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29.6.2009 | Von:
Karl-Heinz Paqué

Transformationspolitik in Ostdeutschland: ein Teilerfolg

Das Ergebnis: Werkbänke ohne Gewerkschaften

Wo steht der Osten heute? Schaubild 1 (der PDF-Version) zeigt die Entwicklung der Arbeitsproduktivität von 1991 bis 2008, und zwar für das verarbeitende Gewerbe (die "Industrie") und die Gesamtwirtschaft, jeweils im Verhältnis zum Niveau des Westens. Das Bild macht deutlich, dass von einer Stagnation des Aufholprozesses nicht die Rede sein kann, zumindest nicht in der Industrie. Dort nahm bis in die allerjüngste Zeit die Bruttowertschöpfung pro Erwerbstätigem kontinuierlich zu - von unter einem Viertel des Westniveaus 1991 über rund zwei Dritteln um die Jahrtausendwende bis auf zuletzt 78,3 Prozent im Jahr 2008.[8]

Gesamtwirtschaftlich dagegen verlief der Aufholprozess schleppender, nach anfänglich rasantem Tempo. Das liegt vor allem am Schrumpfen der Bauwirtschaft, an der Stagnation der Dienstleistungsgewerbe und am Rückgang staatlicher Aktivität. Dabei handelt es sich um nötige Anpassungen: Nur durch einen Strukturwandel weg von der binnenmarktorientierten Produktion von Bauleistungen und Diensten hin zum exportfähigen verarbeitenden Gewerbe kann der Osten aus der Transferabhängigkeit herauswachsen. Motor des Wachstums muss die (transferunabhängige) Industrie sein. Die Entwicklung geht deshalb volkswirtschaftlich in die richtige Richtung.[9]

Im verarbeitenden Gewerbe kam es trotz der Produktivitätsfortschritte nicht zu Lohnsteigerungen. Die ostdeutschen Industrielöhne folgten fast exakt dem westdeutschen Trend. Das Arbeitnehmerentgelt pro Erwerbstätigen liegt deshalb seit den späten 1990er Jahren bei konstant 67 bis 68 Prozent des Niveaus im Westen (Schaubild 2 der PDF-Version, oberer Teil). Entsprechend sind die Lohnstückkosten, definiert als das Verhältnis von Arbeitskosten zu Arbeitsproduktivität, kontinuierlich gesunken (Schaubild 2 der PDF-Version, unterer Teil). 2008 lagen sie bei 86 Prozent des Westniveaus. Industriell ist also der Osten - was die Lohnstückkosten betrifft - ein höchst wettbewerbsfähiger Standort geworden, trotz des fortdauernden Rückstands der Produktivität. Dies gilt umso mehr, als auch die Lohnentwicklung im Westen im internationalen Vergleich recht moderat ausfiel.

Diese Entwicklung bedarf der Erklärung, denn sie ist in den 1990er Jahren so nicht vorhergesagt worden. Der Grund liegt in der Erosion des Flächentarifvertrags: Wegen der hohen Arbeitslosigkeit gelang es im Osten weder den Arbeitgeberverbänden noch den Gewerkschaften, einen hohen Organisationsgrad zu erreichen. Tatsächlich ist der Anteil der Industrieunternehmen, die tarifvertraglich gebunden sind, nach allen Maßstäben extrem niedrig. Offenbar haben sich betriebsnahe Lösungen durchgesetzt, die ein hohes Maß an Flexibilität gewährleisten und die Löhne auf einem wettbewerbsfähigen Niveau halten.

Es bleibt der zählebige Ost/West-Rückstand der Arbeitsproduktivität. Statistische Beobachtungen und empirische Studien haben gezeigt, dass dieser Rückstand kaum noch mit Mängeln der Verfügbarkeit von Technologie und Kapital zusammenhängt, ebenso wenig mit einem Rückstand im Ausbildungs- und Qualifikationsniveau der Arbeitskräfte. Etwa 300 000 Ostdeutsche pendeln täglich zur Arbeit in den Westen und erreichen dort mühelos die Produktivität ihrer Kollegen. Tatsächlich sprechen alle Indizien dafür, dass der Grund für den Rückstand in der Art der Produkte liegt, die im Osten hergestellt werden.

Darauf verweisen vor allem die Rückstände der ostdeutschen Industrie in der Forschungs- und Exportorientierung. So bleibt die industrielle Forschung und Entwicklung (F&E) immer noch sehr stark auf den Westen konzentriert. Im Jahr 2006 lag der Anteil der Erwerbstätigen, die in F&E tätig sind, in Ostdeutschland mit 0,43 Prozent nur etwa bei der Hälfte des westdeutschen Niveaus von 0,88 Prozent. Diese Anteile haben sich seit Mitte der 1990er Jahre kaum verändert. Die Re-Industrialisierung des Ostens war also bisher nicht mit einer stärkeren Forschungsorientierung verbunden. Auch die industrielle Exportorientierung ist im Osten noch immer schwächer als im Westen. Im Jahr 2008 lag die Exportquote im Westen bei fast 46 Prozent, im Osten bei etwa 33 Prozent. Allerdings ist hier ein nachhaltiges Aufholen festzustellen: So stieg die ostdeutsche Exportquote von gerade 12 Prozent Mitte der 1990er Jahre auf etwa 20 Prozent im Jahr 2000 bis aktuell über 33 Prozent.

