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29.6.2009 | Von:
Anna Klein
Wilhelm Heitmeyer

Ost-westdeutsche Integrationsbilanz

Folgen für schwache Gruppen

Was haben die Probleme der deutschen Einheit mit Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu tun? Das schwierige Verhältnis der Ost- und Westdeutschen zueinander schlägt sich auf andere, insbesondere auf schwache Gruppen nieder. Knapp die Hälfte aller Westdeutschen und mehr als zwei Drittel der Ostdeutschen fordern, mehr Geld für die Einheit statt für die Integration von Ausländern auszugeben. Die gefühlte Benachteiligung führt dazu, dass dritten Gruppen weniger gegönnt wird und diesen gegenüber Restriktionen gefordert werden. Gefühlte Benachteiligung steht in einem deutlichen Zusammenhang mit allen Facetten abwertender Einstellungen gegenüber schwachen Gruppen, die wir als Syndrom Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit bezeichnen: "Da angenommene Ungleichwertigkeit den gemeinsamen Kern aller (...) Elemente ausmacht, sprechen wir von einem Syndrom Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit."[10]

Aufgrund des auffälligen Befunds, nach dem insbesondere fremdenfeindliche, islamophobe und rassistische Einstellungen in Ostdeutschland weiter verbreitet sind, analysieren wir im Folgenden, ob die Verbreitung abwertender Einstellungen gegenüber diesen drei Gruppen auf die in Ostdeutschland verbreiteteren Benachteiligungsgefühle zurückzuführen sind.

Unter fremdenfeindlichen Einstellungen verstehen wir die Abwehr von Gruppenangehörigen anderer ethnischer Herkunft, die zum einen auf (vermutete) Konkurrenz um (knappe) Ressourcen und zweitens auf die Etikettierung von "kultureller" Rückständigkeit ausgerichtet ist. Betrachtet man die Aussagen zur Messung fremdenfeindlicher Einstellungen, so zeigt sich: Insgesamt sind Ostdeutsche deutlich häufiger der Meinung, dass zu viele Ausländer in Deutschland leben, und sie stimmen ebenfalls häufiger der Aussage zu: "Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die in Deutschland lebenden Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken." (Abbildung 4 der PDF-Version) Vergleicht man nur Personen, die sich gegenüber dem anderen Teil Deutschlands benachteiligt fühlen, dann verschwinden die Unterschiede, d.h. Westdeutsche, die sich gegenüber Ostdeutschen benachteiligt fühlen, sind ebenso fremdenfeindlich eingestellt wie Ostdeutsche, die sich gegenüber Westdeutschland benachteiligt fühlen. Da die Benachteiligungsgefühle in Ostdeutschland viel weiter verbreitet sind, kommt es zu höheren Gesamtwerten.

Ähnliches zeigt sich für islamophobe Einstellungen. Islamophobie definieren wir als Bedrohungsgefühle und ablehnende Einstellungen gegenüber der Gruppe der Muslime, ihrer Kultur und ihren öffentlich-politischen wie religiösen Aktivitäten. Auch hier sind, vergleicht man die Gesamtbevölkerung in West- und Ostdeutschland, die Ostdeutschen ablehnender: 34 Prozent sind der Meinung, man sollte Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagen, während dies nur 21 Prozent der Westdeutschen meinen. Stellt man einen Vergleich aller Personen in West- und Ostdeutschland an, die sich benachteiligt fühlen, dann relativiert sich diese Differenz; unter Personen mit Benachteiligungsgefühlen sprechen sich ebenso viele Ostdeutsche wie Westdeutsche gegen die Zuwanderung von Muslimen aus, und die Angst vor Überfremdung ist unter sich benachteiligt fühlenden Westdeutschen sogar stärker verbreitet.

Schließlich zeigt sich bei rassistischen Einstellungen ebenfalls der Einfluss von Benachteiligungsgefühlen. Rassismus bezeichnet Einstellungen, welche die Abwertung von Gruppenangehörigen fremder Herkunft auf der Basis konstruierter "natürlicher" Höherwertigkeit der Eigengruppe vornehmen. Es ist der Versuch, eine Dominanz gegenüber Gruppen auszuüben, die auch an biologischen Unterschieden festgemacht werden. Der Aussage, dass "Weiße zu Recht führend in der Welt" seien, stimmen Ostdeutsche ähnlich häufig zu wie Westdeutsche. Betrachtet man nur Personen mit Benachteiligungsgefühlen, dann sind die Zustimmungswerte in Westdeutschland höher. Einzig bei der Frage, ob Aussiedler besser gestellt werden sollten als Ausländer, da sie deutscher Abstammung sind, zeigt sich keine Angleichung oder Umkehr der Werte. Auch in der Gruppe der Personen mit Benachteiligungsgefühlen sind Ostdeutsche rassistischer eingestellt. Allerdings wird auch hier der Einfluss der Benachteiligungsgefühle deutlich, da die Werte in dieser Gruppe höher sind.

Die Analysen zeigen, dass die starken Benachteiligungsgefühle in Ostdeutschland wesentlich zur Erklärung der weiter verbreiteten fremdenfeindlichen, islamophoben und rassistischen Einstellungen beitragen. Wären die Benachteiligungsgefühle in Westdeutschland ähnlich verbreitet wie in Ostdeutschland, so wäre auch mit einer ähnlichen Verbreitung fremdenfeindlicher, islamophober und rassistischer Ressentiments zu rechnen.

Fußnoten

10.
W. Heitmeyer (Anm. 1), S. 21.