenbürgen. Von der privilegierten Sondergemeinschaft zur ethnischen Gruppe, Köln-Weimar-Wien 2009.
11.
Vgl. Wolfgang Kessler (Hrsg.), Gruppenautonomie in Siebenbürgen. 500 Jahre siebenbürgisch-sächsische Nationsuniversität, Köln-Wien 1990; Konrad G. Gündisch, Ständische Autonomie und Regionalität im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Siebenbürgen, in: Heinz-Dietrich Löwe u.a. (Hrsg.), Minderheiten, Regionalbewußtsein und Zentralismus in Ostmitteleuropa, Köln-Weimar-Wien 2000, S. 21 - 49.
12.
Vgl. Lucian Boia, Geschichte und Mythos. Über die Gegenwart des Vergangenen in der rumänischen Gesellschaft, Köln-Weimar-Wien 2003, S. 136 - 177; Unter welchen historischen Umständen wurden die Rumänen zur Mehrheit auf dem Boden ihres heutigen Staates? Ergebnisse einer kleinen Konferenz, in: Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde, 25 (2002) 1, S. 62 - 71.
13.
Vgl. László Makkai, Magyar-román közös múlt [Ungarisch-rumänische gemeinsame Vergangenheit], Budapest 19892, S. 11 - 28.
14.
Mit Quellen- und Literaturhinweisen Zsolt K. Lengyel, A hungarológia mint interdiszciplináris és regionális tudomány. Korszeru? sítésének kutatás- és oktatásügyi szempontjai a német nyelvu? Kelet-, Kelet-Közép- és Délkelet-Európa-tanulmányok keretében [Die Hungarologie als interdisziplinäre Regionalwissenschaft], in: Századok, 139 (2005), S. 1011 - 1024, hier S. 1018.