Die beiden verbleibenden Strukturschwächen der ostdeutschen Industrie hängen miteinander zusammen. Sie haben eine gemeinsame Ursache, die sich ansatzweise aus der Eigentümer-, Betriebsgrößen- und Beschäftigtenstruktur des verarbeitenden Gewerbes in Ostdeutschland ablesen lässt. Dort hatten 2005 mehr als vier Fünftel aller Betriebe mittel- und ostdeutsche Eigentümer, und deren Betriebsgröße lag im Durchschnitt bei gerade zwölf Beschäftigten - eine Größe, bei der es schwierig ist, eine hohe Forschungsintensität und Exportquote zu erreichen. 48 Prozent der Beschäftigten arbeiteten in diesen (relativ kleinen) Betrieben, 47 Prozent dagegen in den (durchschnittlich größeren) Betrieben westdeutscher und ausländischer Eigentümer. Bei diesen ist aus vielerlei anekdotischer Evidenz zu schließen, dass die meisten zwar durchaus mit neuester Technologie produzieren, aber ihre Forschungsabteilungen im Westen behielten und eher standardisierte Bereiche zur Herstellung in den Osten verlagerten. Die ostdeutsche Industrie ist noch immer zum Großteil eine verlängerte Werkbank des Westens. Sie steht damit dort, wo sich typischerweise die Industrie in strukturschwächeren Gebieten befindet. Sie ist in ihren Märkten zu den gegebenen Löhnen wettbewerbsfähig, aber sie hat Charakteristika, die nicht die gleiche Wertschöpfung erlauben wie in (westdeutschen) Ballungszentren.

Alles in allem lässt sich das Ergebnis am besten als Teilerfolg bezeichnen: Eine neue industrielle Basis ist geschaffen, aber sie reicht noch nicht aus, um westdeutsche Standards zu erfüllen, und zwar weder von der Größe noch von der Innovationskraft her. Allerdings ist der westdeutsche Standard auch sehr anspruchsvoll. Man darf nicht vergessen, dass der Osten Deutschlands bis 1989 über vierzig Jahre lang Teil einer sozialistischen Arbeitsteilung war, die sich gegen die Weltwirtschaft abschottete. Dabei gab es nicht nur eine gigantische Verschwendung von Ressourcen, sondern auch einen schleichenden Verlust von industrieller Innovationskraft. Selbst bestausgebildete Ingenieure konnten nach 1990 aus eigener Kraft keine neue Produktpalette entwickeln und auf dem Weltmarkt platzieren. Es bedurfte in praktisch allen Industriebranchen eines völligen Neuaufbaus, und dies unter dem Damoklesschwert der hohen Mobilität von Fachkräften, die jede Zögerlichkeit der Anpassung mit Abwanderung beantwortet hätten.

Es ist aufschlussreich, zum Vergleich einen Blick nach Tschechien zu werfen - jenem Land, das als hoch entwickelte Industrieregion die größte strukturelle Ähnlichkeit zu Ostdeutschland aufwies. Wo steht die tschechische Industrie heute? Bei etwa 30 Prozent der Produktivität und gut 20 Prozent des Lohnniveaus von Westdeutschland, und damit weit schlechter als in der Zwischenkriegszeit. Tschechien hatte keinen "Aufbau Ost" im Sinne eines massiven Hilfsprogramms durch einen benachbarten Westen; es hatte keinen Zugriff auf einen Pool von modernen Unternehmen aus demselben Kulturraum zur Finanzierung von Direktinvestitionen. Insofern ist der Rückstand nicht verwunderlich. Allerdings zeigt er auch, dass die postsozialistische Aufgabe des Aufholens gegenüber dem Westen offenbar viel schwieriger ist, als Anfang der 1990er Jahre erwartet wurde.

Fußnoten

8.
Pro Arbeitsstunde lag die Produktivität im verarbeitenden Gewerbe bei 71,0 Prozent des Westniveaus, weil im Osten die durchschnittliche Arbeitszeit in der Industrie 2008 um etwa zehn Prozent länger war.
9.
Siehe dazu im Detail K.-H. Paqué (Anm. 1), Kap. 4, und Harald Simons, Transfers und Wirtschaftswachstum. Theorie und Empirie am Beispiel Ostdeutschland, Marburg 2009.