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29.6.2009 | Von:
Anna Klein
Wilhelm Heitmeyer

Ost-westdeutsche Integrationsbilanz

Soziale Desintegration

Das Zusammenwachsen zweier unterschiedlicher Gesellschaften ist abhängig von individuellen Integrationschancen und den als "gerecht" empfundenen Gelegenheitsstrukturen zur Wahrnehmung dieser Chancen. Sind diese nicht vorhanden, und kommen Ungerechtigkeits- und Benachteiligungsgefühle auf, dann kann sich Solidarität weder zwischen Deutschen in Ost- und Westdeutschland noch gegenüber schwachen Gruppen in der Gesellschaft entwickeln. Der Blick auf die Entwicklungen der Integrationsmöglichkeiten in Ost- und Westdeutschland steht daher im Mittelpunkt, will man die Frage beantworten, ob der Vereinigungsprozess "gelungen" ist.

Die Theorie Sozialer Desintegration geht von drei Dimensionen aus, in denen Integration gelingen oder misslingen kann.[3] Sie thematisiert erstens die Einbindung auf der sozialstrukturellen Ebene (funktionale Systemintegration). Hier gerät der Zugang zu wichtigen gesellschaftlichen Teilsystemen, etwa dem Arbeitsmarkt oder Bildungsinstitutionen, in den Blick. Aus dieser Einbindung erwächst ein subjektives Gefühl positionaler Anerkennung. Konnte Integration in Ost- und Westdeutschland in diesem Bereich erreicht werden, oder, anders gefragt: Haben Ostdeutsche in ihrer Wahrnehmung dieselben Zugangschancen wie Westdeutsche?

Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit verläuft seit Beginn der Vereinigung eindeutig. Die Quoten in Ostdeutschland liegen deutlich höher, und die Differenz nimmt nicht ab. Schaut man auf die regionalen Entwicklungen, so ist erkennbar, dass ein Großteil der Kreise, in denen seit 2002 eine negative wirtschaftliche Entwicklung stattgefunden hat und eine hohe Abwanderung festgestellt werden kann, im Osten Deutschlands liegt.[4] Angesichts dieser objektiv schlechteren wirtschaftlichen Lage ist es kaum überraschend, dass Ostdeutsche ihre Situation hinsichtlich der eigenen wirtschaftlichen Lage schlechter einschätzen als Westdeutsche und häufiger Angst vor Arbeitslosigkeit haben (Abbildung 1 der PDF-Version).

Die Theorie Sozialer Desintegration betrachtet zweitens die Ebene der institutionellen Sozialintegration. Hier geht es um die Frage nach einem gerechten Interessenausgleich zur Vermeidung sozialer Spaltung und der Gewährleistung politischer Partizipation. Unsere Ergebnisse bilden die subjektiv nicht gelungene Durchsetzung von sozialer Gerechtigkeit ab. Sowohl die wahrgenommenen Gefühle der Machtlosigkeit als auch die Wahrnehmung sozialer Spaltung sind jeweils in den vergangenen sieben Jahren stabil unterschiedlich zwischen Ost- und Westdeutschland - und hinsichtlich der sozialen Spaltung mit einem aufholenden Trend im Westen (Abbildung 2 der PDF-Version). Wenn diese Machtlosigkeit als ausbleibende Chancen zu politischer Partizipation und die Entwicklung immer stärkerer sozialer Spaltung als Ausdruck der mangelhaften Durchsetzung von Gerechtigkeitsprinzipien gesehen werden, dann muss sich dies auch auf Einstellungen zur Demokratie niederschlagen.

Die dritte Dimension der Theorie Sozialer Desintegration fokussiert auf die sozial-emotionale Ebene, in der es um die Herstellung emotionaler Bindungen im sozialen Nahraum geht (kulturell-expressive Sozialintegration). Auch hier finden wir eine subjektiv höhere Desintegrationsbelastung in Ostdeutschland (Abbildung 3 der PDF-Version).

Betrachtet man diese Beschreibungen entlang der Dimensionen der Theorie Sozialer Desintegration, dann zeigen sich klare Unterschiede in Ost- und Westdeutschland. Die sozialen Desintegrationsängste und -gefahren in Ostdeutschland sind höher, mitsamt den Auswirkungen auf die Einstellungen zueinander, zum politischen System und gegenüber schwachen Gruppen. Allerdings zeigt sich bei einigen Indikatoren ein aufholender Trend in Westdeutschland, insbesondere hinsichtlich der Wahrnehmung sozialer Spaltung und mangelnder sozialer Unterstützung.

Fußnoten

3.
Vgl. Reimund Anhut/Wilhelm Heitmeyer, Desintegration, Anerkennung und die Rolle sozialer Vergleichsprozesse, in: Wilhelm Heitmeyer/Peter Imbusch (Hrsg.), Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft: Analysen zur gesellschaftlichen Integration und Desintegration, Wiesbaden 2005, S. 75 - 100.
4.
Vgl. S. Hüpping/J. Reinecke (Anm. 2).